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Der Tag an dem CORONA kam // © recep-bg

Leserumfrage Der Tag an dem CORONA kam ...

vvg - 02.05.2020 - 10:00 Uhr

Die derzeitige Situation, die so knackig wie euphemistisch gerne als Corona-Krise bezeichnet wird, schlägt mir immer wieder mal aufs Gemüt. Was aber viel gravierender ist: sie trifft mich als freiberuflichen Unterhaltungsfacharbeiter mit voller Wucht. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem nach über 34 Jahren die „Lindenstraße“ endet und ich mich deshalb in einer Phase der beruflichen Neuorientierung befinde, herrscht in meiner Branche völliger Stillstand. Alle geplanten Projekte wie Drehtage, Castings und Moderationen wurden abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Wann die Lesetour, die auf meiner Autobiographie „Ich mach dann mal weiter“ basiert und weit darüber hinaus geht, stattfinden kann, ist völlig ungewiss. Aber mir ist trotzdem bewusst, dass die Dimension dieser Pandemie und der damit einhergehenden, absolut sinnvollen Einschränkungen andere Menschen noch viel härter trifft. Also versuche ich gelassen zu bleiben, setze mich auf meine Dachterrasse, lese, kontempliere und schreibe unter den Pseudonymen Tuentin Quarantäno und Corona Pooth kleine schwarzhumorige Geschichten für meine Freunde. Und nach wie vor gilt Stay home, stay homo! 

Georg Uecker, Schauspieler aus Köln

Georg Uecker // © vvg

Bäckereien sind nicht geschlossen. Wir halten Abstand beim Arbeiten, haben an allen Schlüsselstellen Desinfektionsmittel zusätzlich aufgebaut. Lieferanten dürfen nicht mehr ins Haus und müssen Ware an der Türe deponieren. Kunden dürfen nur einzeln mit zwei Meter Abstand bedient werden. Es ist ein Plexiglasaufsatz für die Theke bestellt der zusätzlich schützt. Als Firma haben wir Kurzarbeit angemeldet. Zusätzlich habe ich eine Epidemie-Versicherung. Ob da wirklich Geld kommt …? Praktisch ist die grösste Herausforderung den Hamsterkäufern zu begegnen und abzuschätzen, ob man viel oder wenig produziert. Für betroffene Kunden in Risikogruppen bieten wir einen Gratis-Heimlieferdienst an. Trotzdem gibt es ganz markante Umsatzeinbrüche. Restaurants, Kantinen, Schulen sind zu und die erhielten täglich grosse Mengen Produkte von uns. Es finden keine Feiern statt und Torten etc. werden abbestellt. Trotz allem sind wir in der Schweiz privilegiert.

Privat bin ich allein zu Hause und informiere mich möglichst umfassend über verschiedene Kanäle (mir fällt auf, dass gerade junge Leute wenig informiert sind, da keine Zeitung mehr gelesen und auch keine Tagesschau gesehen wird) Ich versuche mich gesund zu ernähren und genug zu schlafen - seit Monaten arbeite ich praktisch ohne Pause, ein akuter Personalmangel zwingt mich 7 Tage im Einsatz zu stehen. Es erscheint alles surreal, da der Frühling mit seiner ganzen Pracht alles verzaubert. Meine Mutter wird bald 92. Natürlich macht man sich Sorgen. Ich zeichne in der freien Zeit und schmiede Pläne für die Zeit danach. Ich denke, die Welt wird nicht mehr die gleiche sein, falls wir diese Pandemie überstehen. Grosse Freude hingegen bereitet mir, dass man zusammen hält - UND dass man plötzlich den kleinen Bäcker wieder schätzt … In dieser Zeit zeigt sich welche Berufe wichtig sind. 

Hans Leutwyler, Bäcker & Konditor, Zofingen/Schweiz

Hans Leutwyler // © vvg

Das Corona-Virus zeigt in aller Deutlichkeit, dass Globalisierung nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile hat. Meinten wir anfangs vielleicht noch, dass Wuhan weit weg sei, lehrte uns das Virus doch sehr schnell, wie nah diese bis dahin für viele von uns unbekannte chinesische Provinz ist. Privat beeinflusst die Corona-Situation mein Leben schon merklich: mein wöchentliches Fußballtraining fällt ebenso aus, wie Besuche im Fitness-Studio, in Bars oder Restaurants. Rein beruflich beeinflusst das Virus mein Leben nur insofern, dass ich nun auf unbestimmte Zeit alle Meetings per Videokonferenz mache und nicht mehr reisen muss. Homeoffice war für mich auch schon vor Covid19 mein Alltag.

