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Adam Lambert // © Joseph Sinclair

Im Interview Adam Lambert

ks - 08.11.2019 - 10:00 Uhr

Perfektes Timing: Queen und Adam Lambert kündigen für 2020 drei Deutschland-Konzerte ihre „Bohemian Rhapsody“-Tour an. Und Lambert (37, über fünf Mio. verkaufte Tonträger) mit „Velvet: Side A“ den ersten Teil seines vierten Studioalbums. Darauf schlägt der sonst so stimmgewaltige Queen-Sänger mit Falsettgesang ganz neue Töne an. Aber nicht nur in der Musik scheint der US-Amerikaner bei sich angekommen zu sein, auch im Leben: Seit einem Jahr ist er glücklich mit dem spanischen Model Javi Costa Polo liiert. Welchen Einfluss die Liebe auf sein neues Album nahm, welche Identitätskrisen er zu überwinden hatte und wie ihm Roger Taylor und Brian May von Queen dabei halfen, erklärte Lambert beim Interview in Berlin.

 

Mr. Lambert, im Freddie-Mercury-Biopic „Bohemian Rhapsody“ hatten Sie 2018 einen Cameo-Auftritt. War es Ihnen eine Freude, einen Stricher zu spielen?

Moment! Ich spielte einen Trucker, keinen Stricher! Ich denke nicht, dass der Typ für Sex bezahlt wurde, sondern um einen LKW zu fahren. (lacht)

Aber dass ausgerechnet Sie im Film mit Freddie Mercury anbändeln, gefiel Ihnen?

Ich habe sofort gesagt: „Klar, das wird ein Spaß!“ Ich bin der erste Mann, auf den Freddie ein Auge wirft. Das ist wunderschöne, süße Ironie, nicht wahr? Ich muss allerdings sagen: Es war eine eiskalte Nacht, als wir die Szene drehten. Da fielen die warmen Gedanken schwer.

Die Leute, die immer noch Kritik daran üben, dass Queen mit einem anderen Sänger auf Tour gehen, muss das ein Dorn im Auge gewesen sein.

Sicherlich! Aber der größere Stinkefinger an die Hater ist die gemeinsame Dokumentation, die Queen und ich rausgebracht haben. Es ist nun mal so: Brian May und Roger Taylor haben einige dieser Songs geschrieben. Sie haben jedes Recht, dort rauszugehen und sie zu performen. Aber: Sie brauchen einen Sänger. Also singe ich diese verdammt großartigen Songs für das Publikum. Unter uns dreien ist das nicht sehr kompliziert. Aber es ist interessant, dass es ab und an immer noch Leute gibt, die meinen, mir mitteilen zu müssen, dass Freddie besser ist.

Ihre Reaktion darauf?

Freddie ist der Mann für den Job! Es ist ja auch sein Zeugs. Ich wüsste gar nicht, wie ich diese Stücke zu singen hätte, wenn Freddie es mich nicht gelehrt hätte. Aber es ist kein Wettbewerb.

Jetzt stapeln Sie aber tief. Sie haben mit Ihrer Stimme sogar Cher bei der Vergabe des Kennedy-Preises zum Weinen gebracht.

Ich war unglaublich nervös bei dem Auftritt! Ich war gejetlagged, und mein Adrenalin geriet außer Kontrolle. Normalerweise bin ich abgebrühter. Doch manchmal bringt so ein Adrenalin-Schub ein großes Maß an Verletzlichkeit zum Vorschein. Emotional waren meine Kanäle weit offen. Aber das machte den Auftritt erst so besonders.

Fühlen Sie sich sicher mit Ihrer Stimme?

An guten Tagen. Ich bin mein schlimmster Kritiker und ein Perfektionist. Ich gehe hart mit mir ins Gericht. Bei Konzerten habe ich manchmal in der Mitte eines Songs die Eingebung: Oh, das läuft nicht gut. Dann gehe ich von der Bühne und schimpfe: „Das war schrecklich, richtig Scheiße.“ Wenn ich mir ernsthaft Sorgen mache, schaue ich es mir danach auf YouTube an, um zu sehen, wie schlecht es war. Meistens denke ich dann: Es klingt doch okay.

Gibt es etwas, was Sie stimmlich aus der Komfortzone bringen könnte?

