Queere Stimmen aus China Einzigartiger Ort für Erinnerung und Dialog in San Francisco
Inmitten von San Franciscos Chinatown ist ein Museum entstanden, das es in dieser Form weltweit bislang nicht gab. Das OUT Museum versteht sich als erstes chinesisches LGBTIQ+-Museum der Welt. Die Einrichtung soll homosexuelle und queere chinesische Kunst, Geschichten und Lebenswege sichtbar machen und zugleich Menschen aus unterschiedlichen Generationen und Regionen miteinander verbinden.
Das Wichtigste im Überblick
- In San Franciscos Chinatown gibt es das weltweit erste chinesische LGBTIQ+-Museum.
- Die Einrichtung widmet sich der Geschichte, Kunst und den Lebenswegen chinesischer LGBTIQ+-Menschen, Einwanderer und Diaspora-Gemeinschaften.
- Gründerin Xiangqi Chen verließ China, nachdem die Regierung gegen LGBTIQ+-Aktivismus vorgegangen war.
- Das Museum wird derzeit vollständig von Freiwilligen betrieben.
- Zu den ersten Ausstellungen gehören eine Opernaufführung, eine historische Zeitleiste und interaktive sowie multimediale Kunstwerke.
- Besucher berichteten von sehr unterschiedlichen persönlichen Verbindungen zum Museum.
- Aktivistin Helen Zia sieht in der Einrichtung einen wichtigen sichtbaren Ort für chinesische queere Menschen.
- Das Museum soll nach dem Willen der Gründerin auch den Austausch zwischen verschiedenen Generationen und Regionen fördern.
Ort für chinesische LGBTIQ+-Geschichte
Das kostenlose Museum hat noch eine relativ kleine Ausstellung, geöffnet ist zudem bisher nur samstags und nur nach vorheriger Reservierung über die Website des Museums. Die Verantwortlichen wollen die Räumlichkeiten und die Öffnungszeiten in den kommenden Jahren ausweiten, wie die Associated Press (AP) berichtete. Die ersten Ausstellungen zeigen bereits die Bandbreite des Projekts. Zu sehen beziehungsweise zu erleben sind unter anderem eine Opernaufführung mit zwei Künstlern, eine farblich gekennzeichnete Zeitleiste zur Entwicklung der LGBTIQ+-Gemeinschaft in China und eine interaktive Garn-Installation. Besucher können darin ihre eigenen Erfahrungen mit Sexualität und Geschlecht einordnen. Ergänzt wird die Ausstellung durch Mixed-Media-Arbeiten, die historische Fotografien, Erbstücke, Erinnerungsstücke und weitere Gegenstände miteinander verbinden.
Gründerin kam aus China
Hinter dem Museum steht Xiangqi Chen. Die gebürtige Chinesin verließ ihre Heimat, nachdem die Regierung begonnen hatte, gegen LGBTIQ+-Aktivismus vorzugehen. 2022 kam sie mit einem Visum als Gastwissenschaftlerin nach San Francisco. Dort entwickelte sich ihr eigenes Engagement für queere Menschen weiter. Während einer Ausstellung im Asian Art Museum und einer Residency im Chinese Culture Center of San Francisco habe sie „so viele Möglichkeiten gehabt, Kontakte zur lokalen queeren asiatisch-amerikanischen Gemeinschaft und sogar zur Chinatown-Gemeinschaft im Allgemeinen zu knüpfen“, sagte sie der AP. Chen sammelte anschließend Geld für die Gründung des Museums. Der Betrieb wird derzeit vollständig von Freiwilligen getragen.
Treffpunkt für Community
Gegenüber KTVU erklärte Chen, sie wolle mit der Einrichtung Menschen inspirieren und ihnen Wissen vermitteln. Zugleich hoffe sie, dass das Museum dabei helfen könne, die örtliche chinesische queere Gemeinschaft enger zusammenzubringen. Besonders bewegt habe sie die Reaktion der Besucher. Chen sagte, sie sei von den heterosexuellen und homosexuellen sowie queeren chinesischen Einwanderern, die ins Museum kämen, um sich für die Stärkung chinesischer LGBTIQ+-Stimmen zu bedanken, zu „100% bewegt“. Zu den Besuchern gehörten demnach unter anderem ein 60 Jahre alter trans* Mann. Er war in den 1970er-Jahren in die USA eingewandert, um dort eine geschlechtsangleichende medizinische Behandlung zu erhalten. Auch eine Mutter besuchte das Museum, um eine Verbindung zu ihrem schwulen erwachsenen Sohn aufzubauen.
Geschichten miteinander verbinden
Das ausschließlich chinesischsprachige Internetangebot des Museums beschreibt dessen Ziel als die „Bewahrung queerer Schöpfungen, Lebenswege, sozialer Bewegungen und kultureller Produktion aus einer chinesischsprachigen Perspektive sowie die Wiederverbindung von Kunst, Dokumenten und Geschichten von LGBTIQ+-Chinesen, chinesischen Einwanderern und Diaspora-Gemeinschaften“. Darüber hinaus will das Museum eine Brücke zwischen queeren Erfahrungen in verschiedenen Regionen schaffen. Die Lebensgeschichten unterschiedlicher Generationen sollen miteinander verbunden werden. Ziel sei es, „allen Menschen in der Gesellschaft ermöglicht, Verständnis, Dialog und Resonanz zu finden“.
Für Helen Zia, Autorin und Aktivistin sowie Mitglied des Museumsbeirats, kommt der Einrichtung auch deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil LGBTIQ+-Feindlichkeit in chinesischen Gemeinschaften präsent sei. Dies betreffe sowohl die USA als auch das chinesische Festland. In den USA könnten insbesondere ältere und religiöse chinesische Einwanderer LGBTIQ+-feindliche Einstellungen haben. In China wiederum sehe die Regierung LGBTIQ+-Aktivisten als „subversive Bedrohung der Staatsmacht“.
„Es ist ein physischer Ort“
Zia sieht in dem Museum deshalb weit mehr als einen Ausstellungsraum. „Es ist ein physischer Ort, an dem wir sagen können, dass wir existieren und dass wir Schönheit in unserem Leben haben, die in den Kunstwerken, die wir schaffen, den Aufführungen und den Büchern, die wir schreiben, zum Ausdruck kommt“, sagte sie. Das Museum helfe anderen Menschen dabei, „unsere Menschlichkeit zu sehen“, fügte Zia hinzu. „Zum Beispiel: Hier ist die wunderschöne Kunst, die wir erschaffen und uns vorstellen und mit der wir zur Welt beitragen.“
Auch der aus Hongkong stammende Künstler Dixon Ngai sieht in dem Museum einen wichtigen Schritt zu größerer Sichtbarkeit. Gegenüber der AP sagte er: „Obwohl wir von den traditionellen oder Mainstream-Medien nicht berücksichtigt werden, existieren wir, und ich glaube, dass wir uns nur weiter vorwärtsbewegen werden.“ Mit seinem Standort in Chinatown soll das OUT Museum damit nicht nur ein Ort für Kunst und historische Dokumente sein. Es soll zugleich Raum für persönliche Geschichten, Begegnungen und den Austausch innerhalb einer chinesischen queeren Gemeinschaft schaffen, die über San Francisco hinausreicht.