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Alltagswelt Mobbing

Alltagswelt Mobbing Mobbing, Diskriminierung und Angriffe an Schulen

ms - 15.05.2026 - 15:00 Uhr
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Gleich zwei Mal in diesen Tagen stehen queere Jugendliche im Mittelpunkt: Beim Tag der Stille wurde an Mobbing und Diskriminierung an Schulen gedacht, beim IDAHOBIT am 17. Mai (Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit) stellen wir erneut Homophobie in den Fokus und fordern Gleichberechtigung. Doch wie geht es wirklich jungen queeren Menschen 2026 in Deutschland? Wie sieht die Lage inzwischen an Schulen aus? 

Fakt ist, zwei von drei queeren Schülern und Schülerinnen in Deutschland (70%) erleben inzwischen Angriffe (FRA-Studie) – die Quote liegt sogar über dem europäischen Durchschnitt. Binnen von gerade einmal fünf Jahren haben die Attacken auf LGBTIQ+-Schüler um fast 60 Prozent zugenommen. Jeder zweite von ihnen (52%) versteckt seine Identität folgerichtig inzwischen in der Schule. Gerade einmal 28 Prozent der queeren Schülerinnen und Schüler erleben an ihrer Bildungseinrichtung Unterstützung. SCHWULISSIMO wollte mehr wissen und fragte nach bei Marek Fink, Gründer des Vereins „Zeichen gegen Mobbing“, Deutschlands größter Organisation gegen Mobbing an Schulen. 

Wie sieht die Lage aktuell an deutschen Schulen aus?

Wir sehen sehr deutlich, dass Schule für viele queere Jugendliche nach wie vor ein zentraler Ort von Diskriminierung ist. Das deckt sich auch mit aktuellen Studien – etwa der NRW Lebenslagenstudie ‚Queer durch NRW‘ (2025), in der Schule als der Lebensbereich mit den häufigsten negativen Erfahrungen beschrieben wird. Gleichzeitig erleben wir aber auch Ambivalenz: Es gibt mehr Sichtbarkeit, mehr Aufklärung und auch mehr unterstützende Mitschüler:innen und Lehrkräfte als noch vor einigen Jahren. Viele Jugendliche berichten uns, dass sie zumindest einzelne sichere Personen oder Räume haben. Was sich verändert hat, ist weniger die grundsätzliche Problematik als vielmehr die Gleichzeitigkeit von Fortschritt und Gegenbewegung. Während Akzeptanz in Teilen steigt, beobachten wir parallel eine deutlich offenere Ablehnung – insbesondere gegenüber trans* und nicht-binären Jugendlichen. Diese Spannung prägt aktuell den Schulalltag sehr stark.

Die „Schwule Sau“ ist noch immer ein extrem beliebtes Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen. Warum?

In unserer Arbeit sehen wir, dass solche Begriffe oft gar nicht bewusst als Angriff auf queere Identität verstanden werden, sondern als scheinbar ‚normale‘ Beleidigung. Genau darin liegt aber das Problem. Begriffe wie ‚schwul‘ oder ‚Schwuchtel‘ werden in vielen Klassen als Synonym für ‚schwach‘, ‚uncool‘ oder ‚nicht männlich genug‘ benutzt. Dahinter stehen sehr stabile Vorstellungen davon, wie Jungen oder auch insgesamt Jugendliche ‚sein sollten‘. Diese Sprache erfüllt eine soziale Funktion: Jugendliche grenzen sich voneinander ab und sichern ihre Position in der Gruppe. Wenn Schule hier nicht klar interveniert, verfestigt sich das über Jahre – und schafft ein Klima, in dem queere Jugendliche automatisch abgewertet werden, auch wenn sie gar nicht direkt gemeint sind.

Einerseits leben wir in einer Zeit, in der es, wenngleich auch nicht flächendeckend, im Durchschnitt mehr Bildung im Bereich LGBTIQ+ an Schulen gibt als je zuvor, auch die Sichtbarkeit hat deutlich zugenommen, trotzdem scheint der Hass und gewaltbereites Verhalten, wie du eingangs schon kurz angerissen hast, gegenüber queeren Schülern höher denn je. Warum?

Wir erleben tatsächlich genau diese Gleichzeitigkeit. Mehr Sichtbarkeit hilft vielen Jugendlichen. Sie finden Worte für sich selbst, sehen Vorbilder und erleben Unterstützung. Gleichzeitig macht Sichtbarkeit auch angreifbarer. Jugendliche, die offen queer leben, berichten uns häufiger von gezielten Anfeindungen. Studien zeigen ebenfalls, dass große Mehrheiten queerer Jugendlicher Diskriminierungserfahrungen machen. Hinzu kommt, dass gesellschaftliche Debatten – etwa rund um geschlechtliche Vielfalt – direkt in die Schulen getragen werden, auch über Social-Media. Das führt zu einer stärkeren Polarisierung: Ein Teil wird offener und unterstützender, ein anderer Teil reagiert mit Ablehnung oder sogar Aggression.

