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Russland bestraft Autorin Erneute Verurteilung von Aktivistin Sasha Kazantseva

Von ms - 16.10.2026 - 08:00 Uhr
Russland bestraft queere Freude
Foto: Instagram / Sasha Kazantseva
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Die russische Schriftstellerin und LGBTIQ+-Aktivistin Sasha Kazantseva ist wegen eines Internetbeitrags über „queere Freude“ erneut zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Die Moskauer Friedensrichterin Alexandra Michaljowa verhängte gegen sie 300.000 Rubel, umgerechnet rund 3.200 Euro. Zum Vergleich: Das durchschnittliche monatliche Bruttogehalt in Russland liegt bei rund 880 Euro. Auslöser war die Ankündigung einer Veranstaltung, bei der über „queere Freude als Form des Widerstands“ diskutiert werden sollte. Darüber berichten die unabhängigen Medien Mediazona und Parni+.

Das Wichtigste im Überblick

  • Geldstrafe wegen „queerer Freude“: Ein Moskauer Gericht hat die russische Schriftstellerin und LGBTIQ+-Aktivistin Sasha Kazantseva zu einer Geldstrafe von umgerechnet rund 3.200 Euro verurteilt.
  • Anlass war ein Internetbeitrag, in dem Kazantseva eine Diskussion über „queere Freude als Form des Widerstands“ angekündigt hatte.
  • Wiederholte Verfolgung: Die Aktivistin war bereits viermal wegen angeblicher „LGBT-Propaganda“ mit Geldstrafen belegt worden. Ende 2025 wurde sie zudem in Abwesenheit zu neun Jahren Haft verurteilt.
  • Zunehmende Repression: Die Zahl der Verfahren im Zusammenhang mit russischen LGBT-Vorschriften stieg 2025 gegenüber dem Vorjahr um 33,4 Prozent. Die Gesamtsumme der Geldstrafen erhöhte sich um 83 Prozent.

 „Queere Freude“ als Problem

Grundlage der jüngsten Entscheidung ist Artikel 6.21 des russischen Gesetzbuchs über Ordnungswidrigkeiten. Dieser stellt die Verbreitung von Informationen über LGBTIQ+-Themen im Internet unter Strafe, sofern sie für Minderjährige zugänglich sind. Bemerkenswert ist die ausführliche Begründung der Richterin. In dem veröffentlichten Urteil beschreibt Michaljowa zunächst den Inhalt des beanstandeten Beitrags: „Der Beitrag enthält emotionale Überlegungen der Autorin zu einer bevorstehenden Diskussion über ‚queere Freude als Form des Widerstands‘. Darin bringt die Autorin ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass allein die Vorstellung, die eigene queere Identität positiv und freudvoll zu leben, auf Skepsis stoßen kann – sogar innerhalb der LGBTIQ+-Community selbst.“

Zur Begründung der Sanktion setzte sich die Richterin ausführlich mit dem Begriff „queere Freude“ auseinander. Dabei beschrieb sie das Konzept zunächst als Ausdruck von Selbstakzeptanz und gesellschaftlichem Zusammenhalt. „Das Konzept der ‚queeren Freude‘ vertritt die Auffassung, dass Menschen mit einer LGBTIQ+-Identität das Recht haben, nicht nur über Diskriminierung, Gewalt oder den Kampf für ihre Rechte zu sprechen, sondern auch offen Freude, Liebe, Freundschaft, Gemeinschaftsgefühl und Stolz auf ihre Identität zu erleben.“

Weiter heißt es in der Urteilsbegründung: „Queere Freude wird als eine Form des Widerstands gegen gesellschaftlichen Druck verstanden: Allein die Tatsache, zu existieren, offen zu leben, die eigene Identität zu feiern und sich gegenseitig zu unterstützen, wird als Möglichkeit gesehen, Angst, Isolation und negativen Stereotypen entgegenzuwirken.“ Trotz dieser Beschreibung wertete das Gericht den Beitrag als Verstoß gegen die russischen Vorschriften zur sogenannten LGBTIQ+-Propaganda. Im Urteil werden die Äußerungen als „Inhalte, die nichttraditionelle sexuelle Beziehungen und/oder Präferenzen fördern“ eingestuft. 

Frühere Geldstrafen

Für Kazantseva ist es nicht die erste Verurteilung dieser Art. Dieselbe Richterin hatte bereits in vier früheren Verfahren Geldstrafen gegen die Aktivistin verhängt. Dabei ging es ebenfalls um den Vorwurf der „LGBT-Propaganda“. Die bisherigen Sanktionen betrugen jeweils 200.000 Rubel pro Internetbeitrag. Insgesamt musste Kazantseva damit Geldstrafen in Höhe von 800.000 Rubel, rund 8.500 Euro, hinnehmen. Im aktuellen Verfahren erhöhte Michaljowa den Betrag auf 300.000 Rubel. Begründet wurde dies damit, dass wiederholte Verstöße als erschwerender Umstand gelten.

Aktivistin lebt in Litauen

Kazantseva gehört zu den bekannten Stimmen der russischen LGBTIQ+-Bewegung. Sie arbeitet als Sexualpädagogin, Journalistin und Schriftstellerin. Zu ihren Veröffentlichungen zählt der populärwissenschaftliche Bestseller „Sam Sex“. Außerdem ist sie Mitbegründerin des Portals für queere Kultur „Otkrytye“. Über reichweitenstarke Kanäle auf Telegram und Instagram informierte sie über Sexualität, LGBTIQ+-Themen und Selbstakzeptanz. Im Februar 2023 stufte der Kreml sie wegen ihrer Aufklärungsarbeit und vor dem Hintergrund der verschärften Gesetze gegen sogenannte „LGBT-Propaganda“ als „ausländische Agentin“ ein.

Nach der russischen Invasion in der Ukraine zog Kazantseva nach Vilnius in Litauen. Die russischen Behörden setzten ihre strafrechtliche Verfolgung jedoch fort. Sie wurde auf die landesweite Fahndungsliste gesetzt. Ende 2025 verurteilte ein russisches Gericht die Autorin in Abwesenheit zu neun Jahren Haft. Vorgeworfen wurden ihr Verstöße gegen die Mediengesetze sowie die Verbreitung von Informationen, die den Darstellungen des russischen Regimes widersprechen.

Verfahren in Russland 

Der Fall steht im Zusammenhang mit einer zunehmenden Zahl von Verfahren wegen angeblicher „LGBT-Propaganda“ in Russland. Nach den veröffentlichten Daten verhängten russische Gerichte im Jahr 2025 insgesamt 182 Sanktionen auf Grundlage der entsprechenden Vorschriften. Die Geldstrafen beliefen sich auf nahezu 70 Millionen Rubel, umgerechnet rund 721.000 Euro. Auch die Gesamtzahl der Verfahren im Zusammenhang mit den russischen LGBTIQ+-Vorschriften nahm deutlich zu. Während 2024 noch 214 Fälle registriert wurden, waren es 2025 bereits 285. Das entspricht einem Anstieg um 33,4 Prozent. Noch stärker stieg die Gesamtsumme der verhängten Geldstrafen. Sie erhöhte sich von 37,7 Millionen Rubel im Jahr 2024 auf 69 Millionen Rubel im Jahr 2025. Das entspricht einem Zuwachs von 83 Prozent.

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