Premiere in München DOK.fest zeigt Dokumentarfilm über schwules Paar in Kiew
Julian Lautenbacher bringt mit "To Dance is to Resist" einen eindrücklichen neuen Dokumentarfilm auf die Leinwand, der das Leben eines schwulen Paars im vom Krieg erschütterten Kiew beleuchtet. Die Deutschlandpremiere findet am 9. Mai 2026 beim DOK.fest München statt und rückt damit das Überleben queerer Identität und Liebesbeziehungen im Ausnahmezustand in den Mittelpunkt. Das filmische Projekt markiert einen seltenen, intimen Einblick in Lebensrealitäten, die sonst von der aktuellen Nachrichtenlage überlagert werden – und verschafft der queeren Community in der Ukraine Sichtbarkeit, wo Unsichtbarkeit oft die Norm ist.
Das Wichtigste im Überblick
- "To Dance is to Resist" feiert Deutschlandpremiere am 9. Mai 2026 auf dem DOK.fest München.
- Regisseur Julian Lautenbacher begleitete das Paar Jay und Vol’demar über vier Jahre im Kriegsalltag in Kyiv.
- Die hybride Dokumentation verbindet unverfälschte Alltagsszenen mit ästhetischen Tanz-Performances.
- Der Film lief bereits beim BFI Flare in London, Jay und Vol’demar konnten jedoch wegen des Krieges nicht anreisen.
- Lautenbacher plant weitere Festivals und sucht einen regulären Kinostart für 2027.
Alltag und Ausnahmezustand
Der Film taucht tief in das Leben der Protagonisten Jay und Vol’demar ein, deren Beziehung zwischen Bombenalarm, Blackouts und der stetigen Bedrohung durch den russischen Angriffskrieg Bestand haben muss. Lautenbacher dokumentiert nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch die psychischen Belastungen, die ein solches Leben mit sich bringt: Viele queere Ukrainerinnen und Ukrainer greifen mittlerweile zu Antidepressiva, Ausgehen und Partyleben sind trotz Frühlingserwachens von Unsicherheit durchdrungen. Dennoch gelingt es der Community, Räume der Sicherheit und Solidarität zu erhalten – besonders in den Clubs von Kiew, die als Rückzugsorte für Selbstverwirklichung und Gemeinschaft dienen.
Stil und Intention
Formal bewegt sich "To Dance is to Resist" im Spannungsfeld zwischen authentischer Beobachtung und künstlerischer Inszenierung. Besonders eindrucksvoll sind choreografierte Szenen, die persönliche Erlebnisse in einer stillgelegten Seidenfabrik symbolisch verdichten. Musik und Sounddesign nehmen dabei eine zentrale Rolle ein und verbinden den dokumentarischen Ansatz mit der visuellen Dichte des Autorenkinos der 1980er und 1990er Jahre. Das Ergebnis ist ein zutiefst poetischer Film, der Emotionen über lineare Narration stellt und so den inneren Zustand seiner Protagonistinnen und Protagonisten spürbar macht.
Rechte, Hoffnung, Öffentlichkeit
Die Dokumentation nimmt Entwicklungen in der Ukraine auf: 2026 anerkannte der Oberste Gerichtshof erstmals ein gleichgeschlechtliches Paar als Familie. Für viele im Land stehen queere Rechte jedoch hinter dem Überlebenskampf zurück, wie Lautenbacher feststellt – gleichwohl sind zunehmend offene queere Stimmen auch im Militär zu hören, was das Bild der Community innerhalb der Gesellschaft nachhaltig verändert. Die Resonanz auf internationalen Festivals zeigt, wie universell das Streben nach Sichtbarkeit und Akzeptanz ist. Dass Jay und Vol’demar wegen fehlender Reisedokumente nicht beim BFI Flare erscheinen konnten, wirft ein Schlaglicht auf neue Formen von Freiheitsverlust durch den Krieg.
Ein Film gegen das Vergessen
Lautenbacher verfolgt das Ziel, "To Dance is to Resist" auf weiteren Festivals und perspektivisch regulär im Kino zeigen zu können, um politischen Druck und internationale Aufmerksamkeit für die Situation von LGBTIQ+-Menschen in der Ukraine zu erhöhen. Parallel läuft eine Fundraising-Kampagne, deren Erlöse in die Fertigstellung und Verbreitung des Films fließen sollen. Die Hoffnung bleibt, dass der Film auch in der Ukraine selbst gezeigt werden kann – als Zeichen der Empowerment und des Zusammenhalts.
Filmkritikerinnen und Filmkritiker sind beeindruckt von Lautenbachers Ansatz, der gegen die Ohnmacht des Krieges auf bewegende Weise Kunst, Aktivismus und Intimität verschmelzen lässt. Julian Lautenbacher schafft es, den Blick auf das Wesentliche zu lenken: das Recht auf Liebe, Sichtbarkeit und Widerstand, gerade in Zeiten der Zerstörung.