Direkt zum Inhalt
Stephan Runge // © vvg

Im Interview Stephan Runge

vvg - 26.04.2020 - 08:00 Uhr

Stephan Runge ist Sänger, Komponist und Schauspieler. Einer seiner größten Erfolge ist die Kölner LGBT*-Hymne „Der geilste Arsch der Welt“. Er ist von Anbeginn engagiert im schwullesbischen Karneval und Veranstalter der Röschensitzung.

Stephan, wie verbringst du deine freie Zeit in dieser momentan sehr trostlosen Corona-Era?

Ich bin einer der Glücklichen, die diese Zeit gar nicht als so trostlos empfinden, da ich die Ruhe in der Innenstadt genießen und ohne Zeitdruck kreativ arbeiten kann. Die Entschleunigung tut mir gut und ich komme endlich dazu, mehr zu lesen und auch mal meinen Keller zu entrümpeln. 

Macht dir Corona Angst ?

Corona selber macht mir wenig Angst, ich versuche mich ausreichend zu schützen, habe im Moment kaum finanzielle Verluste, da ich eigentlich zur Zeit in Urlaub wäre. Ich hoffe nur, dass unsere Politiker „so weit auf Sicht fahren“, dass sie unsere Wirtschaft und Gesellschaft nicht vor die Wand fahren. Belastend finde ich jedoch den Gedanken, dass mein 95-jähriger Vater mit Corona ins Krankenhaus käme und dort allein sterben würde, ohne dass ich ihn noch einmal sehen könnte. Und mulmig ist mir, wenn ich an die Länder denke, die ihre Bevölkerung wegen Armut kaum schützen und stützen können. Allerdings ist fraglich, ob zum Zeitpunkt des Abdrucks dieses Interviews meine Gedanken und Gefühle noch die gleichen sein werden. Es ändert sich fast täglich so viel bei den immer neuen Informationen, die wir im Zusammenhang mit dem Virus erhalten.

Siehst du in dieser Krise auch etwas Positives?

Ich hätte zu Anfang der Krise nicht gedacht, dass ich diese Zeit so angstfrei und positiv erleben kann. Ich persönlich lerne, wie wenig (und was genau) ich brauche, um zufrieden und glücklich zu sein. Und wie ich kreative Lösungen finde: Zum Beispiel habe ich vor kurzem mit lieben Freunden gemeinsam einen feuchtfröhlichen Abend verbracht, dies allerdings online über Skype. Das war erstens sehr lustig und zweitens sehr wohltuend. 

Was glaubst du, was sich alles nach Corona verändert hat?

Ich denke, dass ich auch nach Corona ruhiger und genügsamer bleibe. Und hoffe, dass diese Krise uns zeigen wird, dass wir gemeinsam vieles verändern und schaffen können, wenn wir nur wollen. Es wird vieles zu schützen geben, was durch die Krise in den Hintergrund gerät: Demokratie, Menschenrechte, Klimaschutz, etc.

Du hast mit Claus Vinçon zusammen die LGBTI*-Hymne „Der geilste Arsch der Welt“ geschrieben und gesungen und der Stadt damit ein musikalisches Denkmal gesetzt. Der Arsch hat mittlerweile Falten …

Auch Ralf König hat vor kurzem in einem Interview gesagt, dass Köln nicht mehr der geilste Arsch der Welt ist. Da ist natürlich etwas dran, so faltenfrei und prall wie früher wird er nicht mehr werden. Aber seit jeher sagen Claus und ich bei Auftritten immer, dass die geilste Stimmung dort ist, wo man sie selber macht. Und so erlebe ich das immer wieder in „Macky’s Asia Lounge“, wo es möglich ist, mit Freunden, Bekannten und Fremden zwischen 18 und 80 gemeinsam zu reden, trinken, feiern und zu singen, und sich auf diese Weise faltenfrei und jung zu fühlen.

Heute geht man zu DSDS weil man Sänger werden will, wie hast du dir deinen Traum erfüllt?

Als ich jung war, gab es dieses Format ja nicht. Ich habe einfach zielstrebig meine Musik gemacht, die am Anfang, wie bei so vielen, kaum einer hören wollte. Und ich habe das Glück gehabt, dass ich 1995 mit dem Titel „Der Himmel war rot“ von meinem ersten selbstproduzierten Album die Eintrittskarte ins deutschsprachige Radio bekam. Danach wurde Ralph Siegel auf mich aufmerksam, der mein zweites selbstproduziertes Album vermarktete und mich somit in die Hitparade und viele andere TV-Shows brachte. 

