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60 Jahre Star Trek
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60 Jahre Star Trek LGBTIQ+-Menschen und die Vision einer vielfältigen Zukunft

ms - 08.09.2026 - 16:00 Uhr
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Als am 8. September 1966 die erste Folge von Star Trek ausgestrahlt wurde, war die Welt eine andere. Die USA befanden sich mitten in gesellschaftlichen Umbrüchen, Bürgerrechtsbewegungen prägten die Zeit, und viele Minderheiten kämpften noch immer um Anerkennung und Gleichberechtigung. Eine Science-Fiction-Serie über ein Raumschiff im 23. Jahrhundert wagte damals eine ungewöhnliche Vorstellung: eine Zukunft, in der Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam arbeiten, Konflikte überwinden und Unterschiede nicht mehr als Hindernis betrachten. Genau diese Vision machte Star Trek von Beginn an auch für viele LGBTIQ+-Menschen zu weit mehr als einer reinen TV-Unterhaltung für zwischendurch.

Unendliche Vielfalt 

Die von Schöpfer Gene Roddenberry entwickelte Welt der Föderation basierte auf einem einfachen Gedanken: Die Menschheit kann sich weiterentwickeln. Nicht durch Gleichmacherei, sondern durch das Anerkennen von Vielfalt. Das zentrale Konzept „IDIC“ – „Infinite Diversity in Infinite Combinations“ („Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen“) wurde 1968 von ihm höchstpersönlich eingeführt und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Grundgedanken der Marke. Es beschreibt die Überzeugung, dass unterschiedliche Perspektiven und Identitäten keine Schwäche sind, sondern eine Bereicherung. Für viele homosexuelle und queere Fans hatte diese Botschaft von Anfang an eine besondere Bedeutung. In einer Zeit, in der Homosexualität oft unsichtbar gemacht oder kriminalisiert wurde, zeigte Star Trek eine Zukunft, in der Menschen nicht wegen ihrer Identität bewertet werden. 

Die Serie sagte nicht ausdrücklich: „LGBTIQ+-Menschen gehören dazu“, aber sie vermittelte etwas Grundsätzlicheres: Jeder Mensch gehört dazu. Bereits die Originalserie setzte Zeichen. Die internationale Crew der Enterprise war für das Fernsehen der 1960er Jahre außergewöhnlich: Der Charakter Uhura, gespielt von der schwarzen Nichelle Nichols, arbeitete selbstverständlich als Offizierin auf der Brücke. Der japanisch-amerikanische Schauspieler George Takei spielte Sulu – zu einer Zeit, in der asiatische Amerikaner in vielen Bereichen noch mit Vorurteilen konfrontiert waren. Für viele LGBTIQ+-Menschen wurde die Serie dadurch zu einem gedanklichen Rückzugsort: einem Ort, an dem sie sich eine Zukunft vorstellen konnten, in der Ausgrenzung überwunden ist.

Identität und Freiheiten 

Über Jahrzehnte entwickelte sich Star Trek weiter. Die verschiedenen Serien griffen zunehmend Themen wie Identität, Geschlecht, gesellschaftliche Normen und persönliche Freiheit auf. Mit Figuren wie Seven of Nine, die Fragen nach Individualität und Selbstbestimmung behandelte, oder später offen homosexuellen und queeren Figuren wurde die Idee einer vielfältigen Zukunft immer konkreter. Das erste feste und offen schwule Ehepaar im Hauptcast einer Star-Trek-Serie waren Paul Stamets und Dr. Hugh Culber aus „Star Trek: Discovery“. Die beiden Charaktere werden von den Schauspielern Anthony Rapp und Wilson Cruz gespielt. Weitere wichtige schwule Figuren und queere Darstellungen gab es im Star-Trek-Universum allerdings bereits zuvor. 

Im Kinofilm „Star Trek Beyond“ aus dem Jahr 2016 wurde gezeigt, dass die traditionsreiche Figur Hikaru Sulu nun einen männlichen Partner und eine gemeinsame Tochter hat. Die Darstellung war zugleich eine Hommage an den ursprünglichen schwulen Sulu-Darsteller George Takei. In älteren Serien wie „Star Trek: Deep Space Nine“ gab es zudem subtile queere Dynamiken, etwa zwischen Garak und Dr. Bashir. Auch in den Romanen des sogenannten Beta-Kanons tauchten kleinere queere Randfiguren auf. Offene homosexuelle Hauptfiguren blieben im Fernsehen jedoch lange Zeit aus. Die Entwicklung von LGBTIQ+-Figuren im Star-Trek-Universum ist eine jahrzehntelange Geschichte, die von frühen Einschränkungen durch Studios bis hin zu einer Vorreiterrolle im modernen Streaming-Zeitalter reicht. Obwohl Serienschöpfer Gene Roddenberry von Beginn an für eine vielfältige Zukunft stand, dauerte es mehr als 50 Jahre, bis offen homosexuelle und queere Hauptfiguren tatsächlich regelmäßig in den Fernsehserien des Franchise zu sehen waren.

