Robert Dadanski Queeres Leben in Polen
„Natürlich gibt es immer etwas, das schlimmer ist, deshalb muss man aber nicht auf seine Rechte verzichten“
Vor nicht allzu langer Zeit wurde in Deutschland, das Gesetz zur Öffnung der Ehe beschlossen. Der Christopher Street Day wird in nahezu jeder größeren Stadt ausgelassen gefeiert. Aber wie sieht das queere Leben eigentlich in einem unserer Nachbarländer aus? Der CSD in Bremen und der Verein Tolerado aus Danzig arbeiten seit März 2018 zusammen. Robert Dadanski, Vorstandsmitglied und Pressesprecher des CSD Bremen, ist selbst gebürtiger Pole. Er hat uns Einblicke in das queere Leben in seinem Heimatland gewährt.
Wie kann man die aktuelle Situation für Schwule und Lesben in Polen allgemein beschreiben?
Wenn ich jetzt den CSD in Danzig mit dem in Bremen vergleiche, dann macht das die Situation recht deutlich. Wir haben den CSD in Bremen letztes Jahr erstmals nach einer sehr langen Pause wieder organisiert. Als wir durch die Straßen liefen, kamen Passanten auf uns zu, umarmten uns und bedankten sich dafür, dass wir wieder einen CSD organisiert haben. Währenddessen sieht die Situation in Polen ganz anders aus. Dort wirft ein sehr großer Teil der Passanten mit Flaschen, Gemüse und Eiern nach den Demonstranten. Sie werden von allen Seiten beschimpft, es gibt Sitzblockaden gegen den CSD. 1000 Polizisten waren im Einsatz um die Demonstrierenden zu schützen. Die Beamten umzingelten sie, damit sie nicht angegriffen werden können. Auch Gegendemonstrationen gehören zum Bild einer CSD-Veranstaltung in Polen. Und das ist nicht nur zum CSD so. Auch sonst prägt das den Alltag der queeren Community dort. Würden zwei Jungs Hand in Hand durch die Stadt gehen, gehört es in Polen ja fast schon zum guten Ton, die Straßenseite zu wechseln, um dieses Pärchen zu verprügeln. Diskriminierung und Intoleranz sind in Polen durchaus tief verwurzelt. Die Menschen sind dort leidenschaftlicher, leider in diesem Punkt in einem negativen Zusammenhang.
Ist ein offen homosexuelles Leben überhaupt möglich? Muss man Angst haben seinen Job zu verlieren?
Man sollte es in Polen auf jeden Fall bedenken, sich zu outen. Hier in Deutschland gibt es diese Diversity-Bewegungen. Alle finden Diversity total toll, es gibt Unternehmen die unterschreiben die Charta der Vielfalt, alles ist super. Ob man dann eben tatsächlich etwas macht oder eben nicht, ist dann eine ganz andere Nummer. In Polen hingegen hat man vor Mobbing, nicht unberechtigt, Angst. Es ist sehr wahrscheinlich, dass man auf den einen oder anderen Menschen trifft, dem das egal ist, so wie meine Familie zum Beispiel. Keine Frage, es gibt auch tolerante Menschen, aber nichts desto trotz, denke ich, dass man im Büro und auf der Arbeit durchaus mit Mobbing zu rechnen hat. Auch Entlassungen sind eine Option.
Wie ist es für Transgender in Polen zu leben?
Schwieriges Thema. Transfrauen, also als Mann geborene trifft es meist schlimmer als Transmänner. Diese typische Männerrolle in Polen ist noch sehr stark verwurzelt. Ein polnischer Rechter zum Beispiel, wird die Transfrau als Mann identifizieren und in dem Moment wird er sie auch als Mann behandeln und keine Rücksicht nehmen. Die Polen kommen auf die Idee, dass es Transmenschen gar nicht gibt, sondern nehmen es als Krankheit oder Geistesstörung wahr.
Welche Rolle spielen dabei die römisch-katholische Kirche und die rechte Szene?