Was erlebt Ihr von Zeichen gegen Mobbing ganz direkt, wenn Ihr an Schulen geht beziehungsweise mit Schülern in Kontakt steht? 

Wenn wir an Schulen arbeiten, erleben wir oft zwei sehr unterschiedliche Ebenen gleichzeitig. In unseren Workshops entstehen häufig Räume, in denen Jugendliche zum ersten Mal offen über Erfahrungen sprechen – auch queere Jugendliche, die sonst im Alltag eher still sind. Das zeigt, wie groß der Bedarf an sicheren Räumen ist. Gleichzeitig hören wir dort sehr regelmäßig von abwertenden Kommentaren, Ausgrenzung, absichtlichem Misgendern oder auch körperlichen Übergriffen im Schulalltag. Und wir sehen eine klare Lücke zwischen dem, was Schulen sich in Leitbildern vornehmen, und dem, was im Klassenzimmer tatsächlich passiert.

Mit welchen Ängsten oder auch Hoffnungen wenden sich Schüler an euch beziehungsweise kommen ins Gespräch?

Viele queere Jugendliche kommen mit sehr konkreten Ängsten auf uns zu: Angst vor Mobbing, vor sozialer Isolation, vor einem unfreiwilligen Outing oder davor, dass Lehrkräfte nicht eingreifen. Ein großes Thema ist auch Unsicherheit: ‚Werde ich ernst genommen?‘ oder ‚Darf ich hier so sein, wie ich bin?‘ Gleichzeitig sind die Hoffnungen oft erstaunlich klar und bescheiden: Eine einzige verlässliche Vertrauensperson, klare Regeln gegen Diskriminierung, sichtbare Zeichen von Unterstützung im Schulalltag – das kann für Jugendliche bereits einen enormen Unterschied machen.

Im April gab es erneut den Gedenktag gegen Mobbing in der Schule, den Tag der Stille, aber bräuchte es nicht eigentlich viel mehr Lärm, viel mehr laute Empörung über die Missstände an unseren Schulen in puncto Queerfeindlichkeit? Was würdest Du von der Gesellschaft aber auch von der Politik hier eigentlich erwarten?

Aktionstage wie der ‚Tag der Stille‘ sind wichtig, weil sie Sichtbarkeit schaffen und Gespräche anstoßen. Aber aus unserer Sicht reichen sie bei weitem nicht aus. Was wir brauchen, sind verbindliche Strukturen: klare Schutzkonzepte, verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte und eine feste Verankerung von Vielfaltsthemen im Unterricht. Und ja, es braucht auch mehr gesellschaftliche Klarheit. Queerfeindlichkeit darf nicht als Randthema behandelt werden, sondern muss als das benannt werden, was sie ist: eine Form von Diskriminierung, die reale Folgen für junge Menschen hat.

Wenn Schüler queerfeindlich attackiert werden, wie sollten sie am besten reagieren? Und können Eltern hier helfen – und wenn ja, wie? 

Für betroffene Jugendliche ist das Wichtigste: Du musst damit nicht allein bleiben. Es ist entscheidend, sich Unterstützung zu holen – bei Vertrauenslehrkräften, Schulsozialarbeit oder externen Beratungsstellen. Gleichzeitig raten wir davon ab, sich in unsicheren Situationen selbst zu konfrontieren. Eltern können eine zentrale Rolle spielen, indem sie ihr Kind ernst nehmen, klar Position beziehen und aktiv das Gespräch mit der Schule suchen. Wenn Schule nicht ausreichend reagiert, ist es wichtig, auch externe Unterstützung einzubeziehen. Wir bieten dazu kostenfreie Beratungen an.

Wie sieht die Lage mit Blick auf die Lehrkräfte aus? Sind diese inzwischen eher Unterstützer oder werden sie oftmals selbst noch zum Problem, indem sie wegsehen oder das Thema einfach ignorieren?

Wir erleben beides. Es gibt Lehrkräfte, die für Jugendliche zu echten Schutzpersonen werden. Oft sind das genau die Menschen, die den größten Unterschied machen. Gleichzeitig berichten viele Jugendliche, dass abwertende Kommentare im Unterricht nicht aufgegriffen werden oder das Thema ganz vermieden wird. Aus unserer Sicht liegt das selten an mangelndem Willen, sondern oft an Unsicherheit, fehlender Ausbildung oder Angst vor Konflikten. Genau deshalb sind Fortbildungen und klare schulische Strukturen so entscheidend.

