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Jede dritte HIV-Diagnose kommt zu spät Zu wenig HIV-Infoangebote, zu viel Stigmatisierung

Von ms - 21.04.2022 - 18:00 Uhr
Jede dritte HIV-Diagnose kommt zu spät // © IMAGO / Xinhua
Foto: Jede dritte HIV-Diagnose kommt zu spät // © IMAGO / Xinhua
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Studienergebnisse des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin zeigen auf, dass jede dritte HIV-Diagnose in Deutschland zu spät gestellt wird, sodass sich bereits ein schwerer Immundefekt entwickeln konnte. In der Studie wurden die gesetzlichen Meldedaten von rund 10.000 HIV-Neudiagnosen in einem Zeitraum von sieben Jahren überprüft. Bei rund 13 Prozent aller Neudiagnosen wurde die Krankheit sogar erst festgestellt, als AIDS bereits ausgebrochen war.

Dabei gibt es deutliche Unterschiede zwischen Männern, die Sex mit anderen Männern haben (MSM) und heterosexuellen Menschen. In absoluten Zahlen finden sich die meisten Spätdiagnosen bei schwulen Männern, statistisch umgerechnet im Vergleich auf die Anzahl der Infizierten ist die späte Diagnosestellung bei heterosexuellen Menschen signifikant höher, oftmals wohl einfach deswegen, weil eine HIV-Diagnose zu Beginn einer Behandlung für viele Ärzte von heterosexuellen Menschen oft nicht mitgedacht wird.

Bei schwulen Männern gibt es indes deutliche Unterschiede mit Bezug auf ihren Wohnort – vor allem in ländlichen Regionen wird eine HIV-Infektion oftmals zu spät beziehungsweise erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt. Erklärungsversuche gründen sich zum einen auf ein breiteres HIV-Wissen in der städtischen Gay-Community und zum anderen auch auf die stark verminderten Testmöglichkeiten und HIV-Schwerpunktpraxen im ländlichen Raum.   

Die leitende Epidemiologin Annemarie Pantke vom Robert Koch-Institut untersuchte dabei auch, inwieweit soziale Verhältnisse die Ursache für späte Neudiagnosen sein könnten.Im Kern geht es dabei um drei Punkte: die finanziellen und sozialen Lebensverhältnisse, die Bildung und das Stadt-Land-Gefälle. Für die Studienarbeit wurde dabei der Berufs-, Bildungs- und Einkommensstatus von HIV-positiven Personen genauer untersucht.

Im Gespräch mit dem magazin.hiv sagte sie: „Wir wissen aus der Gesundheitsforschung bereits, dass ein niedriger sozioökonomischer Status mit schlechteren gesundheitlichen Outcomes einhergeht, wie zum Beispiel einem höheren Risiko für Grunderkrankungen oder auch einer niedrigeren Lebenserwartung. Im Hinblick auf HIV und Aids gibt es Studien dazu vor allem aus den USA, die zeigen, dass Menschen mit geringen sozioökonomischen Ressourcen ein höheres HIV-Risiko wie auch ein höheres Sterblichkeitsrisiko haben.“

Wie wichtig eine rechtzeitige Diagnose und anschließende Therapie gerade auch mit Blick auf die Langzeitfolgen sind, bestätigte auch Dr. Stefan Esser vom Universitätsklinikum Essen im Interview mit SCHWULISSIMO. Der Facharzt ist seit 2004 Leiter der HIV HEART Aging Studie und untersucht, wie Menschen mit HIV altern.

Dabei zeigt sich ganz klar, dass HIV-positive Menschen ein erhöhtes Risiko für Krebs –und Herzerkrankungen haben, vor allem dann, wenn die Diagnose und die Behandlung lange Zeit verschleppt wird: „Eines der wichtigsten Schritte, um das Risiko von anderen Erkrankungen für HIV-Positive zu minimieren, ist, so früh wie möglich die HIV-Infektion zu diagnostizieren. Das Allerwichtigste ist die regelmäßige Einnahme der antiretroviralen Therapie“, so Esser.

In Deutschland bleibt laut Pantke vom RKI die größte Herausforderung im Hinblick auf HIV weiterhin, Spätdiagnosen zu reduzieren. Das bleibe die „wichtigste Baustelle“ auf dem Weg zum Ziel, AIDS zu beenden. Aktuell gibt es in Deutschland rund 90.000 registrierte Menschen mit einem positiven HIV-Status. Schätzungen gehen von weiteren rund 15.000 Menschen aus, die nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind.

Neben dem strukturellen Ausbau eines HIV-Praxisangebotes auf dem Land plädiert Pantke zudem dafür, das Bewusstsein über eine mögliche Erkrankung auch unter heterosexuellen Menschen zu steigern und allgemein die immer noch vorhandene Stigmatisierung abzubauen, sodass sich mehr Menschen lieber früher als zu spät testen lassen.

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