Fußball-Weltmeisterschaft 2026 Gemischte Gefühle bei queeren Fans des Mega-Events
Heute startet die Fußballweltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Viele queere Fans sehen mit gemischten Gefühlen auf das Mega-Event, Human Rights Watch befürchtet gar eine „potenzielle Menschenrechtskatastrophe“. SCHWULISSIMO fragte nach bei Daniel Hofmann und Sven Kistner von den Queer Football Fanclubs (QFF), ein Netzwerk europäischer schwul-lesbischer Fußball-Fanclubs.
Wie steht Ihr zur Ausrichtung dieses Turniers angesichts der zunehmenden Diskriminierung und Gewalt gegen queere Menschen in den USA und Mexiko?
Wir sehen die Vergabe der WM 2026 sehr kritisch. Fußball kann Menschen verbinden, aber ein Turnier dieser Größenordnung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass queere Menschen in Teilen der USA und Mexikos weiterhin Diskriminierung, Hetze und teils massiver Gewalt ausgesetzt sind. In den USA werden weiterhin in großem Umfang Anti-LGBTIQ+-Gesetze eingebracht, besonders gegen trans Menschen, und Menschenrechtsorganisationen dokumentieren eine Verschärfung der Lage. In Mexiko bestehen zwar rechtliche Fortschritte, zugleich ist die Gewalt gegen LGBTIQ+ Menschen weiterhin ein ernstes Problem. Eine Weltmeisterschaft in solchen Ländern verpflichtet die FIFA und Gastgeber daher zu mehr als Symbolpolitik: Sie müssen konkrete Schutzstrukturen schaffen.
Einige Organisationen haben zum Boykott der WM 2026 aufgerufen, insbesondere aufgrund der aktuellen Situation von LGBTIQ+.
Ein Boykott ist für viele eine nachvollziehbare Reaktion auf wiederholtes Wegsehen im Weltfußball. Wir halten es jedoch für entscheidend, dass die Debatte nicht bei einem Ja-oder-Nein zum Boykott stehen bleibt. Die eigentliche Frage ist: Welche verbindlichen Konsequenzen zieht die FIFA aus Menschenrechtsrisiken? Wenn weder Gastgeber noch FIFA glaubwürdig garantieren, dass queere Fans, Spieler*innen, Medienschaffende und lokale Communitys sicher sind, dann wird ein Boykottaufruf politisch und moralisch immer nachvollziehbarer. Entscheidend ist für uns: keine leeren Regenbogenbilder, sondern überprüfbare Schutzmaßnahmen, klare Sanktionen und echte Zusammenarbeit mit queeren Organisationen vor Ort. Die FIFA hat sich selbst zu international anerkannten Menschenrechten verpflichtet. Wir wissen, dass die englischen queeren Fans für sich einen Boykott beschlossen haben, während unsere französischen Allys nicht boykottieren wollen.
Wie bewertet Ihr die politischen und sozialen Bedingungen für homosexuelle und queere Menschen vor Ort? Was muss sich dringend ändern?
Die Lage ist widersprüchlich: Es gibt in beiden Ländern rechtliche Fortschritte und engagierte Zivilgesellschaften, gleichzeitig aber auch politische Rückschritte, Hasskampagnen und reale Gefährdung. In den USA erleben wir seit Jahren organisierte politische Angriffe auf die Rechte und Sichtbarkeit queerer Menschen, insbesondere trans Personen. In Mexiko ist die formale Anerkennung teilweise weiter als die tatsächliche Sicherheit im Alltag. Dringend nötig sind daher belastbare Antidiskriminierungsstandards, konsequente Strafverfolgung queerfeindlicher Gewalt, sichere Melde- und Schutzstellen in allen WM-Städten sowie eine klare öffentliche Haltung der Gastgeberregierungen, dass queere Menschen gleichberechtigt und geschützt sind.
Welche Verantwortung trägt die FIFA in dieser Situation? Sollte sie sich stärker für die Sicherheit von queeren Fans und Spielern einsetzen?
