Schwule Männer im Alter zwischen 20 und 29 Jahren empfinden in ihren Partnerschaften offenbar häufiger Unsicherheit als gleichaltrige heterosexuelle Männer. Darauf deutet eine wissenschaftliche Untersuchung hin, deren Ergebnisse jetzt in der Fachzeitschrift BMC Psychology veröffentlicht wurden.
Das Wichtigste im Überblick
- Mehr als 600 Männer untersucht: Eine aktuelle Studie verglich das Bindungsverhalten schwuler und heterosexueller Männer zwischen 20 und 29 Jahren.
- Größere Unsicherheit: Schwule Teilnehmer berichteten häufiger von Verlustängsten, Zweifeln an den Gefühlen ihres Partners und Schwierigkeiten mit emotionaler Nähe.
- Weniger Zukunftsvertrauen: Heterosexuelle Männer schätzten die Stabilität und Zukunft ihrer Beziehungen im Durchschnitt positiver ein.
- Die Forscher vermuten, dass gesellschaftliche Erwartungen die Beziehungsunsicherheit schwuler Männer verstärken können.
Schwule und Verlustängste
Die Studie wurde in Shanghai durchgeführt. Ein Forschungsteam mit Beteiligung der japanischen Waseda-Universität befragte etwas mehr als 600 Männer zu ihren Beziehungserfahrungen, ihrem Sicherheitsgefühl und ihren Erwartungen an die Zukunft ihrer Partnerschaften. Etwa die Hälfte der Teilnehmer war schwul, die andere Hälfte heterosexuell. Alle Befragten waren zwischen 20 und 29 Jahre alt. Bei der bisherigen Dauer ihrer Beziehungen unterschieden sich die beiden Gruppen kaum. Sowohl die längsten als auch die kürzesten Partnerschaften waren in beiden Gruppen ähnlich lang. Deutliche Unterschiede zeigten sich jedoch bei der Einschätzung der emotionalen Sicherheit und der Zukunftsaussichten einer Beziehung – die Ergebnisse könnten dabei auch außerhalb Chinas von großer Bedeutung sein.
Die heterosexuellen Teilnehmer äußerten im Durchschnitt größeres Vertrauen in die Stabilität ihrer Partnerschaften. Sie gingen außerdem häufiger davon aus, dass ihre Beziehungen langfristig Bestand haben würden. Die schwulen Männer berichteten dagegen tendenziell von stärkeren Ängsten und Unsicherheiten. Dazu gehörte insbesondere die Sorge, vom Partner verlassen zu werden. Einige Teilnehmer waren unsicher, welche Gefühle ihr Partner tatsächlich für sie empfand. Andere berichteten von Schwierigkeiten, emotionale Nähe zuzulassen, oder von der Tendenz, sich zu stark auf den Partner zu verlassen. Solche Verhaltensweisen werden in der Bindungsforschung häufig im Zusammenhang mit unsicheren Bindungsmustern untersucht.
Zukunft von Beziehungen
Die festgestellten Unterschiede blieben auch bestehen, nachdem die Wissenschaftler wirtschaftliche und berufliche Faktoren berücksichtigt hatten. Damit lassen sich die Ergebnisse nach Angaben der Forscher nicht allein durch Unterschiede bei Einkommen oder beruflicher Stellung erklären. Eine wichtige Rolle spielt nach Einschätzung der Wissenschaftler daher die Frage, ob Menschen ihre Partnerschaft als dauerhaft und zukunftsfähig wahrnehmen. „Das Gefühl, dass ‚diese Beziehung eine Zukunft hat‘, könnte ein wichtiger Bestandteil emotionaler Sicherheit in einer Partnerschaft sein“, erklärte Assistenzprofessor Fan Yang von der Waseda-Universität in Japan.
Yang sieht darin einen wesentlichen Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einer Partnerschaft und dem persönlichen Bindungserleben. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen die entscheidende Rolle der Beziehungsstabilität bei der Entwicklung von Bindungsmustern im Erwachsenenalter, insbesondere innerhalb der schwulen Bevölkerung.“ Wer daran zweifelt, ob eine Beziehung gesellschaftlich akzeptiert wird oder langfristig bestehen kann, könnte demnach auch innerhalb der Partnerschaft stärkere Unsicherheit empfinden.
