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Unterwegs in der schwulen Szene

S’AG in München Im Einsatz gegen Geschlechtskrankheiten

ms - 17.10.2025 - 15:00 Uhr
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In München ist Woche für Woche die Safety-Aktionsgruppe S’AG in der Szene unterwegs, um spielerisch über Geschlechtskrankheiten aufzuklären. SCHWULISSIMO wollte mehr wissen und fragte nach bei Hosea Handoyo und Julian Weißhaar. 

Im Gegensatz zu früher ist HIV heute für viele nur noch eine „chronische Krankheit“. Wie blickt ihr auf diese Entwicklung?

Die medizinischen Fortschritte der letzten Jahre sind zweifellos ein Segen. Menschen mit HIV können heute dank moderner Therapien ein langes und gesundes Leben führen. Das hat die queere Community enorm entlastet und viele Ängste, die über Jahrzehnte präsent waren, spürbar reduziert. Gleichzeitig beobachten wir, dass HIV für viele – insbesondere jüngere – Menschen kaum noch als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wird. Es wirkt fast harmlos, was verständlich ist, aber auch Risiken birgt. HIV bleibt eine chronische Infektion, verbunden mit täglicher Medikamenteneinnahme, regelmäßigen Arztbesuchen und leider auch weiterhin mit gesellschaftlichem Stigma. Was dabei oft vergessen wird: Neben HIV gibt es zahlreiche andere sexuell übertragbare Infektionen, die weiterhin sehr präsent sind. Die Entspannung rund um HIV darf nicht zu einer generellen Sorglosigkeit führen. Es geht darum, eine neue Balance zu finden –zwischen Aufklärung und Entstigmatisierung, zwischen medizinischem Fortschritt und realistischer Risikowahrnehmung. 

Wie gut kennen sich die Szenegänger in puncto STI wirklich aus? 

Beim Thema HIV sind viele mittlerweile gut informiert. Anders sieht es bei anderen sexuell übertragbaren Infektionen aus. Da stoßen wir oft auf große Wissenslücken. Viele wissen nicht, wie leicht sich Syphilis, Tripper oder Chlamydien übertragen lassen, welche Symptome auftreten können – oder dass viele Infektionen sogar völlig symptomfrei verlaufen. Auch der Zusammenhang zwischen STIs und einem erhöhten HIV-Risiko ist vielen nicht bewusst. Ein weiteres Problem ist die Verwirrung rund um Präventionsmethoden. Manche glauben etwa, dass PrEP auch vor anderen STIs schützt – was nicht stimmt. Und neue Ansätze wie DoxyPEP sind noch kaum bekannt. Kurz gesagt: Bei HIV sind wir auf einem guten Weg, aber bei anderen STIs müssen wir dringend nachlegen mit niedrigschwelliger, klarer und zielgruppengerechter Aufklärung.

Ihr wollt dabei nicht als „Oberlehrer“ rüberkommen. Wie gelingt das? 

Uns ist wichtig, dass Aufklärung Spaß macht und auf Augenhöhe passiert. Wir setzen deshalb auf niedrigschwellige Angebote – zum Beispiel verteilen wir auf Partys und in Bars Sticker, Kondome und kleine Goodies. Beim CSD sind wir mit einem Glücksrad oder einem Quiz dabei, das Wissen vermittelt, ohne zu belehren. Humor, Selbstironie und Sexpositivität spielen dabei eine große Rolle. Wir wollen Lust und Gesundheit nicht mit erhobenem Zeigefinger zusammenbringen, sondern mit klaren Botschaften, die neugierig machen und zum Nachfragen einladen. Peer-to-Peer-Kommunikation ist dabei besonders effektiv: Wenn Leute aus der Szene mit anderen aus der Szene sprechen, entsteht Vertrauen – und das ist die beste Grundlage für echte Aufklärung.

Ich habe auf schwulen Events mehrfach erlebt, dass junge Schwule andere Männer im mittleren Alter auslachten, wenn diese noch ein Kondom benutzen wollten. Kennt ihr das auch? 

Ja, solche Situationen erleben wir tatsächlich immer wieder. PrEP und neuerdings auch DoxyPEP haben das Schutzverhalten in der Szene stark verändert – besonders in Großstädten. Viele junge Menschen sind mit diesen Optionen aufgewachsen und sehen Kondome oft als „old school“. Auf Partys merken wir das ganz konkret: Wenn wir unsere Cruising-Päckchen verteilen, greifen viele nur zum Gleitgel und lassen das Kondom liegen. Dabei ist das Kondom keineswegs „von gestern“. Es bleibt eine effektive Schutzmethode – nicht nur gegen HIV, sondern auch gegen viele andere STIs wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien. Gerade für Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern oder für diejenigen, die sich nicht regelmäßig testen lassen oder DoxyPEP nicht nutzen können oder wollen, ist das Kondom nach wie vor eine sinnvolle Option. Es geht nicht um ein „entweder oder“, sondern um individuelle Schutzstrategien, die zur jeweiligen Lebenssituation passen. 

Erlebt ihr denn auch Ablehnung oder verbale Beleidigungen? 

Ja. Manche Menschen wollen beim Feiern einfach Spaß haben und empfinden Gespräche über STIs als störend oder unangenehm – manchmal kommt sogar ein Spruch wie „Nervt mich nicht mit Krankheiten“. Das ist verständlich, denn Sexualität ist für viele ein Raum der Freiheit, und da passt das Thema Gesundheit für manche nicht so recht rein. Aber wir merken auch: Je offener und sexpositiver wir selbst mit dem Thema umgehen, desto leichter fällt es anderen, sich darauf einzulassen. Wir drängen uns nicht auf, sondern bleiben sichtbar und ansprechbar. Oft kommen dieselben Personen später doch zu uns – mit echten Fragen, wenn Vertrauen entstanden ist. Insgesamt überwiegen die positiven Rückmeldungen deutlich. Die Szene ist neugierig, offen und bereit, sich mit Gesundheit auseinanderzusetzen, wenn der Rahmen stimmt.

Was sind die häufigsten Fragen an euch? 

Besonders häufig geht es um Basics: „Was ist der Unterschied zwischen PrEP und PEP?“ oder „Wie sicher ist PrEP eigentlich?“. Viele wollen wissen, wie oft sie sich auf STIs testen lassen sollten und welche Tests überhaupt sinnvoll sind. Ebenso gefragt sind praktische Infos wie: „Welche queerfreundlichen Arztpraxen gibt es in München?“ Viele junge queere Menschen fragen auch: „Was passiert, wenn ich mit einem HIV-positiven Mann Sex habe?“ oder „Wie spreche ich mit einem Date über meinen positiven Status?“ Das zeigt: Neben Aufklärung braucht es auch Unterstützung im Umgang mit Stigma und in der Kommunikation rund um Sexualität und Gesundheit. Es geht nicht nur um Schutz, sondern auch um Selbstbewusstsein, Offenheit und gegenseitigen Respekt.

Vielen Dank euch. 

Mehr unter paths.to/sag_muenchen

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