Wenn Donatella Versace (71) einen Tag ihres Lebens noch einmal erleben dürfte, müsste sie nicht lange überlegen: Sie würde die Zeit mit ihrem Bruder Gianni (1946-1997) zurückholen. Der Modeschöpfer, der 1997 ermordet wurde, war die kreative Schlüsselfigur hinter dem internationalen Modeunternehmen Versace. Gemeinsam hatten die Geschwister die Marke 1978 gegründet. Schon seit ihrer Kindheit verband sie eine besonders enge Beziehung.
Das Wichtigste im Überblick
- Donatella Versace vermisst ihren Bruder Gianni, der 1997 ermordet wurde, bis heute. Wenn sie einen Tag zurückholen könnte, wäre es ein gemeinsamer Tag mit ihm.
- Die Geschwister gründeten 1978 gemeinsam das Modeunternehmen Versace.
- Die Designerin engagiert sich seit vielen Jahren für die LGBTIQ+-Community und unterstützt unter anderem Stiftungen und LGBTIQ+-Zentren.
- Sie kritisiert zunehmende Vorurteile und Rückschritte bei der gesellschaftlichen Akzeptanz queerer und homosexueller Menschen.
- 2025 übergab sie die kreative Leitung von Versace und wurde Markenbotschafterin. Inzwischen ist sie Kreativdirektorin bei Revolve.
Selbstausdruck und Liebe
Der Tod ihres Bruders stellte für Donatella Versace eine der schwersten Herausforderungen ihres Lebens dar. Wie sie diese Zeit überstanden hat, beschreibt sie rückblickend mit einer Mischung aus Durchhaltewillen und Humor: „Wie habe ich das überwunden? Indem ich einen Fuß vor den anderen gesetzt habe – Tag für Tag – allerdings in fabelhaften und sehr hohen Absätzen.“ Versace sei für sie weit mehr als ein Modeunternehmen. „Für mich steht Versace für Familie, Stärke, kompromisslosen Selbstausdruck und Liebe.“ Bei der Gründung des Hauses übernahm Donatella zunächst die Position der Vizepräsidentin. Die Marke entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem prägenden Namen der internationalen Modewelt und beeinflusste zugleich die Popkultur. Dabei habe Versace bewusst mit bestehenden Konventionen gebrochen.
„Wir haben die Codes der Straße übernommen und daraus die Codes der Haute Couture gemacht“, beschreibt sie die gestalterische Philosophie des Unternehmens. In einer Zeit, in der vor allem zurückhaltende Eleganz gefragt gewesen sei, habe Versace für Auflehnung, Wagemut, Kühnheit und Sinnlichkeit gestanden. „Wir haben alle Regeln gebrochen, neue erfunden und als wir unsere Gemeinschaft gefunden hatten, gab es kein Halten mehr.“ Bis 2025 verantwortete Donatella Versace die kreative Ausrichtung des Modehauses. Anschließend übergab sie die Leitung und wechselte in die Funktion der Chef-Markenbotschafterin. Im September wurde zudem bekannt, dass sie als Kreativdirektorin beim Modehändler Revolve tätig wird. Dort soll sie den Aufbau eines neuen Geschäftsbereichs für Mode und Beauty vorantreiben. Ihr gesellschaftliches Engagement möchte sie daneben fortsetzen.
Verbundenheit mit Community
Erst Anfang Oktober wurde die 71-Jährige mit dem britischen Icon Award für ihre Bedeutung und ihr Engagement gewürdigt. Die Anerkennung durch die LGBTIQ+-Community bedeute ihr dabei besonders viel. Sie sagte: „Von der queeren Community als Ikone angesehen zu werden, ist eine ganz besondere Ehre.“ Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, dass der Begriff Ikone auch eine gewisse Distanz schaffen könne. „Irgendwie kann das Wort ´Ikone´ auch etwas eindimensional wirken – vielleicht ist das in unserer Welt der sozialen Medien manchmal so. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir alle Menschen sind.“ Grundsätzlich stehe sie Auszeichnungen eher zurückhaltend gegenüber. Angesichts der weiterhin notwendigen Anstrengungen für Gleichberechtigung und Chancengleichheit gebe es noch viel zu tun. Dennoch freue sie sich über die Ehrung. „Wenn man schon eine Ikone sein soll, dann ist eine queere Ikone definitiv die richtige Wahl!“
Einsatz für Menschenrechte
Ihr Engagement für soziale Projekte wurde nach eigenen Angaben stark durch Menschen aus ihrem Freundeskreis geprägt. Schon früh unterstützte sie Elizabeth Taylor bei deren Einsatz gegen HIV und AIDS. Auch die Arbeit der Stiftung ihres engen Freundes Elton John liege ihr weiterhin am Herzen. Darüber hinaus nennt sie George und Amal Clooney als wichtige Vorbilder. Deren Stiftung setze sich weltweit für Gerechtigkeit und den Schutz von Minderheiten ein. Auch das Engagement von König Charles III. für bessere Zukunftschancen junger Menschen beeindrucke sie. „Wenn man von Freunden umgeben ist, die so viel bewirken, möchte man selbst etwas zur Veränderung beitragen. Und vor allem möchte man Hoffnung unterstützen“, sagt Versace. Besonders eindrücklich seien für sie Besuche in den LGBTIQ+-Zentren von New York und Los Angeles gewesen. Dort habe sie Menschen kennengelernt, die auf die Unterstützung der Einrichtungen angewiesen sind.
