Die Pet Shop Boys sind aus der britischen Musiklandschaft bis heute kaum wegzudenken. Neil Tennant (72) und Chris Lowe (67) haben nicht nur den Synthie-Pop entscheidend geprägt, sondern auch das Bild eines stilbewussten, intellektuellen Pop-Duos etabliert. Während Tennant mit trockenem Humor und gesellschaftskritischen Texten die Songs interpretiert, sorgt Lowe am Keyboard für den charakteristischen Sound. Nun fragte sich das Duo, was ihr Vermächtnis an die Nachwelt sein könnte.
Das Wichtigste im Überblick
- Neil Tennant und Chris Lowe lernten sich 1981 zufällig in einem Elektrogeschäft im Westen Londons kennen.
- Seit 45 Jahren stehen die Pet Shop Boys gemeinsam auf der Bühne und zählen zu den erfolgreichsten britischen Pop-Duos.
- Mit Songs wie „It's a Sin“ und „Go West“ prägten sie auch die schwule Kultur.
- Tennants öffentliches Coming-Out 1994 wurde zu einem wichtigen Moment für die Sichtbarkeit homosexueller Künstler.
- Ihr 16. Studioalbum „A Man from the Future“ widmet sich dem Leben des wegen seiner Homosexualität verfolgten Mathematikers Alan Turing.
- Zuletzt wurden die Musiker mit dem Legend Award ausgezeichnet.
Chartstürmer seit Jahrzehnten
Ihre Diskografie umfasst zahlreiche internationale Hits. Titel wie „West End Girls“, „It's a Sin“, „Left to My Own Devices“, „Se a vida é (That's the Way Life Is)“ und „Love etc.“ haben Generationen begleitet. Insgesamt schafften es 44 ihrer Songs in die britischen Top 40. Hinter den eingängigen Melodien steckt häufig eine gesellschaftliche Botschaft. Ein Beispiel ist „Opportunities (Let's Make Lots of Money)“ aus dem Jahr 1986. Darin singt Tennant: „Ich habe den Verstand, du hast das Aussehen, lass uns jede Menge Geld verdienen.“ Was damals als Seitenhieb auf den ungezügelten Kapitalismus der 1980er-Jahre gedacht war, könnte heute ebenso als ironischer Kommentar zur Influencer-Kultur verstanden werden.
Neil Tennants Coming-Out
Eine besondere Bedeutung haben die Pet Shop Boys für die schwule Kultur. Als Tennant sich 1994 in einer inzwischen legendären Titelgeschichte öffentlich als schwul outete, sprach er auch über den Einfluss der Band auf die Community. „Ich denke schon, dass wir durch unsere Musik, aber auch durch unsere Videos und die allgemeine Art, wie wir Dinge präsentiert haben, ziemlich viel zu dem beigetragen haben, was man als ‚Schwulenkultur‘ bezeichnen könnte … Und der einfache Grund dafür ist, dass ich Songs aus meiner eigenen Perspektive geschrieben habe.“ Mehr als drei Jahrzehnte später gilt ihr Einfluss als bedeutend. Besonders deutlich wird das an „Go West“. Ursprünglich stammte der Titel von den Village People und erzählte von schwulen Männern, die nach San Francisco ziehen. Die Pet Shop Boys machten daraus eine weltweit bekannte schwule Hymne, die längst auch in Fußballstadien als Fangesang zu hören ist.
Auch andere Songs des Duos haben einen festen Platz in der schwulen Kultur. „Can You Forgive Her?“ aus dem Jahr 1993 beschäftigt sich mit dem Verstecken der eigenen Homosexualität und den damit verbundenen gesellschaftlichen Erwartungen. In dem Lied heißt es: „Sie hat dich zu einer Art Gespött gemacht, weil du zu Disco tanzt und einen Rock nicht magst.“ Deutlich ernster ist „Being Boring“ aus dem Jahr 1990. Darin erinnert sich Tennant an einen engen Freund, der an Aids gestorben ist. Der Song gehört zu den emotionalsten Stücken der Band.
Neues Album über Alan Turing
Auch auf ihrem mittlerweile 16. Studioalbum setzen sich die Pet Shop Boys mit schwuler Geschichte auseinander. „A Man from the Future“ erzählt das Leben des britischen schwulen Mathematikers und Codeknackers Alan Turing. Während des Zweiten Weltkriegs leistete Turing einen bedeutenden Beitrag zur Entschlüsselung deutscher Funksprüche. Wegen seiner Homosexualität wurde er später strafrechtlich verfolgt und einer staatlich angeordneten chemischen Kastration unterzogen. Jahrzehnte nach seinem Tod durch eine Zyanid-Vergiftung wurde er schließlich als Nationalheld gewürdigt. Die Entscheidung, eine solche Geschichte musikalisch aufzugreifen, passt zur Band. Die Pet Shop Boys verbinden seit Jahrzehnten Popmusik mit gesellschaftlichen und politischen Themen.
Wie nachhaltig die Musik des Duos gerade junge schwule Menschen geprägt hat, zeigt auch die Erinnerung des Drehbuchautors und Theaterautors Jonathan Harvey. Er arbeitete 2001 mit den Pet Shop Boys am West-End-Musical „Closer to Heaven“ zusammen. „Für mich ging damit ein Traum in Erfüllung. Ich hatte ihre Musik geliebt, während ich als junger schwuler Mann versuchte herauszufinden, welchen Platz ich in der Welt habe“, sagt Harvey. Für ihren Einfluss auf Musik und schwuler Kultur erhielten Tennant und Lowe in diesem Jahr den britischen Legend Award.
Was bleibt von 45 Jahren Pet Shop Boys?
Mit ihrem eigenen Vermächtnis beschäftigen sich die beiden Musiker nach eigener Aussage allerdings nur selten. Als Tennant danach gefragt wird, antwortet er knapp: „Geschichte schaut zurück, Vermächtnis blickt nach vorn.“ Anschließend stellt er selbst die Frage: „Kann man sein eigenes Vermächtnis überhaupt beeinflussen?“ Lowe gibt zu bedenken, dass sich die Bewertung einer Persönlichkeit im Laufe der Zeit verändern könne. Als Beispiel nennt er Winston Churchill: „Er starb als Nationalheld, aber ich bin mir sicher, dass seine Beliebtheitswerte in den vergangenen Jahren deutlich gesunken sind.“
Trotzdem betonte das Duo ihre gemeinsamen Anfänge und die lange Reise, die bereits hinter ihnen liegt. Die Geschichte der Pet Shop Boys begann 1981 mit einer zufälligen Begegnung in einem Elektrogeschäft im Westen Londons. Beide Musiker stammen aus dem Norden Englands. Als sie sich kennenlernten, arbeitete Tennant als Journalist, Lowe studierte Architektur und hatte bereits Erfahrung am Keyboard. Schnell entdeckten sie ihre gemeinsame Begeisterung für Synthie-Pop, Disco und Hip-Hop. Aus dem musikalischen Austausch wurde eine Zusammenarbeit, die bis heute anhält.