Ja, unbedingt. Die FIFA darf sich nicht auf den Standpunkt zurückziehen, sie sei nur Sportveranstalterin. Wer ein globales Megaevent vergibt, trägt Mitverantwortung dafür, unter welchen Bedingungen dieses Event stattfindet. Die FIFA hat sich in ihren Statuten und in ihrer Menschenrechtsstrategie ausdrücklich zu Nichtdiskriminierung und Menschenrechtsschutz bekannt. Daraus folgt die Pflicht, Risiken frühzeitig zu benennen, Gegenmaßnahmen durchzusetzen und im Zweifel auch Druck auf Gastgeber auszuüben. Sicherheit für queere Fans und Spieler*innen darf kein optionales Zusatzprogramm, sondern muss Teil des Turnierkerns sein.
Was erhofft Ihr euch von der FIFA und den Gastgeberländern konkret?
Wir erwarten einen verbindlichen Schutzplan statt wohlklingender Erklärungen. Dazu gehören klar ausgewiesene Anlaufstellen für Betroffene, unabhängige Beschwerdemechanismen, geschulte Sicherheitskräfte, ein konsequentes Vorgehen gegen Hassrede und Übergriffe in und um Stadien, Schutz für lokale Aktivist*innen sowie öffentlich kommunizierte Garantien für Sichtbarkeit und Meinungsfreiheit. Außerdem müssen queere Organisationen aus den Gastgeberländern nicht nur symbolisch angehört, sondern real in Planung, Monitoring und Krisenreaktion eingebunden werden. Nur dann entsteht Vertrauen.
Hat eine WM in Ländern mit einer problematischen Menschenrechtslage eine moralische Verantwortung gegenüber der LGBTIQ+-Community?
Ja, eindeutig. Eine WM ist kein neutraler Raum außerhalb der Gesellschaft. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, wirtschaftliche Effekte und politische Legitimation. Wer ein solches Turnier in Ländern mit Menschenrechtsproblemen ausrichtet, profitiert von globaler Bühne und Begeisterung – und genau deshalb entsteht auch eine moralische Verpflichtung gegenüber denjenigen, die dort Diskriminierung und Gewalt erfahren. Diese Verantwortung betrifft die FIFA, nationale Verbände, Sponsoren und Gastgeberstaaten gleichermaßen. Menschenrechte dürfen nicht Kulisse sein.
Da muss ich an Katar zurück denken. Die FIFA erklärte damals und zuletzt auch bei der Wahl von Saudi-Arabien als Gastgeberland 2034, dass der Fußball die Menschenrechtslage gerade für Homosexuelle vor Ort verbessern werde. In Katar haben wir erlebt, dass das Gegenteil eingetreten ist, Schwulen geht es dort jetzt noch schlechter.
Der Satz, Fußball werde die Menschenrechtslage quasi automatisch verbessern, ist in dieser Pauschalität nicht glaubwürdig. Die Erfahrungen rund um Katar haben gezeigt, dass große Versprechen sehr schnell verpuffen, wenn sie nicht an verbindliche Reformen, Kontrolle und politischen Druck gekoppelt sind. Auch bei Saudi-Arabien sind die Menschenrechtsbedenken massiv, und gerade deshalb ist Skepsis absolut berechtigt. Fußball kann Impulse setzen – aber nur dann, wenn er nicht als Feigenblatt dient. Ohne klare Bedingungen, Transparenz, unabhängige Kontrolle und echte Konsequenzen kann ein Turnier Repression eher überstrahlen als abbauen.
Welche Maßnahmen sollte die FIFA hier grundsätzlich ergreifen, um sicherzustellen, dass die Rechte von LGBTIQ+ Menschen respektiert werden?
Die FIFA sollte Mindeststandards nicht nur formulieren, sondern durchsetzen: verbindliche Menschenrechtsauflagen für alle Gastgeberstädte, regelmäßige unabhängige Prüfberichte, klare Sanktionsmechanismen bei Verstößen, Schutzkonzepte für Fans und Teams, diskriminierungsfreie Ticket- und Sicherheitsregeln sowie dauerhafte Zusammenarbeit mit Menschenrechts- und LGBTIQ+-Organisationen. Wichtig ist auch Transparenz: Die Öffentlichkeit muss nachvollziehen können, ob Versprechen wirklich umgesetzt werden. Nur dann wird aus einem Hochglanzversprechen glaubwürdige Verantwortung.
Wie schätzt Ihr die Reaktion von queeren Fans auf die WM ein?
Wir gehen davon aus, dass die Reaktionen sehr gemischt ausfallen werden: zwischen Vorfreude auf ein globales Fußballfest und großer Skepsis gegenüber der FIFA und den Gastgebern. Viele queere Fans werden die WM nicht einfach boykottieren, aber sie werden deutlich mehr einfordern als leere Bekenntnisse. Konkrete Forderungen dürften vor allem Sicherheit, Sichtbarkeit, Schutz vor Diskriminierung, transparente Beschwerdewege und die Einbindung lokaler queerer Gruppen betreffen. Der Ton wird klarer und ungeduldiger sein als früher, weil viele Menschen erlebt haben, dass Versprechen bei vergangenen Turnieren nicht gehalten wurden.
Inwiefern könnte Fußball als Plattform dienen, um generell auf die Bedrohungen aufmerksam zu machen, denen queere Menschen ausgesetzt sind?
Fußball hat eine enorme kulturelle Reichweite. Was im Fußball sichtbar wird, erreicht Menschen weit über politische oder aktivistische Räume hinaus. Deshalb kann der Sport Aufmerksamkeit schaffen, Allianzen bilden und queeren Menschen Rückhalt geben. Aber Sichtbarkeit allein reicht nicht. Veränderung entsteht erst dann, wenn aus Kampagnen konkrete Strukturen werden: Bildungsarbeit, Schutzkonzepte, Ansprechpersonen, Sanktionen und gelebte Solidarität. Fußball kann also viel bewirken – aber nur, wenn er den Mut hat, mehr zu sein als Werbefläche für Vielfalt.
In der Fußballwelt gibt es nach wie vor nur sehr wenige aktive Spieler, die sich öffentlich als schwul geoutet haben. Warum tut sich der Fußball in dieser Hinsicht noch immer so besonders schwer?
Der Fußball ist in vielen Bereichen noch immer stark von traditionellen Männlichkeitsbildern geprägt. Dazu kommen Kabinenkultur, Leistungsdruck, mediale Dauerbeobachtung und die Angst, von Fans, Sponsoren oder sogar Mitspielern anders behandelt zu werden. Wer sich outet, riskiert im Fußball häufig noch immer, nicht einfach als Spieler wahrgenommen zu werden, sondern ständig auf seine sexuelle Identität reduziert zu werden. Damit sich das ändert, braucht es eine Kultur, in der ein Coming-Out weder Karriererisiko noch Sensation ist. Vereine, Verbände, Medien und Fanmilieus müssen gemeinsam daran arbeiten.
Was sind eurer Meinung nach die größten Ängste von heimlich schwulen Fußballspielern?
Die größten Ängste sind vermutlich Ablehnung, Spott, der Verlust von Normalität und die Sorge, im sportlichen Alltag isoliert zu werden. Hinzu kommt die berechtigte Befürchtung, dass Medien und Öffentlichkeit das Thema größer machen als den Menschen selbst. Viele Spieler fragen sich: Verändert das mein Standing in der Mannschaft? Werde ich nur noch als „der geoutete Spieler“ gesehen? Und genau diese Ängste sind Ausdruck des Problems. Solange ein Coming-Out als Ausnahmezustand wahrgenommen wird, bleibt die Hürde hoch.
Welche Unterstützung brauchen Spieler, die sich im Profi-Fußball outen möchten?
Sie brauchen vor allem Rückhalt, Verlässlichkeit und Schutz. Ein Verein muss klar signalisieren: Du bist hier sicher, du musst dich nicht erklären, und wir stehen hinter dir – intern wie öffentlich. Dazu gehören geschulte Ansprechpartner, klare Kommunikationsstrategien, konsequentes Vorgehen gegen Anfeindungen sowie einen Verein und eine Mannschaft, in der Respekt nicht verhandelbar ist. Das Wichtigste ist: Ein Spieler darf mit diesem Schritt nie allein gelassen werden.
