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Geheimsprache schwuler Männer Vergessener Slang erlebt ein Comeback

Von ms - 06.11.2026 - 16:00 Uhr
Geheimsprache schwuler Männer
Foto: AI GENERATED - FASH Medien
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Wer in Großbritannien und später auch in anderen Teilen Europas vor einigen Jahrzehnten den Satz „Vada the naff strides on the omee ajax“ hörte, verstand möglicherweise kein Wort. Für Eingeweihte war die Bedeutung dagegen eindeutig: „Schau dir die furchtbare Hose an, die der Mann da drüben trägt.“ Der Satz stammt aus Polari, einem britischen Slang, der besonders zwischen den 1920er- und 1960er-Jahren unter schwulen Männern verbreitet war. Er ermöglichte es, über andere Menschen zu sprechen, Kontakte zu knüpfen oder die eigene sexuelle Orientierung anzudeuten, ohne dass Außenstehende den Inhalt unbedingt verstanden. Auch in Deutschland wurden einige Begriffe übernommen – dazu kamen ab den 1950er Jahren auch viele Symbole unter Homosexuellen. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Geheime Verständigung: Polari war besonders zwischen den 1920er- und 1960er-Jahren unter schwulen Männern in Großbritannien verbreitet. Der Slang ermöglichte diskrete Gespräche in einer Zeit strafrechtlicher Verfolgung.
  • Vielfältige Ursprünge: Die Sprache verbindet englische Grammatik mit Wörtern unter anderem aus dem Italienischen, Romani und Jiddischen. Ihr Wortschatz umfasst rund 500 Begriffe.
  • Millionenpublikum im Radio: Durch die BBC-Comedy „Round the Horne“ wurde Polari in den 1960er-Jahren landesweit bekannt.
  • Gesellschaftlicher Wandel: Die teilweise Entkriminalisierung homosexueller Handlungen 1967 und Veränderungen innerhalb der homosexuellen Emanzipationsbewegung trugen zum Rückgang der Sprache bei.
  • Kulturelles Erbe: Bücher, Filme, Ausstellungen und Kunstprojekte beschäftigen sich heute erneut mit Polari und seiner Bedeutung für die Geschichte homosexueller Menschen.

Zugehörigkeit in strafbaren Zeiten

In einer Zeit, in der sexuelle Handlungen zwischen Männern strafrechtlich verfolgt wurden, konnte diese Form der Verständigung Schutz bieten. Zugleich war Polari Ausdruck einer eigenständigen Kultur mit Humor, Wortspielen, Spott und zahlreichen liebevollen Bezeichnungen. Der Sprachwissenschaftler Paul Baker von der Lancaster University hat sich intensiv mit der Geschichte des Slangs beschäftigt. Seine Forschung zeigt, dass Polari nicht ausschließlich der Geheimhaltung diente. Es war ebenso ein Mittel der gesellschaftlichen Zugehörigkeit und des persönlichen Ausdrucks. Sprachwissenschaftlich handelt es sich bei Polari nicht um eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik. Der Etymologe Michael Quinion beschreibt es vielmehr als Slang, der weitgehend den grammatischen Regeln des Englischen folgt.

Charakteristisch ist der Austausch einzelner Wörter. Während gewöhnliche englische Satzbestandteile erhalten bleiben, werden wichtige Begriffe durch Ausdrücke ersetzt, die Außenstehenden häufig unbekannt sind. Der Name Polari geht auf das italienische Verb „parlare“ zurück, das „sprechen“ bedeutet. Auch als Verb im Sinne von „sich unterhalten“ wurde Polari verwendet. Nach Angaben des Forschungsprojekts „Fabulosa“ der Lancaster University umfasst der dokumentierte Wortschatz ungefähr 500 Begriffe. Die meisten Sprecher kannten allerdings nur einen Grundbestand von etwa 20 Wörtern. Das reichte häufig aus, um in einem gewöhnlichen Gespräch ein Signal zu setzen und herauszufinden, ob das Gegenüber ebenfalls mit Polari vertraut war.

Ursprünge bei fahrenden Künstlern

Die genaue Entstehung von Polari ist bis heute nicht abschließend geklärt. Seine sprachlichen Wurzeln reichen in unterschiedliche gesellschaftliche Milieus zurück. Als wichtiger Vorläufer gilt „Parlyaree“, eine Sprechweise, die unter reisenden Unterhaltungskünstlern, Straßenmusikern, Markthändlern und Bettlern verbreitet war. Zu den Einflüssen zählen nach Angaben der Lancaster University französische Ausdrücke, gereimter Slang, die Geheimsprache von Dieben und Begriffe aus dem amerikanischen Militär. Weitere Bestandteile stammen unter anderem aus dem Italienischen, Romani, Shelta und Jiddischen.  Eine mögliche Erklärung für die Verbreitung italienischer Wörter ist die Einwanderung italienischer Künstler und Händler nach Großbritannien im frühen 19. Jahrhundert. Auch Seeleute könnten zur Entwicklung beigetragen haben. Eine weitere Besonderheit ist der sogenannte „Backslang“, bei dem Wörter rückwärts gesprochen oder umgestellt werden. 