Besondere Herausforderungen
Nach Ansicht Yangs tragen die besonderen Herausforderungen schwuler Menschen möglicherweise zu solchen Zweifeln bei. Viele müssten sich nicht nur mit den üblichen Fragen einer Partnerschaft auseinandersetzen, sondern zusätzlich überlegen, ob ihre Beziehung von der eigenen Familie und dem gesellschaftlichen Umfeld akzeptiert werde. Allerdings: Der Ort der Untersuchung ist für die Einordnung der Ergebnisse von besonderer Bedeutung. Die Befragung fand in Shanghai statt. In China sind die gesellschaftlichen und rechtlichen Bedingungen für gleichgeschlechtliche Partnerschaften deutlich restriktiver als in vielen westlichen Ländern. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden dort rechtlich nicht anerkannt. Auch öffentliche Pride-Festivals gibt es nicht. Darüber hinaus fehlen ausdrückliche gesetzliche Schutzbestimmungen gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung.
Schwule Männer stehen deshalb häufig vor besonderen Herausforderungen, wenn sie offen leben und langfristige Partnerschaften führen möchten. Die Wissenschaftler verweisen in ihrer Untersuchung ausdrücklich auf den gesellschaftlichen Druck, der mit traditionellen Familienvorstellungen verbunden ist. „Chinesische schwule Männer und lesbische Frauen stehen unter erheblichem Druck, zu heiraten – vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Erwartungen an heterosexuelle Ehen, die Geburt von Kindern und die Fortführung der Familienlinie“, heißt es in der Studie. Dieser Erwartungsdruck kann dazu führen, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung verbergen oder ihre Partnerschaften nicht offen leben. Auch die Sorge, die eigene Familie zu enttäuschen, könnte die Vorstellung einer langfristigen gemeinsamen Zukunft erschweren.
Fehlende Akzeptanz
Die Untersuchung legt nahe, dass Beziehungsunsicherheit nicht ausschließlich eine Frage der individuellen Persönlichkeit oder früherer Beziehungserfahrungen ist. Auch gesellschaftliche Bedingungen könnten beeinflussen, wie sicher sich Menschen innerhalb einer Partnerschaft fühlen. Wer nicht weiß, ob die eigene Familie einen Partner akzeptieren wird, muss sich mit zusätzlichen Belastungen auseinandersetzen. Ähnliches gilt für Menschen, die ihre Beziehung am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum verbergen. Die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft betrifft dann nicht nur die Gefühle der beiden Partner, sondern auch die Möglichkeit, die Beziehung offen und dauerhaft zu führen. Die Experten gehen daher davon aus, dass es ähnliche Entwicklungen innerhalb von schwulen Beziehungen in Europa oder auch den USA geben kann, insofern fehlende Akzeptanz von außen die Zweisamkeit belastet. Die Schwierigkeiten beschränken sich damit nicht auf China.
Daten weltweit von Bedeutung
Obwohl LGBTIQ+-Menschen in Europa oder den Vereinigten Staaten unter deutlich günstigeren rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen leben, bestehen auch dort weiterhin Probleme mit Diskriminierung und fehlender Akzeptanz. Viele sind bis heute beispielsweise auch am Arbeitsplatz nicht geoutet. Weitere Untersuchungen weisen darauf hin, dass zahlreiche gleichgeschlechtliche Paare aus Sorge um ihre Sicherheit immer stärker darauf verzichten, in der Öffentlichkeit Zuneigung zu zeigen, beispielsweise Händchen halten. Für manche ist es weiterhin ebenso schwierig, sich gegenüber der eigenen Familie zu outen. Solche Erfahrungen könnten daher auch hier Zweifel daran verstärken, ob eine Beziehung langfristig Bestand haben und offen gelebt werden kann. Die Forscher halten es deshalb für möglich, dass vergleichbare Mechanismen sogar weltweit unter schwulen Männern eine Rolle spielen. Nach Einschätzung von Fan Yang könnten die Erkenntnisse für die psychologische Beratung und Unterstützung von LGBTIQ+-Menschen daher von Bedeutung sein.