Was mir die meisten Sorgen macht, ist welche Auswirkungen die notwendigen Maßnahmen auf die deutsche und europäische Wirtschaft haben wird. Hier befinden sich tausende Firmen in einer existenzbedrohenden Situation. Und dies betrifft nicht nur kleine und mittelständige Unternehmen, sondern auch große. Auch wenn unsere Regierung jetzt Finanzhilfen in Aussicht gestellt hat; eine Gefahr, die meiner Meinung nach nicht zu unterschätzen ist, ist das China die Wirtschaft bereits wieder hochfährt und so natürlich einen nicht unwesentlichen Marktvorteil gegenüber den in Europa in Zwangspause befindlichen Unternehmen erlangt. Diesen gilt es nach Covid19 wieder aufzuholen.

Eine kurze Anmerkung zum Schluss: unsere Regierung wurde oft kritisiert, aber in der jetzigen Situation macht sie meiner Meinung nach einen guten Job, vor allem wenn man unsere Situation mit der in den von politischen Pausenclowns regierten Ländern wie den USA oder Großbritannien vergleicht. Ein Patentrezept hat niemand, aber von italienischen Zuständen sind und bleiben wir hoffentlich Dank der beschlossenen Maßnahmen weit entfernt. In diesem Sinne, bleibt gesund – und zuhause!

Klaus Heusslein, Projektmanager aus ­­Koblenz

Klaus Heusslein // © vvg

1. Crefelder CSD am 27. Juni 2020 in Zeiten des COVID-19

In der jetzigen Zeit über die Durchführung des CSD Krefeld nachzudenken fällt mir persönlich nicht leicht. Seit Monaten ist der Vorstand in Krefeld dabei sämtliche Voraussetzungen für den Tag selbst und die vorgelagerte Mottowoche zu erfüllen. Den Verein gründen, die Gemeinnützigkeit beantragen, Sponsoren ansprechen, Bühnenprogramm planen, die Anträge bei der Stadt einreichen, all dies haben wir hinter uns – und nun das. Der Vorstand, vertreten durch mich, meiner Stellvertreterin Emma Sillekens und den Schatzmeister Oliver Leist, ist sich jedoch einig, dass wir nicht voreilig entscheiden dürfen. Wir sind im regelmäßigen Austausch mit der Stadt, sprich dem Oberbürgermeister Frank Meyer und dem Gesundheitsamt. Selbst wenn die Zahlen der Neuinfektionen in naher Zukunft rückläufig sein werden, sind große Veranstaltungen wie der CSD immer noch ein Risiko und dessen sind wir uns bewusst. Gefühlt stocken natürlich jetzt alle Vorbereitungen, aber man sollte die Hoffnung nicht aufgeben. Über eine Verschiebung kann man dann nachdenken, wenn der 27. Juni nicht gehalten werden kann. Ansonsten findet der 1. CSD Krefeld halt im Jahr 2021 statt, die Voraussetzungen sind ja nun alle gegeben.
Persönlich bin ich natürlich in Sorge, wie meine Mitmenschen in den kommenden Wochen mit der Situation und der Einsamkeit umgehen werden. Mein persönlicher Radius ist natürlich auch recht begrenzt und beläuft sich auf meine Mitbewohner im Haus und maximal noch auf meinen Bruder. Arbeiten ist in meinem Job unter Schutzmaßnahmen noch möglich, aber auch hier merke ich eine gewisse Unsicherheit bei den Kollegen. Manche sind völlig vorsichtig, andere dafür total unbekümmert, was die Sache nicht leichter macht. Ich bin aber guter Hoffnung, dass alle Maßnahmen bald zu einer Entspannung der Lage führen werden. Bleibt gesund!