Du bist ein Allround-Talent: Sänger, Texter, Komponist, Schauspieler, Moderator und jahrelang sogar Gastronom; was machst du am liebsten und was kannst du gar nicht?

Fangen wir mit dem an, was ich gar nicht kann: Gastronom. Das habe ich 8 Jahre lang versucht und ad acta gelegt, jetzt lasse ich mich lieber bewirten. Meine Stärken sind die kreativen Dinge: komponieren, texten, interpretieren und darstellen. Und ich habe ein Händchen dafür entwickelt, Dinge zu organisieren und Menschen zusammen zu bringen, die gemeinsam etwas Großes auf die Beine stellen wollen: So gibt es nun schon seit 16 Jahren die Röschen Sitzung, die ich organisiere.

Von deiner CD „Unterwegs“ verbinde ich drei Titel zu einer Frage: Ist dir "Berühmt sein" und "Geld" wirklich "Ganz egal"?

Erstens: Berühmt sein ist mir nicht wichtig, aber erfolgreich sein mit dem, was ich tue schon. Zweitens: Geld ist nur dann nicht wichtig, wenn man genug davon hat. Frei nach Marcel Reich-Ranicki: „Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“

Welche von deinen bisherigen sieben CDs war deine persönlichste und emotionalste?

Mein persönlichstes Album war „Nimm mich mit“, mit dem ich den Verlust einer Liebe verarbeitet habe, indem ich in 15 Songs die Geschichte von Anfang bis über das Ende hinaus erzähle. 

Welches Gefühl in dir ist stärker: Heimweh oder Fernweh?

Im Moment definitiv Fernweh, zumal ich gerade eigentlich für einen Monat durch ganz Thailand reisen würde. Ich hoffe, dass ich es nicht allzu lange dauert, bis ich das nachholen kann. 

Du stehst alleine auf deutschen Bühnen, hast aber auch – neben Claus Vinçon – einige Duettpartner gehabt. An welche Partner erinnerst du dich besonders und mit wem würdest du gerne?

Ich hatte und habe die besten Duettpartner, die man sich wünschen kann: Claus Vinçon, Carsten Düsener, Nina Moers, George Le Bonsai, Jürgen Thomas, Ralph Morgenstern, um nur einige zu nennen. Aber ich werde auch offen sein für die, die noch kommen... zum Beispiel würde ich gerne mit Heino Ferch vor der TV-Kamera stehen. Ich finde, wir könnten als ungleiche Brüder durchgehen.

Stephan Runge // © vvg

Hast du persönliche Lieblingssänger?

Da gibt es viele, allen voran David Bowie, der mich in seinem ganzen Schaffen immer wieder beindruckt hat. Ansonsten verliebe ich mich in jeden Sänger, jede Sängerin, die ich mit „Part of the Art“ covere, da durch die intensive Beschäftigung mit den Songs fast immer mein Respekt vor deren Leistung steigt.

Als „Part of the Art“ bist du mit Carsten Düsener erfolgreich. Stehst du lieber einsam oder gemeinsam auf einer Bühne?

Klare Antwort: ich habe mich allein auf der Bühne nie wirklich wohl gefühlt, ich liebe es, mit anderen gemeinsam aufzutreten. Je älter ich werde, desto mehr schätze ich es, Erfahrungen miteinander zu teilen, gemeinsam etwas Kreatives zu schaffen und sich darüber gemeinsam freuen (und selten auch: ärgern) zu können. Zur Zeit produzieren wir neue Songs, brav „corona-getrennt“, er arrangiert in seinem Homestudio, dann schickt er mir die Tracks und ich nehme die Vocals in meinem Homestudio auf. Ein Hoch auf die moderne Technik! Für das Spätfrühjahr ist eine Reihe von Single-Veröffentlichungen neuer Coverversionen geplant. Wir haben also noch einiges zu tun. 

Dein komödiantisches Talent zeigst du seit Jahren bei der Röschen Sitzung, gibt es schon Pläne für die nächste Session?

Es gibt noch keine Pläne für die nächste Session, das ist in Zeiten von Corona auch etwas schwierig, da wir nicht wissen, was die Zukunft bringen wird. Aber eines steht fest: Es wird eine nächste Session geben.

