LGBTI*-Flüchtlinge in Not Werden LGBTI*-Flüchtlinge während der Unterbringung erneut traumatisiert?
Schwere Vorwürfe erhebt jetzt die britische Asylrechtsorganisation Rainbow Migration gegenüber der Regierung – seit 2016 würden systematisch LGBTI*-Flüchtlinge vernachlässigt und teilweise sogar bewusst drangsaliert werden. Die Annahmen stützen sich auf eine neue Pilotstudie, die von der Wissenschaftlerin Dr. Laura Harvey von der University of Brighton erarbeitet wurde.
Re-Traumatisierung während der Unterbringung?
Eine wesentliche Kritik ist dabei, dass LGBTI*-Migranten in britischen Haft- und Unterbringungsanstalten geschlossene Räume mit gewalttätigen Homophoben teilen müssen, eine Re-Traumatisierung sei dabei praktisch zwangsweise absehbar. Tausende von Menschen werden jedes Jahr von der britischen Regierung inhaftiert, während das Innenministerium ihren Einwanderungsstatus klärt, aber anscheinend wird wenig getan, um die am meisten gefährdeten Personen zu schützen, so Rainbow Migration weiter. Kritik kommt indes allerdings auch an der Studie selbst auf, befragt wurden nur ein paar wenige LGBTI*-Menschen, sodass in Abrede gestellt werden kann, dass die bisherigen Ergebnisse wirklich repräsentativ sein könnten.
Homosexualität, eine Sünde Gottes
Eine Mehrheit der befragten Personen gab an, verbales homophobes Mobbing erlebt zu haben, beinahe die Hälfte von ihnen wurde auch körperlich angegriffen. Immer wieder soll es auch vorgekommen sein, dass LGBTI*-Flüchtlinge die ganze Nacht über in einem abgeschlossenen Zimmer zusammen mit einer eindeutig homophoben Person verbringen mussten.
Das Kernproblem ist grundsätzlich auch in Deutschland bekannt, weswegen hier seit Jahren mehr Flüchtlingsunterkünfte speziell für LGBTI*-Menschen gefordert werden. Ansonsten kommen homosexuelle und queere Personen in ihrer Unterkunft abermals genau mit jenen Menschen zusammen, vor dessen homophoben Werteeinstellungen sie aus ihrer Heimat geflohen sind. Ein schwuler Mann aus Westafrika erklärte so im Interview der Studie: "Mein Zellennachbar spuckte mir immer wieder ins Gesicht, nur weil ich schwul bin." Obwohl er den Vorfall meldete, passierte nach seinen Aussagen erst einmal nichts. Erst als der homophobe Mithäftling schwere Gegenstände warf und immer wieder versuchte, den Westafrikaner anzugreifen, trennten Mitarbeiter die beiden Männer. Ähnliche Geschichten berichten auch andere LGBTI*-Flüchtlinge, immer wieder wird ihnen auch gerne erklärt, dass ihr Sexualität "eine Sünde für Gott" sei.
Schwule sind nicht schutzbedürftig, Trans-Personen schon?!
Bereits im Jahr 2016 hat die britische Regierung in ihrer Richtlinie "Adults at Risk in Immigration Detention" (Gefährdete Erwachsene in Einwanderungshaft) anerkannt, dass trans- und intersexuelle Menschen "besonders schutzbedürftig" sind und nicht inhaftiert werden sollten – schwule, lesbische, bisexuelle und nicht-binäre Menschen wurden dabei allerdings nicht berücksichtigt. Zudem kommt die Homophobie oftmals auch von den Wärtern in der Abschiebehaft selbst, wie ein weiterer schwuler Mann zu Protokoll gibt: "Die Person sagte mir, dass ich, wenn es das System im Vereinigten Königreich nicht gäbe und ich noch in meiner Heimatstadt wäre, seiner Meinung nach auf der Straße leben würde, wie ein Ausgestoßener, und dass mein Penis inzwischen abgehackt wäre, wegen dieser Art von Dingen, die ich praktiziere, und dass ich einfach Glück habe, dass ich hier bin.“
Wärter sehen weg oder bemerken Zwischenfälle nicht
Dr. Laura Harvey, die Wissenschaftlerin, die die Studie durchgeführt hat, erklärte, dass die Ergebnisse einmal mehr beweisen, dass Haftanstalten nicht sicher für LGBTI*-Menschen sind: "LGBTI* Menschen, die vor homophober Gewalt und Missbrauch fliehen, erleben oft ein schweres Trauma als Folge dieser Dinge, und in einem Raum eingesperrt zu sein - oft mit Menschen, die ihnen feindlich gesinnt sind - macht das für sie noch schlimmer. Ich habe mit Teilnehmern gesprochen, deren Partner bei homophoben Angriffen getötet worden waren und die dann über Nacht mit Menschen zusammenleben mussten, die ihnen gegenüber homophob eingestellt waren, in einem Fall wurden sie von der Person sogar gewaltsam angegriffen. Obwohl einige Teilnehmer davon sprachen, Personal zu finden, das sie unterstützt, hatte ich den Eindruck, dass die Möglichkeiten des Personals, einzugreifen, überhaupt nicht ausreichend waren.“
Posttraumatische Belastungsstörungen
Ähnlich sehen das auch britische LGBTI*-Organisationen, auch das Team der Rainbow Migration – Geschäftsführerin Leila Zadeh erläuterte, dass die Ergebnisse der Studie "entmutigend" aber nicht überraschend seien: "Wir wissen schon seit vielen Jahren, dass Einwanderungsgefängnisse gefährliche Orte für LGBTI*-Menschen sind. Menschen, die Asyl beantragen, weil sie vor Verfolgung in anderen Ländern geflohen sind, leiden oft an einer Reihe von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstzuständen und anderen Problemen, die sich in Haftanstalten noch verschlimmern. Wir wissen, dass es schlimmer wird, wenn die Menschen 30 Tage oder länger inhaftiert sind. Wir sehen Menschen, die aus der Haft kommen und deren psychische Gesundheit viel schlechter ist als vor der Inhaftierung. Die Kosten für die Menschen sind enorm und verschlimmern das Trauma, das die Menschen bereits erlebt haben, was das Letzte ist, was sie brauchen. Diese Regierung muss erkennen, dass die Inhaftierung für LGBTI*-Menschen nicht sicher ist und dass eine Inhaftierung ohne zeitliche Begrenzung die ganze Situation noch viel, viel schlimmer macht. Letztendlich würden wir gerne ein Ende der Einwanderungshaft sehen, aber in der Zwischenzeit, wenn die Regierung das nicht tun will, sollte sie die Inhaftierung aller LGBTI*-Menschen beenden."
Innenministerium beteuert Wohlergehen
Ein Sprecher des Innenministeriums erklärte inzwischen, dass die britische Regierung das Wohlergehen von Menschen in Einwanderungshaft sehr ernst nehme, wobei Entscheidungen über die Inhaftierung stets von Fall zu Fall getroffen werden: "Leitlinien stellen sicher, dass das Personal weiß, welche Maßnahmen erforderlich sind, um den Bedürfnissen von LGBT-Personen in Haft gerecht zu werden, und an jedem Standort sind Wohlfahrtsteams anwesend, um spezifische Unterstützung für ihre Bedürfnisse zu bieten."