Auf meinem neuen Album habe ich mich ganz eindeutig aus der Komfortzone rausbewegt! Ich habe mehr Soul reingebracht, Melodie und Phrasierung. Das war eine Herausforderung. Denn ich liebe Soulmusik schon so lange. Ich benutze mehr Falsett als sonst, was sich gut und anders für mich anfühlt. Prince war diesbezüglich eine Inspiration. Früher dachte ich immer: Was kann ich tun, um aufzufallen? Diesmal war es mir wichtiger, den richtigen Vibe zu finden als mit meinem Stimmvolumen anzugeben.

Der Sound klingt sehr sexy.

Ich mag Musik, die eine Stimmung kreiert. Ob das nun verspielt oder tanzbar oder eben sinnlich-sexy ist. Einige der Songs entführen ins Schlafzimmer, andere auf den Dancefloor, einer ganz eindeutig in die Küche. Mir gefällt die Idee, dass Musik das Gefühl des Moments verändern kann. Sie ist dann wie Medizin.

Wenn ich Sie nach Ihren Karriere-Highlights frage: Wären das eher Queen-bezogene Momente oder Solo-Aktivitäten?

Sowohl als auch. Dass ich beide Sachen sehr aktiv machen kann, macht es für mich so besonders. Ein Höhepunkt mit Queen war definitiv, die diesjährige Oscar-Verleihung eröffnet zu haben. Das war verrückt. Dass mein zweites Solo-Album auf Platz 1 ging und ich damit zum ersten, offen schwulen Künstler in Amerika wurde, dem das gelang, ist ein Meilenstein! Als es passierte, konnte ich es selbst nicht glauben, dass ich der erste war. Und eine Grammy-Nominierung brachte mir die Platte auch noch ein. 

Adam Lambert // © Joseph Sinclair

Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich als Künstler noch etwas erkämpfen müssen?

Am Anfang war es das Stigma, ein Teilnehmer in einer Castingshow gewesen zu sein, gegen das ich ankämpfen musste. Aber heutzutage spielt das keine Rolle mehr. Ich vertraue meiner Arbeit, meiner Musik und meiner Kreativität mehr als jemals zuvor. In die neuen Songs habe ich viel Zeit investiert, sie zusammen mit großartigen Songwritern geschrieben. Aber es ist sehr einfach, von der Musikbranche verschlungen zu werden. Das habe ich am eigenen Leib erfahren.

In einem Instagram-Post bezeichneten Sie es als Ihre Identitätskrise.

Ja, so war’s. Ich bin nur noch dem Hit hinterhergejagt. Ich versuchte, die Musik für andere Leute zu machen, anstatt für mich selbst. Darüber hinaus steckte ich so viel Energie in meine Karriere, dass ich mein Privatleben total vernachlässigte. Aber das habe ich nun schon ein paar Jahre gut im Griff. Als ich es realisierte, hielt ich inne, sprach mit Freunden. Ich musste mich daran erinnern, warum ich das hier tue, was ich daran liebe, was meine Bestimmung ist, und wo meine Freude herkommt. Als ich dazu wieder Verbindung aufnahm, klärte sich alles auf. Die Musik für die Platte fügte sich. Trends im Radio waren mir egal. Ich folgte einfach meiner Intuition.

Brian May und Roger Taylor sollen Ihnen aus der Krise geholfen haben.

Einfach nur, in dem sie ein gutes Beispiel abgeben! Sie ereifern sich nicht an kleinen Dingen. Sie haben Erfahrung und so viel durchgemacht. Ihre Betrachtungen und Geschichten zu hören, halfen mir. Brian ist ja eh ein großer Freund des Kommunizierens. Von ihnen beiden umgeben zu sein, ist wundervoll lehrreich. Sie sind wahrhaftige Rockstars.

Sind Sie heute an einem guten Platz?