Mit wem singst du auf ganz privater Ebene, soll heißen: bist du Single?

Gute Frage: Ich bin Single, chatte und skype aber täglich mit jemandem, der nicht in Deutschland lebt. Von daher fühle ich mich nicht „ungewollt“. 

Einer deiner Hits heißt „JA“, wenn der Richtige kommt, geht es dann zum Standesamt?

Ich lebe im Hier und Jetzt, da steht das zur Zeit nicht an. Ich würde es allerdings nicht ausschließen, und ich finde es richtig und wichtig, dass wir uns dieses Recht erstritten haben.

Ein zweiter Hit heißt „Ich kann nicht schlafen“ - Was macht dich schlaflos?

…wenn ich zwischenmenschliche Dinge nicht geklärt oder nicht ausgesprochen habe, wenn ich das Gefühl habe, dass ich einer Situation nicht gewachsen bin, ob nun beruflich oder privat. 

Ein dritter Song heißt „Ohne mich“ - Was käme für dich nieeeee in Frage?

Weder eine Teilnahme bei „Prince Charming" noch bei „Let`s Dance“, „ Promis unter Palmen", „Dschungelcamp" oder „Sommerhaus der Stars".

Was willst du im Leben noch unbedingt machen?

Alles, was ich machen will, mache ich zur Zeit: Kreatives Arbeiten füllt mich aus. Natürlich habe ich noch Wünsche: Ich möchte mehr als Schauspieler vor der Kamera stehen, möchte mehr Auftritte mit „Part of the Art“ haben und  auch in Zukunft noch reisen können, um andere Menschen und Kulturen kennenzulernen.

Was gibt es aktuell noch Neues von dir?

Zur Zeit nehme ich neue Songs für „Part of the Art“ auf. Ich habe bei „United in Diversity“ mitgewirkt, wo Künstler aus ganz Europa gemeinsam eine Popversion der „Ode an die Freude“ singen. Der überparteilichen Initiative „Tu was für Europa“ geht es hierbei um die europäische Solidarität. Das gemeinsame Video ist bereits online, bald kann sich dort jeder beteiligen, der mitsingen möchte. Außerdem arbeite ich weiter an einem Album meines Ambientmusikprojekts „Batara“, womit ich vor einigen Wochen das zweite Album „Spring of Life“ inklusive selbstproduzierten Landschaftsvideos veröffentlicht habe. Hört da mal auf Spotify, YouTube, Facebook oder allen bekannt Downloadportalen rein, ich würde mich freuen.

Auch Interessant

Leserumfrage

Wenn du noch einmal Kind wärst?

Ich würde nichts in diesem Leben ändern wollen. Es war eine sehr lehrreiche, prägende Zeit gewesen. Ich wusste immer, was ich wollte.
Im Interview

Mathias Richling

Mathias Richling ist Kabarettist, Parodist, Autor und Schauspieler. Neben seinen Life-Auftritten ist er mit seiner Show einem breiten Publikum bekannt
Pflegedienstleiter erzählt

Ich hatte Corona

„Die ersten Tage gab es bei mir kaum einen Unterschied zur Grippe, die ich vor ein paar Jahren mal hatte.“
LIEBE - PÄRCHEN MAI 2020

Dustin und Burton

Unser Paar des Monats Juni lebt auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans. Dustin (40) und Burton (39) wuchsen beide im Staat North Carolina auf.
Im Interview

Nina Vorbrodt

Nina Vorbrodt ist Schauspielerin und begann ihre Karriere mit 16 Jahren in der „Lindenstraße“. Nach drei Jahren erreichte sie ihren Durchbruch.
Global Pride 2020

Christopher Street Day - online

Der ‚Global Pride‘, macht es möglich 2020 zusammen zu feiern und die Stimme zu erheben. SCHWULISSIMO spricht mit European Pride Organizers Association
Young & Successful

Daniel Ludi

Kennt ihr Daniel Ludi? Nein?! Na, ein Glück sind wir da, um euch von diesem 23-jährigen Wunderknaben zu erzählen und diese Wissenslücke zu schließen. 
Leserumfrage

Der Tag an dem CORONA kam ...

Die derzeitige Situation, die so knackig wie euphemistisch gerne als Corona-Krise bezeichnet wird, schlägt mir immer wieder mal aufs Gemüt.