Levent Sirkal, Mitorganisator des 1. Krefelder CSD

Levent Sirkal // © vvg

Ich arbeite in der Uniklinik, da herrscht eine komische Stimmung, wovon ich nicht so viel mitbekomme, da ich in der Weiterbildung zum Endoskopiefachpfleger bin. Wegen der Munschutzmaskenpflicht im Krankenhaus mußte ich mich sogar vom Bart trennen. Ein paar meiner Kolleg*innen waren in Quarantäne, aber glücklicherweise wurden alle negativ getestet. Weil die Schule derzeit nicht stattfindet, muß ich arbeiten, meist habe ich Rufbereitschaft. Es scheint die Ruhe vor dem grossen Sturm, die Frage ist nur: Kommt der Sturm und wenn ja, wann?

Mein Partner Dirk hat seinen Friseur-Salon geschlossen. Zur Ruhe kommt er nicht. Anträge hier - Anträge da, Ratschläge zur Geschäftsaufgabe oder doch lieber weitermachen? Es wird weitergehen. Die Soforthilfe ist genehmigt worden, aber noch nicht angekommen. Das schlägt aufs Gemüt.

Wir gehen ab und an in den Supermarkt, wo die Gänge breit sind und man sich aus dem Weg gehen kann. Zuvor stellt man sich an, bekommt einen Einkaufswagen zugewiesen, der an der Griffleiste desinfiziert wurde. Wir gehen mit einfachem Mundschutz vor die Tür, der bringt nicht viel, aber wir schützen andere, falls wir was haben. Ausser täglichen Telefonaten mit der Familie passiert nicht viel. Von meiner Waage brauche ich gar nicht zu sprechen, ich esse ständig - aber wer weiss, wofür die Pfunde noch gut sind.

Ostern steht vor der Tür. Es ist schade, dass man nicht zur Familie fahren kann. Man will ja nichts anschleppen und sich lebenslang Vorwürfe machen. Meine Mutter ist im Pflegeheim; sie hat am Dienstag nach Ostern ihren 88. Geburtstag. Wir fahren trotzdem hin und spannen ein Bettlacken auf, um ihr von der Strasse aus zum Geburtstag zu gratulieren und mit Sichtkontakt zu telefonieren.

Martin Depenbrock, Krankenpfleger

Martin Depenbrock // © vvg

Wie die meisten meiner Kollegen bin ich im Moment komplett ohne Einkommen. Alle Theatervorstellungen und Drehs sind auf unbestimmte Zeit abgesagt. Auch unsere Branche wird durch den Virus regelrecht geschliffen. Da wir als „unständig Beschäftigte“ weder Soloselbstständige oder Kleinstunternehmer sind noch Kurzarbeit für uns in Frage kommt, fallen wir momentan auch durch die Raster aller angekündigten Soforthilfe-Maßnahmen. Uns schüttelt die nackte Existenzangst. Uns allen muss bewusst sein, dass alle Kleinunternehmen (Läden, Cafés, Kneipen, Clubs etc.) und auch alle kleinen Privat-und Off-Theater, die jetzt aufgeben müssen, für IMMER weg sind. Niemand ist jetzt im Stande, das volle Ausmaß dieser Krise zu erfassen. Mir fällt auch auf, dass bei vielen meiner Mitmenschen im Moment die Kreativität wie ausgestopt und gelähmt scheint.

Es fällt mir schwer, optimistisch zu bleiben. Beim Blick auf die Scherben einer über Jahrzehnte mühsam aufgebauten Existenz, tröstet auch der Spruch „Hauptsache gesund!“ nicht mehr wirklich. Ich drücke uns allen fest die Daumen, dass, nachdem diese Krise hoffentlich bald überstanden ist, das Antlitz unserer Gesellschaft keine Fratze sein möge.

PS: Ich bin seit Jahren ein glühender Verfechter des Bedingungslosen Grundeinkommens. Zu viel Geld ist in zu wenig Händen.

Matthias Freihof, Schauspieler aus Berlin

Matthias Freihof // © vvg

Ich bin Filmemacher (Dokumentarfilm), und mir sind definitiv alle geplanten Jobs für dieses Jahr weggebrochen, da sie alle mit Reisen verbunden gewesen wären. Ich konnte mir jetzt erstmal einen Job für ein Lektorat für eine neue Website an Land ziehen, was mich erstmal über Wasser hält. Da ich eh schon seit vielen Jahren – wenn ich nicht gerade zum Filmen unterwegs war – von zu Hause aus arbeite, ist der neue Alltag keine große Umstellung für mich. Ich bin sehr dankbar für dieses Privileg. Für den Rest des Jahres werde ich schauen, Jobs, die ich von zu Hause aus machen kann – im Bereich Live Streaming und Videokonferenzen – zu bekommen.