Welche Vorbilder gibt es für junge Spieler, die sich outen möchten?
Vorbilder sind all jene, die Sichtbarkeit mit Haltung verbinden – egal ob aktive oder ehemalige Profis, Trainer oder Funktionäre. Ihre größte Wirkung entfalten sie, wenn sie nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen, sondern deutlich machen: Du bist im Fußball nicht falsch, und du bist nicht allein. Vorbilder können Mut machen, aber sie dürfen nicht die gesamte Veränderung alleine tragen müssen. Sichtbare Einzelne sind wichtig – sichere Strukturen sind noch wichtiger.
Welche Rolle spielt der Druck der Fans und die Medienberichterstattung?
Eine große. Fans können Schutzraum und Bedrohung zugleich sein. Wenn Spieler befürchten müssen, in Stadien beleidigt oder auf Social Media entmenschlicht zu werden, beeinflusst das selbstverständlich ihre Entscheidung. Auch Medien tragen Verantwortung: Wer ein Coming-Out sensationalisiert, privatisiert oder dauernd problematisiert, verstärkt den Druck. Gute Berichterstattung normalisiert, schlechte Berichterstattung stigmatisiert. Für die Fans können wir aber an den meisten Orten aus eigenen Erfahrungen und Gesprächen sagen, dass diese weiter sind, als viele meinen.
Sollte der Fußball eine aktivere Rolle beim Fördern von Coming-Outs übernehmen, zum Beispiel durch Aufklärung und Workshops für Spieler und Trainer?
Ja, unbedingt. Nicht im Sinne von Druck auf Einzelne, sondern im Sinne einer Kulturveränderung. Aufklärung, Workshops, Antidiskriminierungstrainings und klare Leitlinien für Vereine, Leistungszentren und Trainerstäbe sind längst überfällig. Ein Coming-Out sollte nie als persönlicher Ausnahmefall behandelt werden, sondern als etwas, das in einem professionellen, respektvollen Umfeld selbstverständlich möglich sein muss.
Glaubt Ihr, dass das Coming-Out eines prominenten Spielers bei einer großen Fußball-WM einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung von LGBTIQ+ im Fußball haben könnte?
Ja, das könnte enorme Wirkung entfalten. Ein prominentes Coming-Out auf dieser Bühne würde weltweit Sichtbarkeit schaffen und vielen Menschen Mut machen. Aber es wäre unfair, die Verantwortung dafür auf einzelne Spieler abzuwälzen. Ein solcher Schritt kann viel verändern – wenn Verbände, Vereine, Medien und Fans dafür sorgen, dass daraus ein Fortschritt und kein öffentlicher Spießrutenlauf wird.
Was wünschen sich queere Fans in Bezug auf Sichtbarkeit und Anerkennung bei der kommenden WM?
Wir wünschen uns vor allem, nicht nur geduldet, sondern selbstverständlich mitgemeint zu sein. Dazu gehören sichtbare Solidarität, echte Schutzkonzepte, diskriminierungsfreie Stadien, sichere Fanräume, ernst gemeinte Beteiligung an Entscheidungen und die Gewissheit, dass unsere Rechte nicht dem Image des Turniers untergeordnet werden. Sichtbarkeit ohne Sicherheit ist zu wenig. Anerkennung ohne Konsequenzen ebenfalls.
Auf was freut Ihr euch bei der WM?
Ehrlich gesagt: Vorfreude fällt uns schwer. Zu viele offene Fragen, zu viele ungelöste Probleme rund um Sicherheit, Menschenrechte und Glaubwürdigkeit des Weltfußballs. Wir hoffen nicht auf ein großes Spektakel – wir erwarten endlich Verantwortung.
Daniel und Sven, vielen Dank euch für das Gespräch.
Mehr unter: queerfootballfanclubs.org