Das Zentrum in Los Angeles habe sie vor allem durch den starken Zusammenhalt beeindruckt. Die Menschen dort hätten sie herzlich aufgenommen und ihr das Gefühl einer selbst gewählten Familie vermittelt. Das Angebot richte sich an unterschiedliche Generationen: an Kinder und Jugendliche ohne andere Unterkunftsmöglichkeiten ebenso wie an ältere Menschen, die dort Gemeinschaft und Unterstützung finden. Die Unterstützung solcher Einrichtungen und ihrer Arbeit vor Ort sei für sie eine dauerhafte Motivation. Gerade angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen seien diese Angebote wichtiger denn je.
Sorge über Ausgrenzung
Mit Blick auf die Situation queerer und homosexueller Menschen weltweit sieht Versace auch problematische Entwicklungen. In verschiedenen Ländern, darunter auch Italien, gebe es verstärkt Widerstand gegen die Gleichberechtigung von LGBTIQ+-Menschen. Hoffnung schöpfe sie vor allem aus der Lebensfreude und Kreativität der Community. „Hoffnung geben mir die Lebensfreude, die positive Energie und die Kreativität der LGBTIQ+-Community.“ Gleichzeitig beobachte sie eine Entwicklung, die sie beunruhige. „Es fühlt sich an, als würden wir bei der Akzeptanz anderer Menschen Rückschritte machen. Gerade in einer Zeit, in der wir offener und toleranter sein und Kraft aus unserer gegenseitigen Unterstützung schöpfen sollten, werden manche Stimmen immer lauter, die von mehr Vorurteilen, Abschottung und Intoleranz geprägt sind als je zuvor. Und trotzdem bringt die queere Community weiterhin Licht, Farbe, Optimismus und Lachen in unsere Welt.“ Als Verbündete wolle sie ihren Beitrag leisten, indem sie Menschen unterstützt, die besonders von Ausgrenzung betroffen sind.
Mode und Selbstbewusstsein
Auch über den Einfluss schwuler Männer auf die Modebranche sprach Versace ausdrücklich. Ihrer Ansicht nach wird die Industrie maßgeblich von schwulen Männern und starken Frauen geprägt. „Ohne uns würde es diese Industrie nicht geben.“ Mode sei für sie weit mehr als die Auswahl von Kleidung. Sie stehe für Kreativität, Farben, Lebensfreude und die Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit selbstbewusst nach außen zu tragen. Kleidung könne zugleich wie eine schützende Rüstung wirken, die Menschen dabei helfe, mit größerem Selbstvertrauen aufzutreten. Diese Werte könnten insbesondere für queere Menschen eine besondere Bedeutung haben, aber auch für alle anderen, die sich mehr Selbstsicherheit wünschten. Schwule Männer verfügten zudem häufig über einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik und Geschmack. Die Modebranche sei deshalb für viele ein naheliegendes berufliches und kreatives Umfeld.
Vom Bruder gelernt
Auf die Frage nach der wichtigsten Lektion, die ihr ein schwuler Mann vermittelt habe, antwortet Versace ohne Zögern: Ihr Bruder Gianni habe ihr beigebracht, zu sich selbst zu stehen. Eine bessere Lebensweisheit könne es kaum geben. Mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu, dass er ihr auch geraten habe, blond zu sein. Von ihren schwulen Freunden habe sie vor allem bedingungslose Zuneigung gelernt. „Bedingungslos zu lieben und bedingungslos geliebt zu werden!“ Sie seien ehrlich und aufrichtig und sorgten dafür, dass gemeinsame Erlebnisse unvergesslich würden. Vor allem vermittelten sie ihr das Gefühl, angenommen und unterstützt zu werden, ohne dafür beurteilt zu werden.
Giannis eigener Weg
Bereits früher hatte Donatella Versace erzählt, dass ihr Bruder sich ihr gegenüber geoutet hatte, als sie elf Jahre alt war. Auf die Frage, ob Gianni Schwierigkeiten gehabt habe, seine sexuelle Orientierung anzunehmen, beschreibt sie ihn als jemanden, der sich selbst immer treu geblieben sei. „Gianni war immer Gianni – schwul zu sein, gehörte zu seiner Persönlichkeit.“ Im Süden Italiens, wo die Geschwister aufwuchsen, sei ein offener Umgang mit Homosexualität damals nicht selbstverständlich gewesen. Innerhalb der Familie habe Gianni jedoch Rückhalt gefunden.
„Meine Familie war aufgeschlossen und liberal. Deshalb hatte er ein sicheres Umfeld, in dem er aufwachsen konnte.“ Ihre Mutter arbeitete in der Modebranche und führte eigene Boutiquen. Dadurch sei sie bereits früh mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Identität in Kontakt gekommen. Gianni habe seinen persönlichen Ausdruck vor allem über seine Kreativität gefunden. Sowohl in seinen Kollektionen als auch im privaten Leben habe er sich nicht verstellt und sei konsequent seinen eigenen Weg gegangen.
Kindheit voller Kreativität
Ihre gemeinsame Kindheit beschreibt Donatella als ausgesprochen glücklich. Als jüngstes Kind der Familie sei sie besonders umsorgt und geliebt worden. Sie erinnert sich daran, wie ihre Mutter sie für den Karneval verkleidete und Gianni später eigene Kleidungsstücke für sie entwarf. Die gemeinsame Zeit sei von Fantasie, Humor und Kreativität geprägt gewesen. „Unsere gemeinsame Kindheit war geprägt von Spaß, Lachen und Kreativität. Ich habe großes Glück, so aufgewachsen zu sein.“ Am Ende des Gesprächs wird sie gefragt, welchen Tag ihres Lebens sie gerne wiederholen würde. Ihre Antwort fällt kurz und eindeutig aus: „Jeder beliebige Tag mit Gianni. Ganz egal welcher.“