Das LGBTIQ+-Kino erlebt in Italien in diesen Tagen eine seiner erfolgreichsten Phasen. Bei der 21. Festa del Cinema di Roma standen Filme über homosexuelle Liebe, gesellschaftliche Ausgrenzung und queere Lebensrealitäten besonders im Mittelpunkt. Zahlreiche Produktionen erhielten internationale Aufmerksamkeit und gelten als mögliche Kandidaten für die Oscarverleihung 2027.
Das Wichtigste im Überblick
- Rekordverdächtige Vielfalt: Die 21. Festa del Cinema di Roma präsentierte zahlreiche Filme mit LGBTIQ+-Thematik. Insgesamt wurden 194 Filme in 527 Vorführungen gezeigt.
- Internationale Aufmerksamkeit: Zehn LGBTIQ+-Filme sind für den Oscar 2027 in der Kategorie „Bester internationaler Film“ im Rennen.
- Große Oscar-Hoffnungen: Das spanische Drama „La Bola Negra“ über das Vermächtnis Federico García Lorcas gilt als besonders aussichtsreicher Kandidat.
- Vielfältige Geschichten: Filme wie „Club Kid“, „Elsinore“, „Tangles“ und „Fruit Gathering“ beschäftigen sich mit Homosexualität, Familie, Aids, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Selbstbestimmung.
- Erfolgreiches Festival: Die Veranstaltung verzeichnete rund 120.000 Besuche und fast 83.000 ausgegebene Eintrittskarten.
Kultureller Wandel?
Das unter der Leitung von Paola Malanga veranstaltete Filmfestival in Rom endete mit rund 120.000 Besuchen, etwa 83.000 ausgegebenen Eintrittskarten und 527 Vorführungen von insgesamt 194 Filmen. Die auffällig starke Präsenz queerer und homosexueller Produktionen wird von der italienischen Presse dabei als Zeichen eines kulturellen Wandels gewertet. Demnach finden LGBTIQ+-Geschichten zunehmend ihren Platz im internationalen Mainstream-Kino. Zugleich sehen Aktivisten aus der Community darin auch eine künstlerische Reaktion auf weltweit zunehmende Diskriminierung und autoritäre politische Entwicklungen.
Oscar-Favoriten und Filmperlen
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt das spanische Drama „La Bola Negra“ der Regisseure Javier Calvo und Javier Ambrossi, die gemeinsam als „Los Javis“ bekannt sind. Der Film wurde bereits bei den Filmfestspielen von Cannes für die beste Regie ausgezeichnet und entwickelte sich in Spanien zu einem Kassenerfolg. Für die Oscarverleihung 2027 werden ihm Chancen auf zahlreiche Nominierungen eingeräumt, darunter als bester Film und für die beste Regie. Die Handlung greift ein unvollendetes Theaterstück des spanischen Dichters Federico García Lorca auf. Calvo und Ambrossi verbinden die erhaltenen Fragmente zu drei miteinander verwobenen Geschichten, die sich mit der Vergangenheit Spaniens, dem Schweigen über Homosexualität und der Bedeutung persönlicher Freiheit beschäftigen.
Mit „Club Kid“ stellte Jordan Firstman in Rom sein Regiedebüt vor. Firstman schrieb das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle eines schwulen New Yorker PR-Mannes, der überraschend erfährt, dass er einen zehnjährigen Sohn hat. Zunächst zeichnet die Produktion ein schonungsloses Bild eines Teils der schwulen New Yorker Szene, geprägt von Sex, Drogen, Körperkult und ausschweifendem Lebensstil. Im Verlauf entwickelt sich daraus eine Geschichte über Vaterschaft, Verantwortung und emotionale Nähe. Einen weiteren Schwerpunkt setzte „Elsinore“ von Simon Stone mit Andrew Scott in der Hauptrolle. Das Drama erzählt die letzten Lebensmonate des schottischen Schauspielers Ian Charleson, der insbesondere durch „Die Stunde des Siegers“ bekannt wurde. 1989 erhält der an Aids erkrankte Charleson die Chance, Hamlet am Londoner National Theatre zu spielen. Obwohl sein Gesundheitszustand zunehmend schlechter wird, widmet er sich der Rolle mit aller Kraft.
Alzheimer und lesbische Liebe
Auch der Animationsfilm „Tangles“ von Leah Nelson gehörte zu den besonders beachteten LGBTIQ+-Produktionen des Festivals. Die Verfilmung der autobiografischen Graphic Novel „Tangles: A Story About Alzheimer’s, My Mother and Me“ von Sarah Leavitt erzählt von einer lesbischen jungen Frau, die Ende der 1990er-Jahre in San Francisco lebt. Sarah arbeitet für ein homosexuelles Magazin und verfolgt künstlerische Ziele. Als ihre Mutter an Alzheimer erkrankt, muss sie in ihre konservative Heimatstadt zurückkehren. „Tangles“ ist ebenfalls für die Oscarverleihung 2027 im Rennen. Mit „Fruit Gathering“ präsentierte Regisseur Aung Phyoe eine Geschichte über zwei Frauen im wirtschaftlich und politisch schwierigen Alltag Myanmars. Im Mittelpunkt stehen die Fabrikarbeiterinnen San Kyi und Theint Theint Oo, deren Beziehung durch unterschiedliche Zukunftsvorstellungen belastet wird.
Jugendliche entdecken Begierden
Beim parallel veranstalteten Festival „Alice nella Città“ wurde zudem „La Gradiva“ gezeigt, das Langfilmdebüt von Marine Atlan. Die Produktion war bereits bei der Semaine de la Critique 2026 mit dem Grand Prix Ami Paris ausgezeichnet worden. Eine Gruppe französischer Gymnasiasten reist nach Neapel und Pompeji, um die antiken Ruinen und die durch den Vesuvausbruch konservierten Körper zu besichtigen. Während der Klassenfahrt geraten die Jugendlichen zunehmend in einen Strudel aus Begierde, Wut und persönlichen Konflikten. Die Begegnung mit der Vergangenheit wird zugleich zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Zukunft.
Auszeichnungen des Filmfestivals
Neben den LGBTIQ+-Produktionen zeichnete die internationale Jury unter Vorsitz des polnischen Regisseurs Jan Komasa zahlreiche weitere Filme aus. Als bester Film des Wettbewerbs „Progressive Cinema“ wurde „I See Buildings Fall Like Lightning“ von Clio Barnard ausgezeichnet. Der Große Preis der Jury ging an „The Life and Deaths of Wilson Shedd“ von Tim Blake Nelson. Den Regiepreis erhielt Rafiki Fariala für „Congo Boy“. Victoria Luengo wurde für „Sants“ als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Den Preis als bester Schauspieler teilten sich Anthony Boyle für „I See Buildings Fall Like Lightning“ und Paolo Pierobon für „Brianza“. Der Drehbuchpreis ging an Abia Castillo, Diego Rabasa und Diego Luna für „Ceniza en la boca“. Den Sonderpreis der Jury erhielt die Familie Al Mawla für „Yesterday the Eye Didn’t Sleep“. Beim Publikumspreis lagen „Congo Boy“ von Rafiki Fariala und „Mustang“ von Kasia Smutniak gleichauf.