In Russland ist die Zahl der Verfahren wegen angeblicher „LGBT-Propaganda“ im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Nach einer Auswertung offizieller Justizstatistiken wurden 2025 insgesamt 285 neue Fälle registriert. Die verhängten Geldstrafen erreichten einen Gesamtwert von umgerechnet rund 721.000 Euro. Gegenüber 2024 entspricht das einem Anstieg um 83 Prozent.
Das Wichtigste im Überblick
- Deutlicher Anstieg: Russische Gerichte registrierten 2025 insgesamt 285 neue Verfahren im Zusammenhang mit den sogenannten LGBT-Propaganda-Gesetzen. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
- Insgesamt wurden 182 Geldbußen im Wert von umgerechnet rund 721.000 Euro verhängt. Das entspricht einem Anstieg um 83 Prozent.
- Moskau im Mittelpunkt: Auf die Hauptstadt und St. Petersburg entfielen fast 90 Prozent der verhängten Geldstrafen.
- Weitere Repressionen: Auch 2026 gingen russische Behörden gegen LGBTIQ+-Aktivisten, Journalisten, Organisationen und Veröffentlichungen vor.
Verbote nahmen stark zu
Besonders häufig griffen die Behörden in Moskau und St. Petersburg ein. Gleichzeitig zeigen die veröffentlichten Zahlen, dass ein Großteil der verhängten Geldbußen bislang nicht bezahlt wurde. Die Auswertung stammt von Jaroslaw Rasputin für das russische Nachrichtenportal Parni+. Grundlage sind Statistiken der Justizabteilung des Obersten Gerichtshofs sowie ergänzende regionale Angaben. Die russische Justiz veröffentlichte die Zahlen für 2025 erst mit erheblicher Verzögerung. Eine genaue Zuordnung sämtlicher Verfahren zu einzelnen gesetzlichen Bestimmungen ist nicht möglich, insgesamt greifen drei Gesetze im Bereich „LGBT-Propaganda“. Hinzu kommen erhebliche Lücken in der regionalen Berichterstattung. Während die landesweiten Statistiken sämtliche russischen Gerichte zusammenfassen, veröffentlichen die regionalen Justizbehörden ihre Angaben nicht einheitlich. Kurzum: Die tatsächlichen Zahlen könnten noch einmal deutlich höher liegen.
Meisten Verfahren in Moskau
Vollständige regionale Statistiken lagen so nur aus 31 Regionen vor, darunter die Städte Moskau und St. Petersburg. Im Jahr 2025 gingen bei russischen Gerichten 285 neue Fälle im Zusammenhang mit den erfassten gesetzlichen Vorschriften ein. Hinzu kamen drei Verfahren aus dem Vorjahr. Insgesamt fanden in 275 Fällen Gerichtsverhandlungen statt. Die meisten neuen Verfahren wurden in Moskau registriert. Allein die Gerichte der Hauptstadt erhielten 123 Fälle. In St. Petersburg waren es 31. Auf die übrigen russischen Regionen entfielen zusammen 131 Verfahren. Unter den Regionen mit veröffentlichten Daten verzeichnete das Industriegebiet Kusbass die meisten Fälle. Dort gingen zwölf Verfahren ein, die sämtlich gerichtlich behandelt wurden.
Auch die Region Primorje im Fernen Osten Russlands und das Gebiet Tscheljabinsk meldeten vergleichsweise hohe Zahlen. In beiden Regionen wurden jeweils sieben Verfahren registriert. Insgesamt verhängten die Gerichte 186 Sanktionen. Nur acht Verfahren wurden im Laufe des Jahres eingestellt. Die meisten Sanktionen richteten sich gegen einzelne Bürger. Insgesamt wurden 136 Privatpersonen bestraft. Darüber hinaus trafen die Sanktionen 28 Organisationen und 22 Führungskräfte. Besonders häufig wurden Unternehmen und deren Verantwortliche in den beiden größten russischen Städten belangt. Auch fünf ausländische Staatsangehörige wurden bestraft.
721.000 Euro Geldstrafen
Die russischen Gerichte griffen bei den festgestellten Verstößen überwiegend zu Geldstrafen. Von den insgesamt 186 Sanktionen waren 182 finanzielle Bußgelder. Ihr Gesamtwert belief sich auf umgerechnet rund 721.000 Euro. Fast 90 Prozent dieser Summe entfielen auf Moskau und St. Petersburg. Zusammen verhängten die Gerichte beider Städte Geldstrafen von rund 627.400 Euro. Viele Geldstrafen bleiben bis heute unbezahlt. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Anwendung der entsprechenden Vorschriften dabei deutlich ausgeweitet. 2024 waren noch 214 neue Verfahren registriert worden. Im vergangenen Jahr stieg diese Zahl auf 285. Das entspricht einer Zunahme um 33,4 Prozent. Noch stärker erhöhte sich die Gesamtsumme der verhängten Geldstrafen. Während 2024 Bußgelder von umgerechnet rund 393.900 Euro festgesetzt wurden, waren es 2025 bereits rund 721.000 Euro. Der Anstieg beträgt damit 83 Prozent.
Weitere Maßnahmen 2026
Ein Ende scheint dabei nicht in Sicht, die verschärfte Anwendung der russischen Gesetze gegen LGBTIQ+-Menschen setzte sich nach Berichten verschiedener Medien auch im laufenden Jahr fort. Auch kulturelle und religiöse Veröffentlichungen gerieten ins Visier der Zensur. So wurden selbst Passagen über LGBTIQ+-Menschen in der Autobiografie von Papst Franziskus zensiert oder Bücher der Heated-Rivalry-Autorin Rachel Reid verboten. Daneben kam es zu mehreren Verfahren gegen Einzelpersonen. Journalisten der größten russischen LGBTIQ+-Nachrichtenwebsite sahen sich zudem gezwungen, das Land zu verlassen, nachdem sie als „Extremisten“ eingestuft worden waren. Daneben kam es immer wieder zu Festnahmen und Verurteilungen im Umfeld schwuler Clubs sowie bei Verlagen und anderen Einrichtungen mit Nähe zur Community. Zahlreiche LGBTIQ+-Organisationen wurden als überdies als „terroristisch“ eingestuft. Auch gegen russische LGBTIQ+-Aktivisten werden weiterhin schwere Strafen verhängt, zuletzt wurde der schwule Aktivist Jaroslaw Sirotkin in Abwesenheit zu vier Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt.