Rund 70 Prozent der marokkanischen Migranten, die Ende Juli in die spanische Exklave Ceuta gelangten, haben bei ihren Asylanträgen ihre sexuelle Orientierung als Fluchtgrund angegeben. Sie machen geltend, dass ihnen wegen ihrer Homosexualität in Marokko Verfolgung drohe. Das berichtet die spanische Zeitung ABC unter Berufung auf Polizeiquellen. Die Behörden vermuten einen massiven Asylbetrug.
Das Wichtigste im Überblick
- Auffällige Asylanträge: Rund 70 Prozent der marokkanischen Migranten, die Ende Juli nach Ceuta gelangten, geben ihre vermeintliche Homosexualität als Asylgrund an.
- Spanische Ermittler vermuten, dass Migranten gezielt beraten wurden, um ihren Aufenthalt in Spanien zu sichern. Bislang sollen nur fünf entsprechende Anträge bewilligt worden sein.
- Tausende Migranten in Ceuta: Aktuell halten sich dort offenbar noch rund 10.000 Menschen in der spanischen Exklave auf. Einige sollen sich vor den Behörden verstecken.
- Parallelen zu Großbritannien: Dort ermitteln Behörden gegen ein mutmaßliches Netzwerk, das gegen Bezahlung gefälschte Nachweise für Asylanträge wegen angeblicher Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung beschafft haben soll.
Tausende Migranten in Ceuta
Die spanische Nationalpolizei hat demnach eine auffällige Veränderung bei den Begründungen für Asylanträge festgestellt. Die Ermittler vermuten, dass Migranten gezielt Hinweise erhalten haben könnten, welche Angaben ihre Chancen auf einen Verbleib in Spanien verbessern. Ob und in welchem Umfang tatsächlich falsche Angaben gemacht wurden, ist bislang nicht geklärt. Nach Angaben der Zeitung wurden bisher lediglich fünf Asylanträge bewilligt, bei denen eine drohende Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung geltend gemacht wurde.
Laut ABC befinden sich noch immer rund 10.000 Migranten, die Ende Juli nach Ceuta gelangten, in der spanischen Exklave an der nordafrikanischen Küste. Einige sollen in Wohnungen untergekommen sein, andere sich in felsigen Gebieten verstecken, um einer Identifizierung und möglichen Abschiebung zu entgehen. Die Polizei vermutet, dass ein Teil der Migranten den Kontakt zu den Behörden bewusst vermeidet. Hintergrund könnten noch anhängige Gerichtsverfahren sein. Betroffene sollen befürchten, nach einer Identifizierung aus Ceuta abgeschoben zu werden.
Homosexualität allein keinen Asylgrund
Die spanischen Behörden betonen, dass die bloße Erklärung, homosexuell zu sein, nicht automatisch zur Anerkennung eines Asylantrags führt. Entscheidend ist vielmehr, ob dem Antragsteller bei einer Rückkehr in sein Herkunftsland eine begründete Gefahr der Verfolgung droht. Dabei müssen Betroffene allerdings nicht nachweisen, dass sie bereits angegriffen, bedroht oder festgenommen wurden. Sie müssen jedoch ausreichende Gründe vorbringen, die eine mögliche Verfolgung glaubhaft machen.
Die Prüfung erfolgt durch die spanische Asyl- und Flüchtlingsbehörde. Das Verfahren umfasst ausführliche persönliche Anhörungen und Fragebögen, die nach Angaben von ABC teilweise bis zu 15 Seiten lang sind. Berücksichtigt werden unter anderem die individuellen Lebensumstände, die Schilderungen der Antragsteller, mögliche Drohungen oder Übergriffe, vorgelegte Dokumente sowie die Situation im Herkunftsland. Einen körperlichen Test zum Nachweis der sexuellen Orientierung gibt es nicht. Die Behörden dürfen weder intime Beweise verlangen noch ihre Entscheidungen auf stereotype Vorstellungen über homosexuelle Menschen stützen.
Ermittlungen auch in Großbritannien
Dass Angaben zur sexuellen Orientierung gezielt für unberechtigte Asylanträge genutzt werden könnten, beschäftigt aktuell auch die Behörden in Großbritannien. Dort wird gegen ein mutmaßliches Netzwerk ermittelt, das Antragstellern gegen Bezahlung gefälschte Nachweise für eine angebliche Homosexualität angeboten haben soll. Nach einem Bericht von BBC News wurden bei einem Einsatz der britischen Einwanderungsbehörde bereits drei Menschen festgenommen. Die Ermittlungen betreffen auch mögliche Verbindungen zur Organisation Apanjon, einer LGBTIQ+-Organisation der bangladeschischen Community im Londoner Stadtteil Whitechapel. Nach Angaben von Ermittler Chris Foster aus dem britischen Innenministerium sollen für gefälschte Unterlagen zwischen 1.000 und 4.500 Pfund verlangt worden sein.
Dabei soll es sich unter anderem um Unterstützungsschreiben, inszenierte Fotos und fingierte Bestätigungen gleichgeschlechtlicher Beziehungen gehandelt haben. Das britische Innenministerium untersucht inzwischen mehr als 100 Asylanträge, die mit dem mutmaßlichen Netzwerk in Verbindung stehen. Nach Einschätzung der Ermittler könnte die tatsächliche Zahl bei mehreren Hundert liegen. Die britische Innenministerin Shabana Mahmood verurteilte den mutmaßlichen Betrug scharf. Menschen, die eine Verfolgung vortäuschten, seien „zutiefst verachtenswert und verhöhnen echte Opfer, die Schutz benötigen“. Bereits im Mai hatte eine BBC-Recherche einen ähnlichen Verdacht aufgedeckt. Einwanderungsberater sollen Asylbewerbern empfohlen haben, sich als homosexuell auszugeben. Bei einer von der BBC gefilmten LGBTIQ+-Veranstaltung räumten zahlreiche Teilnehmer ein, tatsächlich nicht homosexuell zu sein.