Was wusste Papst Benedikt? Neue Details über sexuellen Missbrauch in der Kirche
Auch rund zwei Monate nach dem Tod von Papst Benedikt XVI. ebben die Diskussionen und die Fragen rund um mögliche Verflechtungen bezüglich des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen nicht ab. Bereits im vergangenen Jahr legte ein Münchner Anwaltsgutachten nahe, dass Benedikt über Missbrauchsfälle im Erzbistum München-Freising informiert war und diese möglicherweise bewusst vertuscht haben soll. Nun sorgt ein Briefwechsel für erneuten Wirbel – die Opfer-Initiative “Eckiger Tisch“ fordert deswegen jetzt Konsequenzen und die Herausgabe aller Dokumente.
Schützte der Papst einen verurteilten Priester?
Konkret geht es dabei um mehrere Schriftstücke zwischen dem Münchner Erzbistum und Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt. Am gestrigen Dienstag hatten Correctiv und der Bayerische Rundfunk über den Schriftwechsel berichtet, bei dem es um einen verurteilten Wiederholungstäter ging. So soll Ratzinger 1986 als Chef der Glaubenskongregation beispielsweise schriftlich die Erlaubnis dazu erteilt haben, dass der Missbrauchstäter und Priester in der Heilen Messe Traubensaft statt Wein verwende.
Die Begründung birgt den Skandal in sich: Das Erzbistum bat um die Sondererlaubnis mit der Aussage, dass der Priester in der Vergangenheit bereits unter Alkoholeinfluss Straftaten begangen habe, darunter sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, sexuellen Missbrauch von Kindern und die Verbreitung pornografischer Inhalte.
Mehr Empathie für Täter als für Opfer
„Der Brieffund belegt auch, wie wichtig die Auswertung von Akten wäre, die im Vatikan über tausende von Missbrauchsfällen aus aller Welt gelagert werden“, so Matthias Katsch von der Initiative “Eckiger Tisch“ gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Die Kirche würde ganz bewusst unterbinden, weitere Dokumente herauszugeben, so Katsch: „Sie ahnen, nein sie wissen, dass sich dort die Belege für Schuld und Verantwortung ihrer Bischöfe und Provinziale und Päpste findet.“
Tatsächliche Konsequenzen hatte die Kirche offenbar auch in diesem Missbrauchsfall nicht gezogen, der betreffende Priester wurde auch nach 1986 bis 2008 weiter eingesetzt und missbrauchte in dieser Zeit erneut Kinder. „Ratzinger war in jeder Hinsicht Repräsentant des Systems, dem tausende von Kindern und Jugendliche in aller Welt zum Opfer fielen. Er hat stets mehr Empathie für die Täter als für die Opfer aufgebracht. Er hat das Wohl der Kirche und ihrer Missbrauchspriester über das Kindeswohl gestellt. In diesem Fall, wie in vielen anderen“, so Katsch weiter.
Werden Fakten erneut kleingeredet?
Bis heute kommt immer wieder Kritik an der römisch-katholischen Kirche in Deutschland auf. Auch im Gutachten der Münchner Anwaltskanzlei wurde im letzten Jahr mehrfach erklärt, dass die Kirche auch nach den ersten bekundeten Fällen von Missbrauch am alten System aus Vertuschung bis heute festgehalten habe. Christian Weisner, der Sprecher der Reformbewegung "Wir sind Kirche", erklärte dazu: „Dass Ratzinger vor einem Jahr noch versucht hatte, sich zunächst unwissend zu stellen, damit hat er seinen Ruf als ´Mitarbeiter der Wahrheit´ - das war sein Wahlspruch als Bischof - selber zerstört. Es gibt viele Indizien dafür, dass es damals gängige Praxis war und vielleicht noch immer ist, straffällige Priester immer wieder neu einzusetzen und ihnen damit Gelegenheit für weitere Verbrechen zu geben. Und es ist entlarvend, dass Ratzinger auch als Kardinal in Rom noch in dieser Weise gehandelt hat." Ratzinger habe laut Katsch immer nur das zugegeben, was nicht mehr zu leugnen gewesen sei; er erwarte, dass die Kirche jetzt abermals versuchen werde, die neuen Belege für die Mitwisserschaft des späteren Papstes kleinzureden.