Neues Leben für Matt Pacifici LGBTIQ+-Team als neue Heimat, Kritik an fehlenden Coming-Outs
Der ehemalige Major-League-Soccer-Torhüter Matt Pacifici blickt mit außergewöhnlicher Vorfreude auf die bevorstehenden Gay Games im spanischen Valencia. Nach eigenen Angaben begeistert ihn das internationale LGBTIQ+-Sportevent mehr als jede Partie während seiner aktiven Laufbahn im Profifußball. Die Major League Soccer (MLS) ist die höchste professionelle Fußballliga in den USA und Kanada.
Das Wichtigste im Überblick
- Ex-MLS-Spieler Matt Pacifici wird mit dem LGBTIQ+-Verein New York Ramblers an den Gay Games in Valencia teilnehmen.
- Der ehemalige Profitorhüter sagt, er freue sich auf das Turnier mehr als auf frühere Spiele im Profifußball.
- Pacifici outete sich 2019 öffentlich als schwul.
- Seit seinem Coming-Out hat sich kein weiterer aktueller oder ehemaliger MLS-Spieler öffentlich als schwul oder bisexuell geoutet.
- Der 33-Jährige kritisiert die mangelnde Sichtbarkeit queerer Profifußballer.
- Heute lebt Pacifici mit seinem Partner in New York und arbeitet für Google.
Mit den New York Ramblers zu den Gay Games
Pacifici spielte während seiner College-Zeit für die Universitäten Wake Forest und Davidson auf höchstem NCAA-Niveau. Im Jahr 2016 gehörte er zudem zum Kader des MLS-Clubs Columbus Crew. Eine Verletzung zwang ihn jedoch bereits früh in der Saison zum Karriereende. Trotz zahlreicher hochklassiger Spiele in seiner Laufbahn sieht er den kommenden Wettbewerb als etwas Besonderes. „Ich freue mich auf dieses Turnier aufrichtiger und mehr als wahrscheinlich jemals auf ein Spiel als Profi“, sagte Pacifici gegenüber Outsports.
Auch seine College-Zeit habe er genossen. Dennoch unterscheide sich die Atmosphäre heute deutlich von früher. „Auch im College hatte ich Spaß, aber in diesem Team herrscht eine gewisse Unbeschwertheit. Man muss keine Fassade aufrechterhalten.“ Pacifici wird bei den Gay Games für die New York Ramblers antreten, ein LGBTIQ+-Fußballverein aus New York. Gemeinsam mit dem Team will er um die Goldmedaille kämpfen. Zu seinen Mannschaftskameraden gehört unter anderem auch der offen schwule ehemalige Footballspieler der University of Kentucky, Landon Foster.
Tolles Team, fehlende Outings
Erstmals hörte Pacifici von den Ramblers nach seinem Umzug nach New York vor sieben Jahren. Damals konnte er sich jedoch nicht vorstellen, für ein LGBTIQ+-Team zu spielen. „Ich kam gerade aus einem extrem wettbewerbsorientierten Umfeld und war mir nicht sicher, ob das etwas für mich ist“, erinnerte sich Pacifici. Seine Meinung änderte sich später grundlegend. „Zwei Jahre später bin ich schließlich den Ramblers beigetreten – und ich bin unglaublich froh darüber.“ Besonders schätzt er die offene Atmosphäre innerhalb der Mannschaft. „Das Leistungsniveau ist sehr unterschiedlich, aber es gibt nicht diese dominante Männlichkeit oder dieses aufgesetzte Verhalten.“
Als Pacifici sich 2019 öffentlich als schwul outete, war er erst der fünfte aktuelle oder ehemalige MLS-Spieler, der diesen Schritt gegangen war. Begonnen hatte diese Entwicklung mit David Testo im Jahr 2011. Damals entstand der Eindruck, dass weitere Profifußballer folgen könnten. Doch diese Entwicklung blieb aus. In den vergangenen sieben Jahren hat sich kein weiterer aktueller oder ehemaliger MLS-Spieler öffentlich als schwul oder bisexuell geoutet. „Das ist auf jeden Fall entmutigend“, sagte Pacifici. „Für mich ist das verrückt.“ Gleichzeitig kann er die Entscheidung vieler Spitzensportler nachvollziehen, ihre sexuelle Orientierung nicht öffentlich zu machen.
Ewiger Konflikt bei schwulen Profis
Auch er selbst entschied sich erst nach seinem verletzungsbedingten Karriereende für ein Coming-Out. „Jetzt, mit etwas Abstand zu dieser Zeit und nachdem ich die Möglichkeit hatte, alles zu reflektieren, glaube ich, dass meine Entscheidung, mich während meiner aktiven Karriere nicht zu outen, vor allem damit zu tun hatte, dass ich keine Unruhe stiften wollte.“ Er beschreibt einen persönlichen Konflikt, den vermutlich viele homosexuelle Leistungssportler kennen.
„Es gab diesen inneren Konflikt zwischen meinem Wunsch, Profifußballer zu sein, und meinem Leben als schwuler Mann. Ich kann mir vorstellen, dass viele andere genau dieselbe Erfahrung machen.“ Mit Blick auf die weiterhin fehlende Sichtbarkeit offen schwuler oder bisexueller Spieler im internationalen Spitzenfußball fordert Pacifici mehr Unterstützung durch Spielergewerkschaften. Deren Bedeutung werde häufig unterschätzt. „Sie spielen eine entscheidende Rolle“, sagte er über die Interessenvertretungen der Profisportler. Aus seiner Sicht waren Spielergewerkschaften in der Vergangenheit maßgeblich an wichtigen Veränderungen beteiligt. „Letztlich waren die Spielergewerkschaften in allen Sportarten die treibende Kraft hinter so vielen Veränderungen. Tarifverträge, bessere Bezahlung für Spieler – sie haben zahlreiche Entwicklungen angestoßen. Sie sind ein hervorragendes Instrument dafür.“ Allerdings sieht er Nachholbedarf beim Thema LGBTIQ+-Inklusion. „Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Thema dort bislang ausreichend Priorität hatte.“
Ankommen im Privatleben
Abseits des Sports hat Pacifici inzwischen ein neues Kapitel begonnen. Er lebt im New Yorker Stadtteil Chelsea gemeinsam mit seinem Partner Jordan, mit dem er seit vier Jahren liiert ist. Nach Stationen bei Amazon arbeitet der ehemalige Torhüter inzwischen als Leiter für strategische Produktpartnerschaften im Bereich Künstliche Intelligenz und Werbung bei Google. Mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Karriereende blickt er zufrieden auf sein heutiges Leben. „Ich kann mir nicht vorstellen, jemals einen Weg zu finden, diese Stadt zu verlassen.“