Oh ja. Ich habe jemanden getroffen, der meine Sicht auf viele Dinge verändert hat. Ich habe nicht aktiv nach ihm gesucht, es war Zufall, und es hat Klick gemacht. Das hat alles in mir wiederbelebt. Eine neue Romanze ist so inspirierend. Der Song „New Eyes“ ist diesbezüglich als Statement zu verstehen. Ich weiß jetzt erst wie schön es ist, einen Song mit einem Gefühl zu singen, dass du gerade wirklich empfindest.                                                                                 

Haben Sie die George-Michael-Dokumentation „Freedom“ gesehen? Darin spricht er darüber, wie toll es ist, diese eine bestimmte Person im Publikum zu haben, für die man jeden Abend singt.

Ja, das ist interessant: Wenn du ein Performer bist und du auf die Bühne gehst, bekommst du all die Energie vom Publikum. Dann ist die Show vorbei, du bist zurück in deinem Hotelzimmer, dem Bus, dem Flugzeug oder was auch immer. Und es fühlt sich an, als würde dich jemand von der Klippe schubsen. Es ist ein krasser Adrenalin-Abfall und nicht die einfachste Sache, damit umzugehen oder sich daran zu gewöhnen. Aber nun ist jemand bei mir, und wir bewundern uns gegenseitig. Das ist es, was Liebe macht.

Wie ist es mit Ihrer Selbstliebe? Der britische Popstar Sam Smith hat sich jüngst über Bodyshaming bei Männern ausgelassen. Sie haben den Beitrag auf Instagram geliked.

Das war so unglaublich mutig von ihm! Besonders, weil es da eine Art Doppelmoral gibt. Es gibt die Body-Positive-Bewegung bei Frauen. Aber es wird nicht oft darüber geredet, wenn es um uns Männer geht. Besonders die Schwulen-Szene hat eine sehr körperbewusste Community. Es existiert diese überhöhte Standard im Bezug auf körperliche Schönheit – ich behaupte, das ist sehr viel extremer als bei heterosexuellen Männern. Vieles geht darauf zurück, dass wir Gay-Männer erzogen wurden, uns nicht zu outen. Wir müssen mit all der Scham umgehen, wir fühlen uns komisch und anders oder auch einfach nur falsch. All diese Gedanken werden Teil deiner Körperlichkeit und der Art, wie du über deinen Körper denkst. Da ist also eine Extra-Schicht Mist mit der wir umgehen müssen.

Sie können sich also mit dem Thema verbinden?

Ich hatte immer meine Unsicherheiten! Ironischerweise ist der Platz, an dem ich mich am Wohlsten fühlte, auf der Bühne. Wenn es an der Zeit ist, mich aufzurüschen und zu tun, was ich tue, ist es gleichzeitig der Moment, aus dem ich meine Energie ziehe. Akzeptanz und Bestätigung bekomme ich durch Auftritte. Auf der Bühne treffe ich mein selbstbewusstes Ich. Aber in meinem Privatleben? Da zweifle ich oft an mir.

 

Wie reagieren denn Brian May und Roger Taylor, wenn Sie abends in Ihrer extravaganten Garderobe zum gemeinsamen Warmsingen kommen?

Ich trage jeden Abend dasselbe. Es ändert sich nur von Tour zu Tour. Aber klar, ich gebe mit meiner Kleidung auf alle Fälle ein Statement ab. Es hat sie definitiv gegeben, die Momente, in denen Roger und Brian die Kinnlade runterfiel, wenn ich in vollem Make-up vor ihnen stand. Aber wenn man zurückblickt auf die Klamotten, die Freddie trug, sind die auch sehr abgedreht. Für mich ist diese Erscheinung Teil von Queen.

Inwiefern?

Ich liebte Freddies Outfits. Da war auch immer ein Element von Comedy enthalten. Er hat sich nicht zu ernst genommen; er wusste, dass funkelnde Catsuits auch immer etwas Lächerliches haben. Aber darum ging’s eben. Das war das Spiel, das er kreierte. Etwas launisch und übertrieben musste es sein. Das machte Freddie und Queen so besonders. Dieser „Camp“-Faktor ist in unserer Generation verlorengegangen. Jemand trägt etwas, und die Leute denken, er nimmt sich durchweg ernst. Die Meisten verstehen nicht mehr, was Campsein bedeutet.

Roger Taylor nannte Sie den „Camp Elvis“.

Ja, der hat’s kapiert! Ich habe das immer geliebt, bezüglich meines Outfits mit Albernheit zu spielen. Das ist für mich Rock’n’Roll.

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