Privat ist es so, dass mein Freund in Amsterdam wohnt und ich in Hamburg, was bedeutet, dass wir uns wohl noch viele Wochen – wenn nicht Monate – nicht sehen werden. Das ist manchmal nicht so einfach, aber wir sind es schon seit vielen Jahren gewohnt, eine Fernbeziehung zu führen. Auch diesbezüglich weiß ich mein und unser Privileg sehr zu schätzen: Wir haben gleich zwei Dächern über unseren Köpfen, sind gesund und können arbeiten. Ich weiß, dass es viele Menschen sehr viel härter trifft.

Für die nahe und die ferne Zukunft finde ich es wichtig, dass gerade wir queeren Menschen wachsam bleiben, dass immer die richtige Balance gefunden wird zwischen epidemiologisch sinnvollen, notwendigen und Evidenz-basierten Maßnahmen und einer zu starken, unnötigen Einschränkung unserer Freiheits- und Menschenrechte. (Wohl bemerkt: Die aktuellen Maßnahmen (22. März 2020) in Deutschland finde ich berechtigt.)

Nicholas Feustel, Filmemacher aus Hamburg

Nicholas Feustel // © vvg

Also ich träume, schlafe, sehe Serien, schreibe Unsinns- Gedichte und schaue aus dem Fenster. Da sehe ich lila Schwäne und rote Drohnen mit lieblichen Atombomben.

Mein Freund schläft Tag und Nacht - Manchmal besucht uns ein Eichhörnchen und lädt uns zu einem Schönheitswettbewerb ein - Wir sollen den schönsten buschigsten Schwanz wählen.

Eigentlich müsste ich an sieben Filmen arbeiten, die in der Finanzierung sind und an meinen Roman "Hasenpupsiloch" arbeiten. Momentan tut mir mein linker Hoden weh und ich müsste ihn kühlen, komme aber nicht dazu vor lauter grossartigen Gedanken, die ich habe.

Morgen wird alles anders

Morgen wird alles anders

und bleibt doch gleich

Die Menschen können nicht lernen

sie können nur ficken

und stricken

in diesem Sinne grüsst Rosa von Praunheim

p.s.  auf meiner Website kann man meine 150 Filme, Bücher und Gemälde bestellen. 

Rosa von Praunheim, Filmemacher und Schriftsteller, Berlin

Rosa von Praunheim // © vvg

Alles auf Null – und dann weiter

Seit 62 Jahren baut unsere Firma Messestände. Vollgefüllte Auftragsbücher, motivierte Mitarbeiter, anstehende Messen in ganz Deutschland stehen an: dann bekommt der glänzende Anstrich Risse. Ende Februar, innerhalb von 14 Tagen werden flächendeckend alle gebuchten Veranstaltungen abgesagt - Komplettausfall. Gut vorbereitet, stehen wir plötzlich und unvermittelt vor dem Abgrund. Alle Mitarbeiter in 100% Kurzarbeit. Dramatisch – uns hat es schnell getroffen, alle anderen zwischenzeitlich auch – wir sitzen jetzt im selben Boot. 

„Scheiss-Situation“ im Sinne des Wortes. Kontaktbeschränkungen und WC Papiernotstand. Wie es beruflich weitergeht, steht noch in der Glaskugel. 

Aber es hat auch Gutes: endlich mal wieder Zeit für Freunde und Familie, zwar aus der Ferne, mit Social Media Mitteln, endlich mal ein freies Wochenende, Entschleunigen, Achtsamkeit und ich glaube wir lernen wieder Demut vor dem Leben und den Dingen, die uns umgeben.

Und all das machen, was man schon lange vor sich herschiebt. Man könnte ja mal wieder mit dem eigenen Mann schlafen und dann den restlichen Tag auf der Couch verbringen. Es steht nichts Dringendes an. Guter Gedanke – ich bin dann mal weg. 

Till Scheuerle, Stuttgart

Till Scheuerle // © vvg

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