Manchmal habe ich das Gefühl, die römisch-katholische Kirche ist mit dem Tod von Johannes Paul II. zu Ende gegangen. Auf jeden Fall haben die Polen ab dem Zeitpunkt das TV ausgeschaltet und wissen nun nicht mehr, was in Rom los ist. Dass der aktuelle Papst Franziskus gesagt hat, man kann lieben, wen man will, ist in Polen gar nicht angekommen. Diese Liebe wird zwar von der katholischen Kirche nicht gleichgestellt, aber immerhin hat Franziskus einen Schritt gemacht mit seiner Aussage. Der polnische Papst Johannes Paul II., er war deren Papst, alles andere zählt irgendwie nicht mehr. Verbohrtheit gehört mit dazu.
Die rechte Szene ist nochmal eine ganz schwierige Geschichte. Zum Beispiel beim CSD in Danzig 2015. Da gab es das erste Mal eine Blockade von der Abgeordneten des Danziger Stadtparlaments, Anna Kolakowska. Sie hat sich dort hingesetzt und ich fand das irgendwie bezeichnend, als die rechte Szene, die hinter ihr stand, plötzlich die polnische Nationalhymne angestimmt hat. Was das damit zu tun hat, weiß ich nicht. Vielleicht sollten die mal auf die Landkarte schauen, es gibt kein Homoland. Ich verstehe auch den Zusammenhang nicht, warum man die Nationalhymne anstimmt, nur weil eine verwirrte Frau, die rein zufällig auch noch Abgeordnete der PIS-Partei ist, sich irgendwo hingesetzt hat. Die rechte Szene ist unwahrscheinlich Anti-LGBT eingestellt.
Welche Rolle spielt die Politik?
Die PO-Partei zum Beispiel hat keine großen Berührungsängste. Der Präsident der Stadt Sopot, die Nachbarstadt von Danzig, ist öffentlich geoutet. Die Stadt mag ihren Bürgermeister durchaus. Es gibt auch Parteien die tolerant oder liberal sind. Der Bürgermeister der Stadt Danzig zum Beispiel, war auch auf dem letzten CSD dabei und hat sich für Toleranz, Menschenrechte und ein tolles Miteinander ausgesprochen. Und die aktuelle Stadtregierung arbeitet mit dem Tolerado-Verein zusammen. Auf der anderen Seite gibt es eben die PIS-Partei. Ich kann diese Menschen nicht ernst nehmen und verstehe nicht, welche Sorgen und Ängste die haben. Die haben auch eine Propaganda gegen sämtliche LGBTI-Verbände und Vereine gestartet. Sie haben versucht allen Vereinen zu unterstellen, dass die Mittel für ihre Arbeit aus dunklen Quellen stammen würden. Wenn eine regierende Partei in Polen solche Sachen behauptet, dann hat man schon das Problem, dass die Bürgerinnen und Bürger die Spendenlust für solche Vereine verlieren. So hatte der CSD Danzig in diesem Jahr wirklich starke Schwierigkeiten das Geld für den CSD zu sammeln. In Polen ist die einzige Möglichkeit für Vereine an Geld zu kommen, durch Spenden. Das hat etwas mit dem Steuersystem zu tun. Also waren diese Behauptungen der PIS-Partei ein direkter Angriff auf die LGBTI-Vereine.
Ist ein friedlicher und ausgelassener CSD in Danzig so möglich, wie beispielsweise in den deutschen Städten?
Nein, friedlich und ausgelassen ist das in jedem Fall nicht. Diese CSD-Gemeinschaft ist eingekesselt und von Polizei geschützt. Also Schminke und Verkleidung, wie bei uns in Deutschland sollte man besser vermeiden, weil man das hinterher nicht schnell genug abgewaschen bekommt, denn wenn der CSD sich auflöst, springen die Beteiligten in alle Himmelsrichtungen, um nicht aufzufallen. Man muss ja nach diesem Zug noch durch die Stadt, um nach Hause zu kommen. Denn nach dieser Veranstaltung hat man persönlich ja keinen Polizeischutz mehr. Die Kundgebung vor dem CSD findet in Form einer Veranstaltung in einer abgeschlossenen Halle statt, welche auch gesichert wird. Dann kommt der ganze CSD aus der Halle, geht einmal gemeinschaftlich durch die Stadt und danach lösen sich alle auf.
