Affenpocken im Fokus Das Virus bestimmt mehr denn je das Leben vieler schwuler Männer
Die Affenpocken (MPX) sorgen abermals in diesen Tagen für massiven Gesprächsstoff – während in Deutschland die Infektionszahlen teilweise und in geringem Maße zurückgehen, wird in Großbritannien ganz offen Kritik an der Regierung laut – es fehle an einem nationalen Aktionsplan zur Affenpocken-Lage. In den USA liegt der Fokus dabei auf der Gay-Community, die amerikanische Regierung wirft dabei einen besonderen Blick auf kommende Pride-Veranstaltungen und Gay-Events.
Im Überblick: In Berlin ist die Zahl der MPX-Neuinfektionen in den vergangenen Tagen leicht zurückgegangen. Während bis vor rund zehn Tagen die tägliche Zahl der neuen Infektionsmeldungen allein in Berlin zwischen 35 und 50 Fällen lag, ist diese Anzahl inzwischen aktuell auf 10 bis 15 Neu-Infektionen pro Tag gesunken. Von einer Trendwende will bei den zuständigen Behörden wie dem Robert-Koch-Institut noch niemand sprechen, aktuell gibt es deutschlandweit rund 3.300 Fälle, die Hälfte davon in Berlin. Die Impfquote ist in der Hauptstadt zwar hoch, doch aktuell gibt es so gut wie keine Impfdosen mehr – weder in Deutschland noch in weiten Teilen Europas. Die Bundesrepublik erwartet bis Ende September weitere 200.000 Einheiten, auch diese sind nicht genug, so die Deutsche Aidshilfe, die mindestens eine Millionen Dosen fordert. Bis zum Eintreffen sitzen schwule und bisexuelle, impfwillige Männer auf dem Trockenen. Zudem wurden in den letzten Tagen auch erste Impfdurchbrüche vermeldet, also Menschen, bei denen trotz erfolgter Impfung die Affenpocken ausgebrochen sind. Zudem wird mit Sorge auf das sexpositive Fetisch-Festival Folsom im September in Berlin geblickt, in dessen Umfeld durch sexuelle Kontakte die Fallzahlen wieder ansteigen könnten. Von einer Trendwende kann so also nicht wirklich gesprochen werden.
In Großbritannien wir derweil scharfe Kritik an der Regierung und im Speziellen an der Außenministerin und Gleichstellungsbeauftragten Liz Truss laut, die derzeit auch für das Amt der künftigen Premierministerin kandidiert. In einem Schreiben der Labour Party wurde Truss mit harschen Worten aufgefordert, den Ausbruch der Affenpocken “endlich in den Griff“ zu bekommen. Großbritannien gehört neben Spanien und Deutschland zu den am stärksten betroffenen Ländern in Europa. Truss solle konkret erklären, was sie und das Government Equalities Office (GEO), das sie als Ministerin für Frauen und Gleichstellung beaufsichtigt, unternehmen werden, um das Bewusstsein für die Infektion zu schärfen und ihre Ausbreitung zu begrenzen. Die Labour Partei betonte dabei, dass die Mitglieder "sehr besorgt" darüber seien, dass die Einführung der Impfung im Vereinigten Königreich aufgrund von Lieferschwierigkeiten für mehrere Wochen zum Stillstand kommen wird. Truss wurde in der Vergangenheit mehrfach vorgeworfen, dass sie ihre Rolle als Ministerin für Frauen und Gleichstellung als "Nebenbeschäftigung" zu ihrem Amt als Außenministerin betrachte. "Sie können es sich nicht leisten, darauf zu warten, dass die Minister entscheiden, wer der nächste Kapitän des sinkenden Schiffes der Konservativen Partei sein wird", heißt es in dem Brief weiter. So dürfte die Kritik als eine Mischung aus ernsthafter Sorge und Wahlkampftaktik verstanden werden. Bisher wurden im Vereinigten Königreich mehr als 25.000 schwule und bisexuelle Männer gegen Affenpocken geimpft, eine weitere Charge von 100.000 Dosen wird hier ebenso bis Ende September erwartet. Aktuell verzeichnet Großbritannien ähnlich hohe Infektionszahlen wie Deutschland.
Die USA will sich im Kampf gegen die Affenpocken verstärkt auf schwule Männer konzentrieren, die wie überall derzeit den allergrößten Teil der Infizierten ausmachen (zu rund 98 Prozent). Immer wieder wird von Regierungsvertretern dabei auch die Angst laut, dass die Virus-Erkrankung zu einem dauerhaften Problem für das amerikanische Gesundheitssystem werden könnte, weswegen an diesem Wochenende ein Pilotprojekt beim Charlotte Pride gestartet wird. Dr. Demetre Daskalakis, der stellvertretende Direktor der Biden-Administration für die Bekämpfung von Affenpocken, erklärte, dass das Pilotprojekt einen zweigleisigen Ansatz verfolge: Bildung und Aufklärungsarbeit (Safer Sex) sowie Impfung. Die USA bedienen sich dafür aus dem strategischen nationalen Not-Vorrat und stellen weitere rund 50.000 Impfstoffdosen zur Verfügung, die bei den kommenden Pride-Events gezielt verabreicht werden sollen. Nebst dem Charlotte Pride sind dies in nächster Zeit der Atlanta Black Pride und die Southern Decadence in New Orleans am Labor Day Wochenende. Im weiteren Fokus sind dann auch spezielle landesweite Gay-Veranstaltungen. Laut dem CDC gibt es aktuell rund 13.000 Affenpocken-Fälle in den USA, die Epizentren sind dabei New York, Kalifornien, Texas, Florida, Georgia und Illinois. New York und Kalifornien haben deswegen vor zwei Wochen bereits den Gesundheitsnotstand ausgerufen. In Amerika steigt die Zahl der Neu-Infektionen dabei derzeit sprunghaft an – während im Juli noch durchschnittlich 45 neue Fälle pro Tag registriert worden sind, werden im August inzwischen rund 530 Neu-Infektionen jeden Tag festgehalten.