Versteckte LGBTIQ+-Figuren

In der Originalserie „Star Trek“ sowie in den Nachfolgeserien „Star Trek: The Next Generation“ (TNG), „Deep Space Nine“ und „Voyager“ gab es keine ausdrücklich homosexuellen Figuren im Hauptcast. Besonders deutlich wurde die Zurückhaltung der damaligen Zeit bei einem geplanten Drehbuch von David Gerrold für die TNG-Folge „Blood and Fire“. Die 1988 geschriebene Episode sollte ein schwules Crew-Paar und eine AIDS-Analogie enthalten, wurde jedoch unter Produzent Rick Berman gestrichen. Berichten zufolge spielten dabei der Druck des Studios und homophobe Vorbehalte eine Rolle. Statt offen homosexuelle Figuren zu zeigen, behandelte Star Trek deswegen Fragen von Identität und Sexualität lange Zeit über Metaphern und außerirdische Spezies. In der TNG-Folge „Verbotene Liebe“ verliebt sich Riker in ein geschlechtsloses Wesen. In „Deep Space Nine“ wurde die symbiotische Spezies der Trill genutzt, um Themen wie Geschlechtsidentität und Bisexualität anzusprechen. 

Besonders bekannt ist die DS9-Folge „Wiedervereinigt“ aus dem Jahr 1995, die den ersten gleichgeschlechtlichen Kuss zwischen zwei Frauen im Star-Trek-Franchise zeigte. Auch der queere Subtext spielte eine wichtige Rolle. Schauspieler Andrew Robinson entwickelte seine Figur Elim Garak in „Deep Space Nine“ nach eigenen Aussagen von Anfang an mit einer pansexuellen beziehungsweise queeren Interpretation. Im Fernsehen durfte diese Ebene der Figur jedoch nie offen ausgesprochen werden. Ein grundlegender Wandel begann 2017 mit dem Start von „Star Trek: Discovery“. Die Serie brach mit den bisherigen Einschränkungen und leitete die bislang progressivste Ära des Franchise ein. Neben dem bereits erwähnten schwulen Ehepaar Stamets und Culber wurde in der zweiten Staffel die lesbische Ingenieurin Jett Reno eingeführt, gespielt von Tig Notaro. Auch trans* und nicht-binäre Identitäten erhielten erstmals zentrale Rollen. 

In der dritten Staffel von „Star Trek: Discovery“ schrieben Adira, eine nicht-binäre Figur gespielt von Blu del Barrio, und Gray, ein trans* Mann gespielt von Ian Alexander, Fernsehgeschichte. Auch ältere Figuren wurden neu eingeordnet. In „Star Trek: Picard“ wurde die beliebte Figur Seven of Nine als lesbisch bestätigt und ging eine feste Beziehung mit Raffi Musiker ein. Damit wurde zugleich eine frühere Darstellung aus den 1990er Jahren korrigiert, die stark von heteronormativen Erwartungen geprägt gewesen war. Die Serie „Star Trek: Strange New Worlds“ setzte diesen Weg fort, verfolgte dabei jedoch einen etwas subtileren Ansatz, bei dem LGBTIQ+-Identitäten stärker als selbstverständlicher Teil des Alltags dargestellt wurden. So wird in der ersten Staffel bestätigt, dass Dr. Christine Chapel bisexuell ist und in der Vergangenheit auch Frauen gedatet hat. Auch Gastauftritte erweiterten die queere Repräsentation des Universums. In der Folge „Die Serene Squall“ übernimmt die nicht-binäre Jesse James Keitel die Rolle der gender-nonkonformen Piraten-Anführerin Dr. Aspen beziehungsweise Angel. Keitel bezeichnete ihre Darstellung als „großartig, ikonisch, futuristisch und alles, wovon ich jemals geträumt habe. Und ich denke, wir brauchen noch mehr davon.“  

