Gina Del Amore Ausgequetscht
Gina Del Amore ist eine bekannte deutsche Travestie-Künstlerin, die seit über 25 Jahren mit Gesang und Comedy nicht nur auf den Brettern, sondern auch auf den Planken dieser Welt steht. Wir haben sie zu einem Gespräch getroffen.
Du nennst dich auf der Bühne „Transistor“ und sprichst von dir als „Onkel-Tante“. Wie lange braucht der Onkel, bis er zur Tante wird?
Ich nehme mir dafür immer 90 Minuten Zeit, weil ich der Meinung bin, ich muss nicht nur das Gesicht und das Äußere verwandeln, sondern es muss auch die innere Verwandlung stattfinden. Das braucht Zeit, aber in absoluten Stresssituationen geht es auch einmal schneller.
Was haben Jens und Gina gemeinsam? Was unterscheidet sie?
Gemeinsam haben sie die Ideen für die Shows. Die Privatperson Jens ist introvertierter, zurückhaltender. Gina ist kontaktfreudig und hat das größere Mundwerk. Allerdings kommt aus Jens, wenn er mit Freunden unterwegs ist und der Alkoholpegel etwas ansteigt, auch schon einmal die Gina raus.
Seit wann stehst du auf der Bühne?
1999 hat es angefangen, ich bin jetzt also in meinem 27. Jahr. Ich wollte eigentlich Lehrer werden, hatte an der Uni Essen Germanistik und Sozialwissenschaft studiert. Während einer Autofahrt mit Tim, einem guten Freund von mir, hörten wir Musik von Mary & Gordy. Als ich kräftig mitsang, lobte Tim, der semiprofessionell als Zauberer auftritt, meinen Gesang und fragte, ob ich nicht auch auf die Bühne wollte. Zuerst war meine Antwort, dass ich niemals im Fummel auftreten wollte. Schon einen Monat später zum Karneval änderte ich meine Meinung, kaufte mir Kleidung und ließ mich von Tim schminken. Kurz darauf lernte ich den Travestiestar Miss Monique kennen, die mich an die Hand nahm und mir alles beibrachte, was man als Transistor braucht. An den Wochenenden war ich dann immer showmäßig unterwegs.
Kannst du uns und unseren Lesern einmal den Unterschied zwischen Drag und Travestie erläutern?
Drag ist die Abkürzung von „Dressed Resembling A Girl“ – als Mädchen gekleidet – und kommt aus dem Englischen um die Zeit von 1900. Während der Begriff Travestie aus dem Französischen kommt und schon aus dem 16. Jahrhundert stammt. Damals war es den Frauen laut Gesetz untersagt, im Theater auf der Bühne zu arbeiten. Da mussten Männer die Frauenrollen spielen, und so ist die Travestie, die Kunst der Verwandlung, entstanden und hat sich zu einer eigenen Kunstform entwickelt.
Wie kam es dazu, dass du das professionell machst?
In den Anfängen haben meine gelegentlichen Auftritte mir oft finanziell den A**** gerettet. Ende 2017 bekam ich ein Angebot in Wolfsburg, das ich zunächst ablehnte. Als ich die Höhe meiner Gage erfuhr, sagte ich zu. Und es gibt ja keine Zufälle: Der Inhaber des „Don Juan“ hatte eine Freundin, die als Managerin tätig war. Seitdem ist Sanny meine Managerin und beste Freundin, die mich überallhin begleitet und der ich viel zu verdanken habe.
Das war dein erstes Mal im Fummel, und dein „erstes Mal“?
Ich hatte lange Zeit eine Freundin, obwohl wir beide noch zu Hause wohnten. Wir waren bei ihr im Bett und über ihr an der Wand hing ein Weihnachtskalender, hinter dessen bereits geöffneten Türchen halbnackte Männer zu sehen waren. Während wir den Akt ausübten, stellte ich fest, dass mich die Männer wesentlich mehr anmachten als sie.
Dann hast du praktisch ein Doppel-Outing durchlebt?
Als Erstes habe ich mich schwul geoutet. Ende der 90er fing das mit den Online-Chats an. Ich hatte mit einem Typen aus Oberhausen gechattet und den Chatverlauf ausgedruckt. Leider hatte ich diesen offen liegen gelassen, sodass mein Vater am anderen Morgen mit den Blättern vor meinem Bett stand und Aufklärung forderte. Und das Theater begann. Später outete ich mich noch sozusagen als „Transistor“. Mit der Zeit verflog der Ärger, heute ist das alles kein Problem mehr.
Wie ging dein Umfeld mit dir um, hast du Diskriminierungen erlebt?
Ich habe Gott sei Dank nie wirklich Probleme gehabt. Dadurch, dass ich seit 2020 regelmäßig auf Kreuzfahrtschiffen arbeite, habe ich zu vielen Menschen Kontakt, die so eine Show zum ersten Mal erleben. Meistens werde ich danach positiv angesprochen und viele kaufen Karten, wenn ich anschließend auf Tour mit meinen Solo-Programmen unterwegs bin. Ich bin sozusagen eine Missionarin in Sachen Travestie.
Natürlich merke ich, dass wir einen Rollback erleben. Ich muss sagen, dass die schwul-lesbische Community bis in die 90er-Jahre viel weiter war, als wir es heute sind.