Direkt zum Inhalt

Kein Bullshit mehr bitte! Leere Versprechungen über die Lage der Homosexuellen im Emirat

Von ms - 26.09.2022 - 11:00 Uhr
Kein Bullshit mehr bitte!
Foto: IMAGO / MIS
ANZEIGE
Loading audio player...

[Kommentar]

Liebe FIFA, liebe anderen Fußballverbände, liebe politisch-korrekten Politiker*innen, können wir bitte endlich einmal Klartext reden? Bitte! Keinen Bullshit mehr! Seit Monaten müssen wir uns nun von diversen Seiten immer wieder anhören, wie sicher homosexuelle Touristen im November bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar wären. Natürlich nur, insofern sie bitte in den Hotels und im Land selbst nur sehr dezent herumspazieren, sodass bitte niemand auf die Idee kommt, es handele sich um ein schwules Paar. Aber alle sind natürlich herzlich willkommen, sagt die FIFA, während ihnen aus den dicken Taschen die Dollarbündel herausquellen. Willkommen, natürlich, nur bitte ohne Symbole der Gay-Community wie der Regenbogenfahne, erklärt der zuständige Botschafter Katars mit einem Lächeln, das einen Bond-Bösewicht gut zu Gesicht stehen würde. Aber trotzdem natürlich stets willkommen, winselt die FIFA unterwürfig in die Mikrofone. Vielleicht zieht sie aber auch nur das Gewicht der schweren Geldkoffer auf die Knie?

Und der Deutsche Fußballbund? Natürlich wolle man ein klares Zeichen für Menschenrechte, Vielfalt und das ganze Gedöns aussenden, aber bitte so, dass es jeder nach eigenem Belieben so interpretieren kann, dass es das persönliche Weltbild nicht stört. Da wollte der DFB doch noch einmal klar und deutlich Kante zeigen in Katar. Passiert ist nichts. Jetzt feiert man sich zusammen mit anderen europäischen Fußballvereinen für eine Kapitänsbinde, die ein buntes Herz mit der Aufschrift “One Love“ zeigt. Das hat zwar mit dem weltweiten Symbol für Gleichberechtigung und Akzeptanz für LGBTI*-Menschen, der Regenbogenflagge, rein gar nichts mehr zu tun, aber wer wolle, der könnte sich das ja selbst frei interpretiert hineindenken. Sagen wir es noch einmal: Bullshit. Am Wochenende säuselte noch Bundeskanzler Olaf Scholz nach einem abgeschlossenen Gas-Deal zwischen Deutschland und Katar in die Kameras, dass die Menschenrechtslage nicht ganz dem entspreche, wie man sich das hier in der Bundesrepublik so vorstelle oder wünsche, aber Katar arbeite eben daran. Na, dann ist doch alles prima, oder?

Die Krönung kommt nun zuletzt von der Football Association (FA), die ihren schwulen Fans zu Beginn dieser Woche versicherte, sie könnten sich selbstverständlich in Katar küssen oder Händchen halten und würden dafür nicht verhaftet. Mark Bullingham, der Geschäftsführer der FA, versprach freies Geleit für schwule Touristen, denn immerhin hätten die Polizisten des Emirats eine Schulung absolviert und seien jetzt angewiesen, während der WM tolerant zu sein. Auch Regenbogenfahnen dürfe es geben, außer, sie würden als Provokation verstanden werden. Was als eine Provokation verstanden werden will, ist indes natürlich ein weites Spielfeld, man erinnere sich daran, dass Polizisten in Katar erst vor wenigen Wochen unzählige Kinderspielsachen in Regenbogenfarben beschlagnahmt hatten, aus Angst, diese könnten für Homosexualität werben.

