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Neue Inszenierung Harvey-Milk-Oper feiert umjubelte Premiere in Hildesheim

Von kw - 22.05.2026 - 15:30 Uhr
Harvey-Milk-Oper feiert umjubelte Premiere in Hildesheim
Foto: © Tim Müller
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Im Stadttheater Hildesheim feierte die neu inszenierte Fassung der Oper „Harvey Milk Reimagined“ von Stewart Wallace eine umjubelte Premiere. Die Produktion, getragen vom Theater für Niedersachsen und angesiedelt in kraftvollen Bildern und energetischer Musik, macht das Leben und Vermächtnis des US-Bürgerrechtlers Harvey Milk auf einer deutschen Bühne unerwartet direkt und eindringlich spürbar. Die Aufführung markiert einen außergewöhnlichen Moment queerer Sichtbarkeit und künstlerischer Selbstbehauptung in der deutschen Theaterlandschaft.

 

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Oper „Harvey Milk Reimagined“ wurde am Stadttheater Hildesheim in einer gekürzten und neuartigen Inszenierung aufgeführt.
  • Regie führten Vincent Stefan und Martin Miotk; die musikalische Leitung übernahm Sergei Kiselev.
  • Eddie Mofokeng verkörperte die Titelrolle, Julian Rohde spielte Milks Lebensgefährten Scott Smith.
  • Die Uraufführung der ersten, dreistündigen Fassung fand bereits 1998 in Dortmund statt.
  • Die aktuelle Fassung von 2022 reduziert das Orchester und setzt auf eine intensive, bildreiche Dramaturgie.

 

Bühnenkunst zwischen queerer Geschichte und Gegenwart

Die Oper erzählt nicht nur von Harvey Milks Kampf um Bürgerrechte, sondern nimmt die Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf eine Reise durch die queere Sozial- und Kulturgeschichte der USA. Die Regisseure Vincent Stefan und Martin Miotk brechen mit gängigen Opernkonventionen und inszenieren eine temporeiche, farbgewaltige Revue. Sie verweben Szenen aus Hoch- und Subkultur, zitieren bekannte Opern und lösen traditionelle Rollenbilder auf der Bühne auf. Dabei spielt der Chor eine zentrale Rolle – unter Leitung von Achim Falkenhausen verschmelzen Stimmen zu kraftvollen Bildern kollektiver Erfahrung.

Im Zentrum steht Eddie Mofokeng als Harvey Milk, der mit großem stimmlichen und darstellerischen Können überzeugt. Die Inszenierung stellt dabei weniger das Außerordentliche der Figur, sondern vielmehr die universellen Kräfte gesellschaftlichen Wandels und individuellen Muts in den Mittelpunkt.

 

Programmatische Neubesinnung des Musiktheaters

Im Gegensatz zur ersten deutschen Aufführung von 1998 bietet die neue Fassung ein radikal verdichtetes, musikalisch wie szenisch zugespitztes Erlebnis. Stewart Wallace transformiert das Werk von einer linearen Biografie hin zu einem manifesthaften Musiktheater. Die Oper beginnt und endet mit einer jüdischen Trauerzeremonie, die wie in Webbers „Evita“ eine Rahmenhandlung gibt. Zwischen diesen Polen setzt die Inszenierung gezielt auf Überforderung, Reizüberflutung und Auflösung von Dualismen. Geschlechtsidentitäten werden fließend und Klischees bewusst ironisiert. Besonders eindrücklich: Das musikalisch dramatisierte Wechselspiel von Milks politischem Aktivismus und konservativen Kräften, das sich in der dichten Klang- und Bildsprache des Abends widerspiegelt.

„Mein Stern besteht aus einem gelben und einem pinken Dreieck“, singt Harvey Milk an einer Schlüsselszene – ein Sinnbild für queere Selbstermächtigung und kollektives Erinnern.

 

Hintergrund: Von San Francisco nach Hildesheim

Harvey Milk, 1978 als einer der ersten offen schwulen Politiker in San Francisco ins Amt gewählt, wurde 1979 gemeinsam mit Bürgermeister George Moscone ermordet. Seine Geschichte beeinflusste weltweit Generationen von queeren Aktivistinnen wie Aktivisten. Stewart Wallace’ Oper entstand 1995 in New York und erreichte durch John Dews Dortmunder Inszenierung auch Deutschland. Die neue Fassung von 2022 reagiert auf aktuelle Diskurse in der LGBTIQ+-Community und betont weniger Opfererzählungen als stolz behauptete Identität und Selbstbewusstsein.

 

Wie geht es weiter?

Die erfolgreiche Inszenierung am Stadttheater Hildesheim dürfte ein Impuls für weitere Gastspiele oder Neuaufnahmen an anderen Häusern sein und ist ein deutliches Zeichen für die wachsende Präsenz queerer Themen im deutschen Musiktheater. Die Frage bleibt, inwieweit sich große Theater im deutschsprachigen Raum der innovativen Kraft dieser Produktion anschließen werden.

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