Übernahme von Twitter durch Elon Musk Wird Twitter erneut zum Fake-News-Zentrum gegen die LGBTI*-Community?
Kommentar
Er wollte es unbedingt haben – und wie das so ist bei zornigen Kleinkindern, die störrisch um sich schlagen, bis sie bekommen, was sie einfordern, hat auch Elon nun am Ende obsiegt.
Nun darf man den reichsten Mann der Welt, Elon Musk, nicht direkt mit einem nörgelnden Minderjährigen gleichsetzen. Zudem ist eine der größten digitalen Kommunikationsplattformen namens Twitter nicht ein Lolli, den es zu ergattern galt. Aber trotzdem drängt sich der Vergleich ein wenig auf und wer weiß, vielleicht ist Twitter für Musk nicht viel mehr als ein neues Spielzeug?
Die Übernahme von Twitter durch Musk für einen Preis von 44 Milliarden US-Dollar sorgt indes vor allem auch in der LGBTI*-Community für Bedenken, denn der kurzweilige Zwitscher-Dienst ist die letzte große Plattform, in der auch queere Themen, sexpositive Inhalte und erotische queere Kunst ohne prüde Einschränkungsmechanismen gezeigt werden darf.
Man muss Twitter nicht zwingend mögen, doch nach dem Totalverbot von allem, was nur ansatzweise queer, lustvoll oder gay-erotisch sein könnte bei Tumblr und den immer prüderen Richtlinien auf Instagram und Facebook, die seltsamerweise immer dann besonders beherzt zur Sperrung schreiten, wenn es sich um schwule Themen und Kunst handelt, blieb nur Twitter als letzte große Bastion übrig. TikTok bewies bereits von Anfang an und bis heute immer wieder, dass es queere Themen nur aus Imagegründen zähneknirschend duldet und dann doch “unbeabsichtigt“ der hauseigene Algorithmus immer wieder queere und homosexuelle Beiträge unsichtbar für andere User macht.
Das stetige mediale Bedauern und die Versprechungen sind hier wie die chinesischen Himmelslaternen selbst, die kurz aufflackern, bevor sie in der Finsternis verglühen.
Nicht nur Anbieter von Hardcore-Content, sondern vor allem auch die bunte und vielfältige, auch, aber nicht nur erotische queere Kultur- und Kunstszene sieht nun mit Angst auf das, was kommen wird. Musk wird den Kommunikationsdienst zeitnah von der Börse nehmen, was bedeutet, dass er vollends allein am Ende des Tages künftig bestimmen kann, was bei Twitter erlaubt sein wird und was nicht. Musk ist bekannt dafür, keine Regeln akzeptieren zu wollen, vor allem nicht, wenn er sie nicht selbst bestimmen kann.
So liberal er sich dabei in der Öffentlichkeit gibt, so strikt geht er bisher gegen Journalisten und Kritiker vor, die nicht alles sofort in den Himmel loben, was von Musk kommt. Was bisher folgte, waren stets digitale Sperrungen der betroffenen Personen. Wie also hält es Musk tatsächlich mit der künstlerischen und verbalen Freiheit für die queere Community?
Ein zweiter Punkt sorgt ebenso für gewisse Irritationen. In einem seiner raren Interviews erklärte der Milliardär, er wolle Twitter als privates Unternehmen führen und sicherstellen, dass die Plattform wieder zu einem Ort der “absoluten Redefreiheit“ werden würde.
Menschen gleich welcher Couleur und politischen Gesinnung sollen künftig nicht mehr von Twitter verbannt werden, wie das in der Vergangenheit beispielsweise dem Ex-Präsidenten und Fake-News-King Donald Trump passiert ist. Es dürfte Donald freuen, dass er wahrscheinlich bald wieder sein so beliebtes Twitter-Sprachrohr für die bevorstehenden US-Zwischenwahlen in diesem Jahr und den Präsidentschaftswahlen 2024 nutzen wird können, noch dazu, wo sein eigener, groß angekündigter Kommunikationsdienst „Truth Social“ fundamental gerade auch an technischem Dilettantismus scheiterte.
Was Donald indes von der queeren Community hält, bekräftigte er jüngst erst auf einer Wahlveranstaltung vor wenigen Tagen, als er erneut gegen trans-Menschen hetzte, angefeuert vom Jubelgeschrei seiner Anhänger, die lautstark brüllten: Save Our Kids! Wird künftig also tatsächlich jede noch so hasserfüllte Botschaft, jede Fake News und jede queerfeindliche Hassattacke beispielsweise gegenüber besonders vulnerablen Menschen wie LGBTI*-Jugendlichen auf Twitter einfach ungestraft stehen bleiben dürfen?
Musk hat das Vögelchen geschluckt und für die queere Community dürfte das so oder so kein Grund zur Freude sein, droht uns entweder doch Verbannung oder grenzenlose Hetze ohne Konsequenzen. Naiv gefragt: Ist es so sinnvoll, dass der reichste Mann der Welt (Vermögen: 260 Milliarden US-Dollar) tatsächlich auch einen der größten und wichtigsten Kommunikationsdienste der Welt mit über 350 Millionen Nutzern monatlich (Deutschland allein 12 Millionen monatlich) besitzt?
Nur so ein Gedanke. Musk inszeniert sich jetzt als Absolutist der Redefreiheit, dabei steht zu befürchten, dass schlussendlich die Redefreiheit zur Freiheit des einstmals Unsagbaren verkommt und umdefiniert werden wird.