„Proud“ schreibt Geschichte Erste polnische Serie mit schwuler Hauptfigur
In Zeiten, in denen so manche queere Serienproduktionen häufig auf große Gesten, spektakuläre Liebesgeschichten und glamouröse Inszenierungen setzen, schlägt die polnische Serie „Proud“ einen anderen Weg ein. Statt außergewöhnliche Heldengeschichten oder romantische Wunschwelten zu erzählen, richtet die Produktion ihren Blick auf die Herausforderungen des Alltags – und entwickelt gerade daraus ihre besondere Stärke.
Das Wichtigste im Überblick
- „Proud“ ist die erste größere polnische Serie mit einem schwulen Protagonisten.
- Im Mittelpunkt steht das Leben des schwulen Models Filip, dessen Alltag durch einen familiären Schicksalsschlag grundlegend verändert wird.
- Die Serie verbindet Themen wie Verantwortung, Verlust, Familie und schwule Identität.
- Regisseur Karol Klementewicz versteht das Werk auch als Reaktion auf die Situation queerer Menschen in Polen.
- Trotz gesellschaftspolitischer Bezüge verzichtet die Serie auf einfache Botschaften und stereotype Figuren.
- Beim renommierten Festival „Series Mania“ wurde „Proud“ bereits mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.
Persönliche Geschichte
Während zahlreiche erfolgreiche Serien der vergangenen Jahre ihre schwulen, lesbischen, bisexuellen oder queeren Figuren in außergewöhnlichen Lebenswelten verorteten, konzentriert sich „Proud“ auf die Realität eines schwulen Mannes, dessen Leben aus den Fugen gerät und der gezwungen wird, Verantwortung zu übernehmen. Regisseur Karol Klementewicz, der gemeinsam mit Monika Pęcikiewicz auch das Drehbuch verfasst hat, stellt dabei nicht große gesellschaftliche Statements in den Vordergrund. Vielmehr erzählt er eine persönliche Geschichte über Verlust, Fürsorge und die Fähigkeit, über sich selbst hinauszuwachsen.
Zwischen Partys und Selbstvergessenheit
Zu Beginn der Handlung scheint Hauptfigur Filip, gespielt von Ignacy Liss, ein nahezu sorgenfreies Leben zu führen. Der junge Mann arbeitet als Model und bewegt sich in einer Welt aus Nachtclubs, Partys und wechselnden Bekanntschaften. Die Serie begleitet ihn durch exzessive Nächte und flüchtige Begegnungen. Bereits in den ersten Szenen erscheint Filip zu einem Casting, bevor er wenig später erneut im Nachtleben verschwindet.
Visuell setzt „Proud“ dabei auf eine außergewöhnlich atmosphärische Bildsprache. Regisseur Klementewicz und Kamerafrau Weronika Bilska inszenieren die Clubszene mit großer Präzision und Sinnlichkeit. Eine verlangsamte Coverversion von Britney Spears’ „Toxic“ begleitet die Kamera durch rot beleuchtete Räume, vorbei an Blicken, Berührungen und kurzen Momenten der Nähe. Die ersten Minuten erinnern dadurch eher an ein kunstvoll gestaltetes Musikvideo als an eine klassische Fernsehserie.
Ein Schicksalsschlag verändert alles
Doch die scheinbare Leichtigkeit hält nicht lange an. Nach einer durchfeierten Nacht wird Filip von seiner Schwester Anna überrascht. Während sie sich weniger an seinem Lebensstil stört, kritisiert sie den Zustand seiner Wohnung, in der auch ihre kleine Tochter Tasia lebt. Was zunächst wie ein alltäglicher Streit unter Geschwistern wirkt, entwickelt sich wenig später zu einer tiefgreifenden Wendung der Handlung. Anna stirbt überraschend. Da der leibliche Vater kein Interesse daran zeigt, sich um das Kind zu kümmern, entscheidet sich Filip, die Verantwortung für seine Nichte zu übernehmen. Er möchte verhindern, dass das Mädchen in einem Heim untergebracht wird.
Trotz dieser Ausgangslage entwickelt sich „Proud“ nicht zu einer klassischen Erzählung über Reue oder moralische Besserung. Stattdessen interessiert sich die Serie für die Frage, wie Menschen wachsen, wenn sie plötzlich vor Aufgaben stehen, auf die sie nicht vorbereitet sind. Filips Entwicklung wird dabei weder idealisiert noch vereinfacht dargestellt. Vielmehr zeigt die Handlung die Schwierigkeiten, Rückschläge und Widersprüche, die mit seiner neuen Rolle verbunden sind.
Wahlfamilie als wichtiger Halt
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Gemeinschaft von Menschen, die Filip unterstützen. Zu ihnen gehört Kiki, dargestellt von Maria Sobocińska, die selbst früh Mutter geworden ist und ihrer Tochter allein ein Zuhause geschaffen hat. Ihre Hilfsbereitschaft verbindet sich mit einer direkten und pragmatischen Haltung. Auch Olek, gespielt von Kamil Studnicki, wird zu einer wichtigen Bezugsperson. Er verliebt sich in Filip, unterstützt ihn in schwierigen Situationen und muss gleichzeitig lernen, sich von dessen Einfluss zu lösen und eigene Wege zu finden.
Die Wärme und Stabilität dieser Wahlfamilie schützt Filip jedoch nicht vor gesellschaftlichen Hürden. Als er versucht, dauerhaft Verantwortung für seine Nichte zu übernehmen, stößt er auf rechtliche und institutionelle Grenzen. Seine sexuelle Orientierung wird dabei unweigerlich zu einem politischen Thema. Damit erhält „Proud“ eine gesellschaftliche Dimension, die über die persönliche Geschichte hinausgeht. Dies gilt umso mehr, da es sich um die erste größere polnische Serienproduktion der TV-Geschichte mit einem schwulen Hauptcharakter handelt.
Debatte, aber keine Provokation
Produzent Bogumił Lipski verweist auf die gesellschaftliche Situation in Polen. Queere Menschen würden dort nach wie vor regelmäßig zu politischen Feindbildern gemacht, um bestimmte Wählergruppen zu mobilisieren. Sowohl Klementewicz als auch Lipski betonen jedoch, dass „Proud“ nicht als Provokation gedacht sei. Die Verantwortlichen der Serie wünschen sich dennoch einen sachlichen Austausch über die Themen, die „Proud“ anspricht. Gerade dieser Ansatz macht die Produktion für viele Beobachter besonders bemerkenswert. Statt auf plakative Botschaften oder einfache Identifikationsfiguren zu setzen, erlaubt die Serie ihren Figuren Widersprüche und Fehler. Dadurch entsteht eine Erzählung, die politische Themen behandelt, ohne sie ständig in den Vordergrund zu stellen. Die Qualität der Produktion wurde inzwischen auch international gewürdigt. Beim französischen Serienfestival „Series Mania“, dem bedeutendsten Branchentreffen Europas, erhielt „Proud“ bereits den Hauptpreis.