Wie ausgeprägt ist die schwule Szene? Auch hinsichtlich auf Clubs und Bars.
Vergleicht die Szene in Polen, mit der in Deutschland in den 60er oder 70er Jahren. Als ich 18 Jahre alt war, fand ich es ganz spannend, dass alle Clubs und Kneipen, die ich besucht habe, draußen eine Klingel hatten. Damals habe ich nicht verstanden warum. Heute weiß ich, dass man damals erstmal schauen konnte, wer da vor der Tür stand. Ob Hooligans oder sonst wer, der Gefahr bedeuten könnte. Das ist heute in Polen noch immer so. Es gibt vereinzelt ein paar Clubs, ich glaube in Danzig sind es zwei. Also ich glaube Deutschland in den 70ern trifft es ganz gut.
Welche Möglichkeiten haben gleichgeschlechtliche Paare, hinsichtlich der Ehe oder einer Lebenspartnerschaft?
Am besten sie bleiben zu Hause im Wohnzimmer. Ansonsten gibt es wenige Möglichkeiten als Paar aufzutreten. Die Polen haben keine Gesetze hinsichtlich der Ehe oder etwas ähnlichem. Die Diskriminierungsgesetzte sind dort nicht so geregelt, dass Diskriminierungen gegen LGBT, mit in das Gesetz einfließen. Also die sind gesetzlich und in der Rechtsprechung so weit zurück, dass man gar nicht von den Möglichkeiten eines gemeinsamen Auftritts sprechen kann. Man kann natürlich als Paar durch die Stadt gehen, aber dann hat man halt andere Schwierigkeiten. Auf der Rechtsebene gibt es nichts.
Was muss sich deiner Meinung nach schnellstmöglich ändern?
Wir in Deutschland und Europa müssen erstmal begreifen, dass Diskriminierung und diese Steinzeit-Mentalität nicht so weit weg sind. Viele sagen immer: „Sei froh, dass du nicht im Irak oder Iran wohnst. Hier hast du es doch ganz gut.“ Dieser Satz ist aus zwei Gründen ganz schlimm. Zum ersten, gibt es natürlich immer etwas, das schlimmer ist, aber deshalb muss ich nicht auf meine Rechte verzichten oder irgendwo menschenunwürdig leben. Und zum anderen schiebt es diese Diskriminierungsgesetze ganz weit weg in die Ferne. Ich sage immer: Stuttgart und München sind von Bremen aus gesehen, weiter entfernt als Polen. Warum gebt ihr mir die Beispiele vom Iran und Irak, wenn Polen direkt nebenan ist? Polen ist ein Mitgliedsstaat der EU, sehr viele Polen leben in Deutschland. Warum hat diese Diskriminierung, die scheinbar im Osten Europas ansässig ist, keinen Einfluss auf Deutschland oder die EU? Die Polen haben ein Stimmrecht in der EU, sie sind Mitglied, es gibt keine Grenzen. Warum sprechen wir immer vom Iran und Irak, wenn es um schlimme Situationen geht? Dafür müssen wir endlich mal ein Gefühl bekommen. Und wenn es unser Europa ist, dann müssen wir eben für unser Europa kämpfen. Oftmals muss man mit den Menschen einfach nur sprechen. Ich spreche gerade über die Situation in Polen mit euch von Schwulissimo und kann damit helfen, auf einen Missstand aufmerksam zu machen, wofür die polnische Presse sich nicht interessiert.
Möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen?
Könnt ihr euch noch erinnern, wie lange der Kampf in Deutschland gedauert hat? Er hat auf den Tag genau 38 Jahre gedauert. Am 30. Juni 1979 hat der erste CSD Deutschlands in Bremen stattgefunden und das Gesetz der Öffnung der Ehe kam, am 30. Juni 2017. Genau 38 Jahre. Und Polen steht quasi ganz am Anfang. Der erste CSD dort ist ein paar Jahre alt. Volker Beck hat sich eben mal die Nase blutig schlagen lassen. Man muss für sich und für andere einstehen und helfen. Unterstützung ist immer wichtig.