Wo ist die Lage in puncto LGBTIQ+-Feindlichkeit an Schulen inzwischen eurer Erfahrung nach ausgeprägter: Im ländlichen Raum oder doch eher in Ballungszentren wie Berlin mit vielen unterschiedlichen Kulturen in einer Klasse? 

Unsere Erfahrung zeigt eine klare Tendenz: Im ländlichen Raum erleben viele queere Jugendliche stärkere Isolation und haben weniger Möglichkeiten, Gleichgesinnte oder Unterstützung zu finden. In Städten gibt es oft mehr Sichtbarkeit und Angebote, was Schutz geben kann. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass es dort weniger Queerfeindlichkeit gibt. Sie zeigt sich nur teilweise anders und kann auch sehr direkt und offen sein. Am Ende ist weniger der Ort entscheidend als die konkrete Schulkultur: Wie klar werden Grenzen gesetzt, und wie sichtbar ist Unterstützung?

Was würdest Du queeren Jugendlichen gerne mitgeben mit Blick auf Anfeindungen in der Schule?

Das Wichtigste, was ich Jugendlichen mitgeben möchte, ist: Du bist nicht das Problem. Was du erlebst, hat mit Strukturen und Einstellungen zu tun, nicht mit deinem Wert oder deiner Identität. Such dir Menschen, die dich unterstützen – auch wenn es am Anfang nur eine Person ist. Und geh deinen Weg in deinem Tempo. Du musst dich nicht anpassen, um sicher zu sein. Aber du darfst entscheiden, wann und wo du dich öffnest. Und vor allem: Du bist nicht allein. Es gibt viele Menschen und Strukturen, die dich unterstützen wollen – auch wenn sie im Alltag manchmal noch zu wenig sichtbar sind.

Marek, vielen Dank dir für das Gespräch.

Hilfe und Beratung gibt es unter: zeichen-gegen-mobbing.de

Checkliste: Was tun bei Mobbing

 

  • Mit Vertrauenspersonen sprechen
    Eltern, Geschwister, Freunde oder andere nahestehende Personen über das Mobbing informieren.
  • Lehrkräfte oder Schulsozialarbeiter einbeziehen
    Vertrauenslehrer, Schulsozialarbeiter oder Beratungslehrer können helfen, Konflikte zu lösen und Schutzmaßnahmen einzuleiten.
  • Dokumentation des Mobbings
    Angriffe, Beleidigungen oder Vorfälle schriftlich festhalten, inklusive Datum, Uhrzeit und beteiligten Personen. Dies ist hilfreich für Gespräche mit Schule oder Behörden. Falls unbemerkt möglich, die Vorfälle mit dem Smartphone filmen.
  • Anti-Mobbing-Programme nutzen
    An schulischen Programmen oder anderen Workshops teilnehmen, um Unterstützung zu bekommen und Verbündete zu finden.
  • Externe Beratungsstellen kontaktieren
    Organisationen wie Zeichen-gegen-Mobbing, Lambda oder der Coming-Out-Day-Verein helfen schnell und direkt.
  • Selbsthilfe- und Peer-Gruppen suchen
    Der Austausch mit anderen LGBTIQ+ Jugendlichen kann stärken und zeigen, dass man nicht alleine ist.
  • Online-Unterstützung nutzen
    Online-Foren, Chatgruppen oder soziale Netzwerke von vertrauenswürdigen LGBTIQ+ Organisationen können Rat und Trost bieten.
  • Rechte kennen
    Sich über die schulischen und gesetzlichen Rechte informieren, zum Beispiel Antidiskriminierungsgesetze oder schulische Schutzrichtlinien im jeweiligen Bundesland. 
  • Grenzen setzen
    Angemessene, sichere Strategien entwickeln, um klar zu machen, dass Beleidigungen und Gewalt nicht akzeptabel sind.
  • Konflikte nicht alleine austragen
    Versuche, nicht auf Provokationen alleine zu reagieren; Lehrer oder Schulsozialarbeiter einbeziehen.
  • Psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen
    Bei seelischen Belastungen professionelle Hilfe von Psychologinnen oder Therapeutinnen suchen.
  • Sicherheitspläne entwickeln
    Überlege dir, welche Orte, Pausenräume oder Wege in der Schule sicherer sind, und mit Freunden zusammenhalten.
  • Auf Alliierte achten
    Freunde, Lehrer oder ältere Schüler einbinden, die unterstützen und im Ernstfall eingreifen können. Andere gemobbte Schüler ansprechen und Gruppen bilden. 
  • Schriftliche Beschwerden einreichen
    Offizielle Beschwerden bei der Schulleitung oder bei Jugendämtern einreichen, wenn das Mobbing schwerwiegend ist.
  • Selbstfürsorge betreiben
    Aktivitäten, Hobbys und soziale Kontakte pflegen, die dich stärken, um die psychische Belastung zu reduzieren.
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