Aber lassen wir uns noch einmal, just for fun, diesen einen Satz von Bullingham auf der Zunge zergehen: Die Polizei wird angewiesen, während der WM tolerant zu sein. Was danach geschieht, interessiert offensichtlich niemanden, ebenso wenig wie das, was zuvor seit Jahren in dem Land geschehen ist. Schwule Männer, die von Familienmitgliedern gesteinigt werden, junge Homosexuelle, die für einen Kuss jahrelang ins Gefängnis kommen oder direkt mit der Todesstrafe belegt werden. Ganz zu schweigen von den geschätzten 15.000 Gastarbeitern, die während dem Bau der Stadien, in denen die Welt jetzt einmal mehr “zu Gast bei Freunden“ ist, grausam aber dafür wenigstens schön lautlos krepiert sind. Passend dazu startet die WM im November am Totensonntag – mehr Satire geht nicht. Also, liebe Fußballvereine, liebe Vielfalt-säuselnden Politiker hier wie anderenorts, können wir nicht einfach einmal ehrlich miteinander sein? Menschenrechte und die Lage von Homosexuellen in Katar sind euch komplett egal, solange das Emirat genug Geld und Gas in die Welt hinausfeuert. Immerhin wollen wir hier in Deutschland ja auch nicht im Winter frieren – diese klirrend-kalte Gefahrenlage in deutschen Wohnungen kann der Homosexuelle im heißen Katar gar nicht nachvollziehen, denn dem ist sicherlich schön warm auch im Winter, während er nach Abzug der Fußball-Folkloregruppe am Strick erstickt. Aber wenigstens muss er dabei nicht frieren – mehr Einsatz für Menschenrechte können wir uns wohl einfach nicht leisten.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

BILDCSD-Terrorist Abdul Ballout - Justiz ließ ihn vor Anschlag immer wieder laufenSüddeutsche ZeitungVeranstaltung in Garching: Fundamentalistische Hassbotschaften im BürgerhausDER STANDARDMit Troye Sivans "She’s The Best" auf der etwas anderen PartytazRazzien gegen Queers in der Türkei: Finsternis am BosporusAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Sollte die geplante automatische Weitergabe sensibler Daten in Baden-Württemberg verhindert werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Asylrecht unter Druck

Amnesty und LSVD+ warnen

LSVD+, Amnesty und 36 Vereine fordern die Bundesregierung auf, das Asylrecht zu verteidigen und eine Aufweichung von EU-Grundrechten zu verhindern.
Amoklauf in Bayern

Neue Details zum Hintergrund

Nach dem Amoklauf von Schongau lenkt ein von Queerfeindlichkeit und Rassismus geprägtes Manifest den Blick auf versäumte Präventionsmöglichkeiten.
Nacktheit bei Heated Rivalry

Intime Dreharbeiten ohne Grenzen?

Die Hauptdarsteller von „Heated Rivalry“ waren zu kompletten Frontalnacktaufnahmen bereit. Regisseur Jacob Tierney entschied sich jedoch dagegen.
Frauen und Schwulenpornos

Besonderer Reiz für die Damenwelt

Die Hälfte des Publikums schwuler Pornos auf Pornhub ist inzwischen weiblich. Studien zeigen, warum Frauen Sex zwischen Männern so interessant finden.
Spätes Coming-Out mit 40

Saunabesuche, Sex und Politik

Der bekannte britische Radiomoderator Iain Dale spricht über Homophobie bei den Tories, sein spätes Coming-Out und sein früheres Sexleben.
Polizeieinsatz bei Halk TV

Türkei geht erneut gegen Medium vor

Nach einer Razzia bei Halk TV in der Türkei übernimmt der Staat jetzt die Kontrolle. Die Opposition kritisiert den Eingriff in die Pressefreiheit.
Social-Media-Verbot kommt

Regierung verschärft Jugendschutz

Die Bundesregierung plant strengere Social-Media-Regeln für Minderjährige. Für queere Jugendliche geht es dabei auch um wichtige Schutzräume.
Pentagon-Chef unter Druck

Kritik an US-Verteidigungsminister

Der schwule Demokrat Pete Buttigieg wirft US-Verteidigungsminister Pete Hegseth strategisches Versagen im Iran-Krieg vor und fordert seinen Rücktritt.
Kein Geld mehr für LGBTIQ+

Florida streicht Museumsförderung

Das bekannte LGBTIQ+-Museum in Florida verliert seine Förderung. Die Leitung kritisiert den Einfluss neuer Gesetze und fordert politischen Widerstand.