Ein schwuler Klingone 

Auch hinter den Kulissen veränderte sich die Reihe. LGBTIQ+-Schauspielerinnen und Schauspieler wurden sichtbarer und erzählen inzwischen deutlich offener von der Bedeutung, Teil dieses besonderen Universums zu sein. Der schwule Sulu-Schauspieler George Takei erklärte: „Ich denke, dass die Stärke von Star Trek kreative Vielfalt in unendlichen Kombinationen ist – und dann lebt lang und in Frieden.“ Karim Diané, der in „Star Trek: Starfleet Academy“ den ersten offen schwulen Klingonen des Franchise spielte und selbst homosexuell ist, berichtete. „Ich dachte anfangs: 'Okay, was soll's. Das ist doch keine große Sache.' Ich lag falsch. Es ist eine sehr große Sache.“ Auf die Frage, ob die Sexualität seiner Figur überhaupt thematisiert werden sollte, antwortete Diané: „Ich würde gerne ausführlicher darüber sprechen. Aber irgendwann möchte ich auch an den Punkt kommen, an dem wir überhaupt nicht mehr darüber reden. Es ist buchstäblich die uninteressanteste Eigenschaft einer Figur oder eines Menschen.“ 

Die Frage ist, setzt sich der Trend zu mehr Offenheit gegenüber LGBTIQ+ fort oder eher nicht? Celia Rose Gooding, die in „Star Trek: Strange New Worlds“ Uhura spielt, sieht die Entwicklung kritisch. „Ich werde nichts beschönigen. Ich glaube, wir machen gerade einen kleinen Rückschritt“. Die Lehren aus 60 Jahren Star Trek müssten nun endlich in die Realität übertragen werden. Sie berichtete zudem, wie bewegend es sei, wenn junge schwarze Mädchen ihre Version von Uhura nachahmen. „Ich war selbst einmal dieses kleine Mädchen, das unbedingt jemanden sehen wollte, der so aussieht wie ich und Freude, Liebe und Anerkennung erfährt. Teil dieser Veränderung zu sein, ist überwältigend.“ Diané berichtete weiter, dass seine schwule Figur im Internet zwar homophobe Reaktionen ausgelöst habe, viele Fans aber auch tief bewegt seien. „Viele Menschen haben Liebe und Hoffnung gefunden. Manche weinen vor Rührung. Deshalb ist mir die ganze Negativität ehrlich gesagt egal.“ 

Nach Kritik, Star Trek sei inzwischen „zu woke“, wurde die Serie „Starfleet Academy“ allerdings bereits nach der ersten Staffel wieder eingestellt; eine bereits produzierte zweite Staffel soll zumindest noch veröffentlicht werden. Diané bleibt dennoch optimistisch: „Warten wir ab, was passiert. Es könnte das Beste sein, was ihr je gesehen habt. Es gibt so viel Romantik. So viele queere Geschichten. So gay!“ Auch die LGBTIQ+-Fanorganisation „To Proudly Go“ sieht die Reihe weiterhin als wichtigen Schutzraum. Sprecher John Lutton erklärte: „Wir schaffen sichere Räume für queere Communitys und queere Nerds. Wir möchten, dass sich alle willkommen fühlen.“ Gleichzeitig äußerte Lutton Zweifel an der Zukunft des Franchise: „Die Fusion von Paramount mit Skydance stimmt mich nicht hoffnungsvoll.“ Ähnlich äußerte sich Schauspielerin Stephanie Czajkowski („Star Trek: Picard“) und bekräftigte deswegen: „Die Welt ist unendlich vielfältig, auf Arten, die wir noch gar nicht entdeckt haben. Queere Menschen hat es immer gegeben. Man hat ihnen nur jetzt endlich erlaubt, sie selbst zu sein.“ 

Die Fans und "ihr" Star Trek 

Die Frage wird sein, wem die Verantwortlichen mehr Gehör schenken – die Reaktionen der weltweiten Star-Trek-Fangemeinde, der sogenannten Trekkies, spiegeln bis heute die gesellschaftlichen Debatten über Vielfalt, Repräsentation und Identität wider. Angesichts der Größe und internationalen Bedeutung der Community gibt es unterschiedliche Sichtweisen, die sich im Wesentlichen in zwei Lager einteilen lassen. Viele progressive Fans und Mitglieder der LGBTIQ+-Community begrüßen die moderne Entwicklung des Franchise. Sie sehen die zunehmende Sichtbarkeit queerer Figuren als konsequente Weiterentwicklung der ursprünglichen Star-Trek-Idee. Eine echte Utopie, so ihre Argumentation, könne nur dann glaubwürdig sein, wenn auch queere Menschen selbstverständlich dazugehören und Diskriminierung überwunden sei. 

