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Feiern, als wäre nichts gewesen Kommentar: Olympia in Peking: Die vergessene LGBTI*-Community

Von ms - 04.02.2022 - 18:00 Uhr
Kommentar: Olympia in Peking: Die vergessene LGBTI*-Community
Foto: © BalkansCat
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Die Welt, friedlich vereint im sportlichen Wettstreit. Ein Zeichen an alle Völker der Erde, wie respektvoll und mit Würde die Weltgemeinschaft zusammenhält. So ein schöner Gedanke. So arg strapazierte Aussagen. So eine gigantische Lüge. Nun beginnen sie also wieder, die Olympischen Winterspiele, dieses Mal ausgerechnet in China. Natürlich betrachten wir das alles äußert kritisch, denn wir wissen ja, moderne Sklaverei, die Aushöhlung aller Menschenrechte und Massenmord feiern im Land der aufgehenden Sonne Hochkonjunktur. Da protestieren wir still und leise, Politiker aus Europa und den USA bleiben fern und die LGBTI*-Community ist empört darüber, dass ihr, ohne die verbannte schwule App „Grindr“, die Suche nach dem nächsten Dating-Partner vor Ort erschwert wird. Dem nicht genug, kündigte China zudem an, gegen alle „sensiblen Inhalte“ in Bezug auf Sexualität und LGBTI* massiv vorzugehen. Die chinesische queere Community möge bitte still sein und nicht über ihre miserablen Lebensumstände berichten, solange die Weltpresse ein buntes fröhliches Bild nach außen trägt.

Das alles irritiert die LGBTI*-Community in Europa nur für wenige Minuten, kurz darauf feiern wir begeistert, dass es noch nie so viele queere Teilnehmer bei Olympia im Winter gab wie in Peking. Die Rede ist von einer Verdopplung der Zahlen – in nüchternen Fakten reden wir von mindestens 35 LGBTI*-Teilnehmern. Dabei sprechen wir natürlich nur von jenen, die bereits offiziell geoutet sind. Doch auch das ist kein Problem - da alle Teilnehmer gezwungen werden, die offizielle Olympia-App My2022 zu verwenden und diese App alle Daten aus jedem Smartphone ungefragt ausliest, können wir bald das nächste queere Massen-Outing feiern. Ist das nicht ein Grund zur Freude? So viele Sportler haben sich noch nie geoutet – schon gar nicht während Olympia. Ach, wie schön. Gut, nicht ganz freiwillig vielleicht, aber von solchen Kleinigkeiten wollen wir uns doch nicht die Freude verbieten lassen, oder? Dazu passt ganz wunderbar ein Zitat des schwulen britischen Eiskunstläufers Lewis Gibson, der gegenüber „Outsports“ sagte:  „Es ist wirklich ein Privileg, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen, die wie keine andere Grenzen überschreitet.“

© miodrag ignjatovic
© miodrag ignjatovic

Ja, Grenzen werden definitiv überschritten – vielleicht nur anders, als Gibson das meint. Aber wie gesagt, das sind nur Bagatellen und Nörgeleien von Menschen wie mir, denen man es ja nie recht machen kann. So sind wir bei der farbenfrohen Propaganda-Eröffnungsfeier also ebenso dabei wie bei den bunten Spielen selbst. Wer sehnt sich nicht nach etwas Farbe an diesen grauen Februartagen? Man muss eben einfach auf dem Teppich bleiben, China ist Wirtschaftsmacht, da lautet die höchste Form der Kritik bereits, wenn ein Bundeskanzler sagt, er habe „keine Reisepläne“ für China. Da wird dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping aber das Herz in die Hose gerutscht sein – vor Lachen natürlich.

Vielleicht ist es wirklich naiv zu glauben, man könnte etwas ändern. Aber vielleicht darf man trotzdem fragen, warum die LGBTI*-Community abermals so leichtfertig über die massiven Anfeindungen ihresgleichen hinwegsieht, wenn es um die große sportliche Show geht. Wir erinnern uns noch an die Fußball-Europameisterschaft im Sommer letzten Jahres? Ein großes Geschrei um die Frage: Darf das Münchner Olympiastadion mitten im Pride-Monat in den Regenbogenfarben erstrahlen? Durfte es schlussendlich nicht, dem homophoben Despoten in Ungarn hätte das ja ärgern können. Also, weiterfeiern, Bitteschön.

Was die LGBTI*-Community tun könnte? Vielleicht nicht gar so leise sein. Vielleicht nicht doch im Freudentaumel ob des ein oder anderen queeren Athleten vor Ort alles andere vergessen. Wie fröhlich und frei sind diese Spiele, wenn beispielsweise eine erhobene Regenbogenflagge eines queeren Gewinners schon zu einem Skandal führen würde? Sollte er dabei das Wort „Uiguren“ in den Mund nehmen, verschwindet er wahrscheinlich spurlos. Das hat in China ja bereits Tradition, dass unliebsame Sportler einfach verschwinden – im bevölkerungsreichsten Land der Erde kann schon einmal einer verloren gehen. Oder ein paar Tausend eben. Es muss vielleicht noch einmal klar gesagt werden: In China werden queere Menschen massiv unterdrückt, gepeinigt und erleben verbale wie körperliche Gewalt. Sie dürfen nicht existieren. Vielleicht können wir die Welt nicht sofort ändern, aber wir können aufhören, laut zu feiern und anfangen, lieber laut und unbequem zu sein. Denn eines ist klar: Die Weltpresse sendet nicht nur aus China, sie blickt auch mit großen Augen auf Peking. Wann, wenn nicht jetzt, wäre eine schöne queere Ruhestörung der fest geplanten Propaganda-Abläufe effektiver und dank der Weltengemeinschaft vor Ort auch ungefährlicher? Lasst uns laut werden, hier wie anderenorts.

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