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Matthias Richling // © vvg

Im Interview Mathias Richling

vvg - 28.06.2020 - 10:00 Uhr

Mathias Richling ist Kabarettist, Parodist, Autor und Schauspieler. Neben seinen Life-Auftritten ist er mit der Mathias Richling Show einem breiten Publikum bekannt.

 

Sie sind das mediale Aushängeschild des deutschen Kabaretts.Wie stehen sie zu dieser Aussage?

Du liebe Zeit. Ich hab mir das nicht ausgedacht. Wie ich mir überhaupt niemals Kommentare, auch nicht in Kurzform, über mich ausdenke. Ginge es auch eine Nummer kleiner?


Wie hat sie der Corona -Virus persönlich betroffen?
Wie jeden. Vorstellungen wurden abgesagt, verschreckte Menschen verzichteten auf Kontakte. Aber ich habe, wie wenige, halt das Glück, dass ich seit Jahrzehnten homeoffice mache: da schreibe ich meine Texte für die "Mathias-Richling-Show", die der SWR produziert. Und bin ich immer froh, wenn ich die Tür hinter mir zumachen kann. Aber zu sehen, wie Freunde und Bekannte und Kollegen verzweifelt und ratlos sind in dieser Zeit, ist auch persönlich sehr deprimierend.

Und wie künstlerisch?
Künstlerisch und persönlich ist bei mir nicht auseinander zu halten.


Stehen sie in der momentanen Krisenzeit besser da, weil sie ohne Bühnenauftritte noch das Fernsehformat bedienen können?
Ein bißchen. Aber die Vorstellungen machen schon den größten Teil vom Etat aus, zumal ich vier Mitarbeiter habe, die ich NICHT in die Kurzarbeit schicken wollte.

 
Ist der 2020 Jahrgang bisher ein schlechter für das Kabarett?
2020 war bisher genauso schlecht - thematisch - wie jedes einzelne Jahr in den letzten 100 Jahren.


Gerät das klassische Kaberett gegenüber Comedy im letzten Jahrzehnt ins Hintertreffen?
Nein. Es bringt doch wirklich nichts, dauernd Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Kabarett ist Kabarett und Comedy ist Comedy. Von den Mitteln mischt es sich hie und da. Aber die Oper gerät auch nicht ins Hintertreffen wegen der Volksmusik. Sie hat vielleicht mehr Fans als die Oper, aber was sagt das schon.

 
Sie betreiben in ihren TV-Shows einen maskenbildnerischen Aufwand, den man sonst nur von Sketchup kannte? Wird der aussterben?
Kann sein.

Sind sie ein politischer Mensch?
Ist die Frage ernst gemeint? Wenn ja, brauch ich sie, glaube ich, nicht zu beantworten.


Wie lautet ihre Lebensphilosophie?
Die wechselt wirklich täglich, vor allem, dass sie wirklich täglich wechseln sollte.


Wagen sie den Ausblick zum Ende der gegenwärtigen Krise?
Bitte nicht. Ich verwende keine Glaskugeln. Aber ich zähle natürlich eins und eins zusammen, und kann mir nur schwer vorstellen, dass bei diesem totalen lockdown über Wochen,im Gegensatz zum Beispiel zu Schweden und asiatischen Ländern, bei den vielen Pleiten und Insolvenzen von den zehn Millionen Kurzarbeitern jetzt danach auch nur die Hälfte wieder in ihre Arbeit zurückkehren kann. Und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die bisher angehäuften Staatsschulden von 2 Billionen, die sich in den letzten zwei Monaten mit weiteren 2 Billionen bereits verdoppelt haben, abgetragen werden sollen. Aber das alles sind Fragen und keine Antworten. Tut mir leid, wenn ich da nicht schönmalen kann.


In ihrer Satire 2084 frei nach Orwell, ist der Papst homosexuell? Wie ist ihr Verhältnis zur Kirche?
Es ist ein Verhältnis aus sehr weiter Ferne. Dafür meistens begleitet mit um so größerer Fassungslosigkeit.


Bedarf es Katastrophen, um sich auf die Menschlichkeit in einer Demokratie zu besinnen?
Vermutlich ja.

Matthias Richling // © vvg

Sie treten häufig als Angela Merkel auf. Hat sich ihre Darstellungsweise in ihren 16 Jahren Kanzlerschaft verändert?
Wenn wir davon ausgehen wollen, dass sich Frau Merkel verändert hat in 15 Jahren, hat sich selbstverständlich auch meine Darstellung von ihr verändert.

 
Was würden sie machen, wenn sie für einen Tag an ihrer Stelle wären?
Ich würde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren.


Brauchen sie Putin, Erdogan, Johnson oder Trump etc., damit sie gesellschaftskritische Satire machen können?
Um Himmels Willen, das wäre ja nun wirklich l'art pour l'art. Nur damit ich Satire machen kann, wünsche ich mir doch keine Diktatoren, Menschenschänder, Grundrechtsvergewaltiger. Wenn in dieser Frage eine Unterstellung versteckt sein sollte, verbitte ich sie mir.


Was wollten sie als Kind werden?
Ich wollte das werden, was mein Vater war. Jetzt werden Sie fragen, was war mein Vater? Das wusste ich als Kind nicht.


Wovor haben sie in der gegenwärtigen Zeit Angst?
Ängste sind mir zu privat. Darüber spreche ich nicht öffentlich.


Was macht sie wütend?
Das vergesse ich leider immer, wenn die Wut verraucht ist. Weil mir zum Erinnern an die Wut das Gen fehlt, nachtragend zu sein.


Gibt es schon Licht am Ende des Tunnels, dass sie uns verraten können, wann und wo sie wieder auf den Bühnen stehen?
Da ich wie alle Theatermenschen und Kollegen für die Bundes- und Landesregierungen am Ende der geistigen Ernährungskette stehen, ist für diese Saison für uns alles abgesagt. Also warten wir jetzt auf September. Im Kölner Volkstheater spiele ich jedenfalls am Donnerstag, den 8.April 2021. Dann aber !!!

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