Kritik am Asylverfahren Großbritannien hat 2021 rund 700 LGBTI*-Menschen Asyl bewilligt
LGBTI*-Organisationen kritisieren einmal mehr die aktuelle britische Regierung und werfen dem scheidenden Premierminister Boris Johnson vor, er habe sich zu wenig für LGBTI*-Menschen eingesetzt. Das britische Innenministerium hatte zuvor Ende dieser Woche mitgeteilt, dass Großbritannien im Jahr 2021 insgesamt 677 LGBTI*-Menschen Asyl gewährt habe. Dabei bekräftigte die Behörde allerdings auch, dass die Anträge nicht zwingend aufgrund der jeweiligen sexuellen Orientierung der Antragsteller bewilligt worden waren – auch andere Aspekte können zu einem positiven Entscheid beigetragen haben.
Der Großteil der geflüchteten LGBTI*-Menschen stammt aus Pakistan, dessen Regierung Homosexualität nach wie vor mit lebenslanger Haft oder sogar der Todesstrafe ahndet. Weitere Menschen mit einem positiven Asylbescheid kamen aus Bangladesch, Nigeria, Iran, Uganda und dem Irak. Nach Angaben der Liberalen Demokraten ergab die Analyse der Daten des Innenministeriums allerdings auch, dass die Tory-Regierung seit 2017 insgesamt 3.071 LGBTI*-Asylbewerber wieder in Länder zurückgeschickt habe, in denen Homosexualität bis heute kriminalisiert wird. Unter diesen rund 3.000 queeren Menschen seien auch rund 1.000 Pakistaner und 570 Menschen aus Bangladesch gewesen. Das Innenministerium habe zudem auch die Anträge von rund 380 Nigerianern abgelehnt, denen in ihrer Heimat aufgrund gleichgeschlechtlicher Handlungen mehr als ein Jahrzehnt Gefängnis oder der Tod drohen.
Der innenpolitische Sprecher der Demokraten, Alistair Carmichael, sagte, die Regierung müsse alles in ihrer Macht Stehende tun, um "Menschen zu helfen, die gezwungen sind, vor Gewalt und Verfolgung zu fliehen, nur weil sie sind, wer sie sind und wen sie lieben. Das Vereinigte Königreich sollte die Sache der Rechte von LGBTI* im In- und Ausland vorantreiben und denjenigen Zuflucht bieten, die sie brauchen". Er warf der Tory-Regierung weiter vor, sich nicht für die Rechte von LGBTI* einzusetzen und "Tausende von Menschen in Länder zurückzuschicken, in denen Homosexualität immer noch gegen das Gesetz verstößt". Mit Blick auf die beiden Kandidaten für das Amt des Premierministers, Liz Truss und Rishi Sunak, erklärte der Oppositionspolitiker weiter, er hoffe, dass die neuen Chefs in der Downing Street 10 die "entsetzliche Kultur der Unglaubwürdigkeit gegenüber LGBTI*-Asylbewerbern" beenden werden. Sebastian Rocca, Gründer und Geschäftsführer der LGBTI*-Asyl-Wohltätigkeitsorganisation Micro Rainbow, erklärte zudem, dass das Innenministerium "trans- und nicht-binäre Menschen", die in Großbritannien Asyl beantragen, nicht berücksichtigen würde. Einen Beweis für diese Behauptung blieb Rocca allerdings schuldig.
Kritik kommt auch von der LGBTI*-Organisation Stonewall, die allerdings zuletzt selbst in Großbritannien aufgrund von mutmaßlich extremistischem Verhalten in die Kritik war. Robbie de Santos, Direktor für Kommunikation und Außenbeziehungen bei Stonewall, forderte die Regierung auf, "internationale Führungsstärke bei der Unterstützung von LGBTI*-Asylbewerbern" zu zeigen. "Wir wollen, dass alle Asylbewerber im Vereinigten Königreich mit Respekt und Würde behandelt werden. Die britische Regierung muss die Inhaftierung von LGBTI*-Asylbewerbern beenden und sicherstellen, dass alle inhaftierten Personen Zugang zu kostenlosem, qualitativ hochwertigem Rechtsbeistand haben." Santos bezieht sich dabei auf die Ankündigung des Innenministeriums vom Mai dieses Jahres, Flüchtlinge nach Ruanda zu schicken, bis ihre Asylrechtslage geklärt sei. Das Innenministerium selbst erklärte indes, dass jeder Asylantrag von Fall zu Fall geprüft wird und niemand abgeschoben werden würde, wenn es nicht sicher für ihn in seinem Heimatland ist.