Scheinheilige Versprechen?! Homosexuelle werden der WM trotzdem größtenteils fernbleiben
Und es bewegt sich doch?! Der Deutsche Fußballbund DFB hat sich jetzt mit mehreren LGBTI*-Organisationen zum Gespräch getroffen. Dem vorausgegangen war eine Welle der Empörung, immer öfter stand die unbeantwortete Frage im Raum, wie die deutschen Nationalspieler und Deutschland selbst sich gegenüber dem Gastgeberland Katar bei der Fußballweltmeisterschaft im November positionieren sollen. Das Emirat wird seit der Vergabe der Spiele heftig kritisiert, wobei sich in den letzten Monaten die Situation immer weiter zuspitzte. Zuletzt wurde unter anderem auch gefordert, die deutschen Fußballer sollten mit einer Lufthansa-Maschine mit dem Regenbogenlogo anreisen, um so gleich auf der Rollbahn ein Statement für die Menschenrechte zu positionieren.
Im Golfstaat wird Homosexualität bis heute mit hohen Gefängnisstrafen beziehungsweise sogar der Todesstrafe geahndet. Auch homosexuelle Touristen, die beispielsweise für die Weltmeisterschaft anreisen wollen würden, wird nahegelegt, ihre Sexualität nicht offen zu zeigen und auch keine Symbole der Gay-Community wie beispielsweise die Regenbogenfahne mitzuführen. Anderenfalls drohen auch hier hohe Haftstrafen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf bestätigte so nun auch, dass die Spiele „nicht unbedingt die beste WM aller Zeiten, aber bestimmt die umstrittenste“ werde. Abseits der dramatischen Lebenssituation von Homosexuellen ist die Menschenrechtslage auch für ausländische Arbeitskräfte eine extreme – rund 15.000 Bauarbeiter sind für die WM in Katar gestorben, so die Recherche des Tagesspiegels.
Beim Gespräch mit den LGBTI*-Gruppen wiederholte Neuendorf dabei zunächst das alte Mantra, das auch FIFA-Präsident Gianni Infantino gebetsmühlenartig jedes Mal herunterbetet: Die Spiele sind auch für Homosexuelle sicher. Wie es so ist, mit Gebeten, man muss fest daran glauben, selbst wenn die Fakten eine andere Sprache sprechen. Allerdings sieht Neuendorf dabei durchaus Handlungsbedarf und erklärte, dass er die Forderungen nach Handlungs- und Rechtssicherheit für homosexuelle Reisende beim Weltverband FIFA voranbringen wolle. Der DFB-Präsident und der schwule, ehemalige Profifußballer Thomas Hitzlsberger bekräftigten ihr Anliegen dabei gegenüber LGBTI*-Organisationen wie Discover Football, dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) sowie auch der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti). Dabei betonte Neuendorf auch, dass sich der DFB immer wieder für LGBTI*-Menschen stark gemacht habe und das auch künftig weiter tun wolle.
Wie viel der deutsche Verband wirklich ausrichten kann, bleibt äußerst fraglich – in diesem Fall gilt der Grundsatz allerdings nicht: Der Gedanke zählt. Wenn sich Deutschland und der DFB zusammen mit der Deutschen Nationalmannschaft nicht spätestens im November bei der WM in Katar eindeutig positionieren, kann dies nur als direkter Affront gegenüber der LGBTI*-Community verstanden werden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete erst vor wenigen Tagen, dass homosexuelle Besucher zudem aufgrund ihrer Online-Aktivitäten in Katar überwacht werden sollen – die gleiche Vorgehensweise sorgte zuletzt bereits für mehrere Verhaftungen von homosexuellen Einheimischen. Sven Kistner vom Sprecherrat der Queer Football Fanclubs sagte nach dem Treffen: „So ein Slogan `Everyone’s welcome’ klingt erst mal gut, aber wenn anschließend gesagt wird, man müsse die Kultur im Land respektieren, ist doch wieder alles infrage gestellt." LGBTI*-Organisationen vor Ort kritisierten zudem vergangene Woche, dass die Diskussionen nach wie vor an der eigentlichen Thematik vorbeiführen – der dramatischen menschenrechtsverachtenden Lebenssituation von Homosexuellen in Katar. Daran werde sich auch nach der WM wahrscheinlich und trotz aller Bekundungen der FIFA nichts ändern. Bei einer Anfrage von SCHWULISSIMO bei mehreren queeren Reiseveranstaltern bestätigten diese, dass es im Grunde noch gar keine Buchungsanfragen für eine Reise von Homosexuellen im November nach Katar gäbe.