Auf der anderen Seite stehen konservativere Fans und Teile der Nostalgie-Fraktion, die vor allem das moderne „NuTrek“ – insbesondere „Star Trek: Discovery“ – häufig lautstark kritisieren. Dabei richtet sich die Kritik nach eigener Darstellung vieler dieser Fans nicht grundsätzlich gegen homosexuelle oder queere Figuren, sondern gegen das, was sie als „Checklisten-Writing“ empfinden – also den Eindruck, dass bestimmte gesellschaftliche Themen zu stark in den Vordergrund gestellt würden. Einige bemängeln zudem, dass emotionale oder persönliche Konflikte die traditionelle Vorstellung von Logik, Professionalität und Disziplin innerhalb der Sternenflotte überlagerten. Eine der größten Debatten innerhalb des Fandoms dreht sich um die Frage, wie organisch queere Figuren in die Handlung eingebunden werden. Während das schwule Ehepaar aus „Star Trek: Discovery“ nach anfänglicher Skepsis inzwischen von vielen Fans akzeptiert und geschätzt wird, lösten die Figuren Adira und Gray aus derselben Serie deutlich kontroversere Reaktionen aus. 

Kritiker argumentierten, dass die Darstellung ihrer Identitätsfindung nicht vollständig zu einer Zukunftsvision passe, in der solche Fragen eigentlich längst normalisiert sein sollten. Ihrer Ansicht nach wirkte die Handlung teilweise eher wie eine Übertragung heutiger gesellschaftlicher Debatten in eine utopische Zukunft. Neben den internen Diskussionen innerhalb der Fangemeinde wird Star Trek zunehmend auch von politischen Debatten außerhalb des Fandoms beeinflusst. Neuere Projekte wie „Star Trek: Starfleet Academy“, die gezielt jüngere und vielfältigere Zielgruppen ansprechen wollten, wurden von manchen politischen Akteuren genutzt, um Star Trek als Beispiel für aktuelle Kulturkämpfe darzustellen. Vertreter des Franchise verteidigten die Entwicklung dagegen regelmäßig. 

Machtwort von Shatner

Schauspiel-Urgestein William Shatner, der allererste Darsteller des Captain James T. Kirk, verwies darauf, dass Star Trek bereits seit seinen Anfängen gesellschaftliche Grenzen überschritten habe. Schon 1966 sorgte die Serie mit dem ersten interethnischen Kuss der Fernsehgeschichte für Aufsehen und zeigte damit, dass Vielfalt und gesellschaftlicher Fortschritt von Beginn an Teil der DNA des Franchise waren. Die Auseinandersetzungen um queere Figuren zeigen damit letztlich auch die besondere Bedeutung von Star Trek: Die Serie war nie nur Unterhaltung, sondern immer ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen. Und es ist kaum vorstellbar, dass das Ende der Geschichte wirklich erreicht ist – inzwischen gibt es neun Realfilm-Serien und weitere animierte Formate, zusammen über 900 Episoden und 13 Kinofilme. 

Die Entwicklung von Star Trek zeigt einen langen Wandel: Von einer Serie, die LGBTIQ+-Themen über Metaphern und Andeutungen verhandeln musste, hin zu einem Universum, in dem homosexuelle, trans* und queere Figuren selbstverständlich Teil der Zukunft sind. Viele queere Menschen verbinden mit Star Trek bis heute nicht nur eine Serie, sondern eine Hoffnung: die Vorstellung, dass die Zukunft besser sein kann als die Gegenwart. In einer Welt, in der LGBTIQ+-Menschen weiterhin und teilweise wieder verstärkt mit Diskriminierung, politischen Angriffen und gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert sind, bleibt die Botschaft von Star Trek aktueller denn je. Die Serie zeigt keine perfekte Welt – aber eine Welt, die gelernt hat, mit Vielfalt umzugehen. Mehr noch, nach 60 Jahren bleibt die wichtigste Botschaft der Enterprise: Vielfalt ist kein Problem, das gelöst werden muss. Vielfalt ist das, was eine Gesellschaft stärker macht. Unendliche Vielfalt in unendlichen Welten 

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