Verständigung unter Druck 

Polari wurde im späteren Verlauf dabei nicht nur von homosexuellen Männern verwendet. Auch lesbische Frauen, weibliche Imitatoren, Theatermitarbeiter und Sexarbeiter gehörten zu seinen Sprechern. In der britischen Handelsmarine verwendeten zudem homosexuelle Seeleute, die als „Sea Queens“ bezeichnet wurden, entsprechende Ausdrücke. Für schwule Männer hatte Polari dabei stets eine besondere Bedeutung. Mit einzelnen Begriffen ließ sich vorsichtig prüfen, ob ein Gesprächspartner ebenfalls homosexuell war oder zumindest die entsprechenden gesellschaftlichen Kreise kannte.

Baker beschreibt, dass beispielsweise die Wörter „bona“ oder „palone“ beiläufig in Gespräche eingebaut wurden, um die Reaktion des Gegenübers zu beobachten. Diese Möglichkeit war angesichts drohender Verhaftungen, Erpressungen und gewaltsamer Übergriffe von erheblicher Bedeutung. Vollständige Sicherheit bot der Slang allerdings nicht. Auch Menschen, die homosexuellen Männern feindlich gegenüberstanden, konnten mitunter Polari verstehen. Darüber hinaus entwickelte sich die Sprache zu einem wichtigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Sie bot Raum für Freundschaft, Flirts, Beleidigungen, Wortspiele und humorvolle Bemerkungen.

BBC-Comedy und Polari 

In den 1960er-Jahren gelangte Polari schließlich aus vergleichsweise geschlossenen gesellschaftlichen Kreisen in die britische Öffentlichkeit. Verantwortlich dafür war insbesondere die BBC-Radiosendung „Round the Horne“, die von 1965 bis 1968 ausgestrahlt wurde. Die Comedyserie erreichte nach Angaben der BBC rund 15 Millionen Zuhörer. Besonders bekannt wurden die Figuren Julian und Sandy, gespielt von Hugh Paddick und Kenneth Williams. In den Sketchen begegnete Moderator Kenneth Horne den beiden häufig bei der Führung ungewöhnlicher Geschäfte. Ihre Gespräche waren von doppeldeutigen Anspielungen und Polari-Ausdrücken geprägt. Viele der sexuellen Anspielungen entgingen offenbar der Zensur der BBC. Die enorme Popularität hatte allerdings Folgen. Je mehr Menschen Polari durch das Radio kennenlernten, desto weniger eignete es sich zur geheimen Verständigung. Baker sieht darin einen wesentlichen Grund für den späteren Rückgang des Sprachgebrauchs.

Entkriminalisierung von Homosexualität 

Parallel zur zunehmenden Bekanntheit von Polari veränderten sich die rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen für homosexuelle Männer in Großbritannien. Mit dem „Sexual Offences Act“ von 1967 wurden sexuelle Handlungen zwischen Männern in England und Wales teilweise entkriminalisiert. Die Reform galt allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Beide Männer mussten mindestens 21 Jahre alt sein, einvernehmlich handeln und sich in einem privaten Rahmen befinden. Die gesetzliche Definition von Privatsphäre war eng gefasst. Öffentliche Toiletten waren ausgeschlossen. Auch sexuelle Handlungen in Anwesenheit von mehr als zwei Personen fielen nicht unter die Neuregelung. Andere strafrechtliche Bestimmungen blieben bestehen. In Schottland erfolgte eine entsprechende Reform erst 1980, in Nordirland 1982. 

Die eingeschränkte Entkriminalisierung bedeutete auch, dass Diskretion für viele homosexuelle Männer weiterhin wichtig blieb. Dennoch änderte sich innerhalb der homosexuellen Emanzipationsbewegung die Einstellung gegenüber Polari. Einige Aktivisten kritisierten den Slang überdies wegen seiner Verbindung mit Geheimhaltung und einer betont extravaganten Ausdrucksweise. Zugleich gewannen amerikanische homosexuelle Lebensstile und Sprachformen an Bedeutung. Für manche Männer stand Polari zunehmend für eine Vergangenheit, von der sie sich bewusst distanzieren wollten.

Bedeutungsverlust unter Schwulen 

Wie stark die Sprache an Bedeutung verloren hatte, zeigte eine Untersuchung von Paul Baker um das Jahr 2000. Von ungefähr 800 befragten schwulen Männern hatte etwa die Hälfte noch nie von Polari gehört. Viele schwule Männer kannten Polari nicht mehr. Vollständig verschwand Polari allerdings nicht. Einige ältere homosexuelle Männer und Menschen aus Theaterkreisen verwenden nach Angaben der Lancaster University weiterhin einzelne Ausdrücke. Darüber hinaus wurde Polari zunehmend zum Gegenstand sprachwissenschaftlicher Forschung und kultureller Projekte. Bücher, Filme und Ausstellungen erinnerten in den nächsten Jahrzehnten immer wieder an Polari. Für Aufsehen sorgte auch 2017 ein Abendgottesdienst in Polari an einem anglikanischen College in Cambridge. Dabei wurde Gott als „the Duchess“, also „die Herzogin“, bezeichnet. Das College äußerte später Bedauern über die Veranstaltung. 

Die Wörter aus Polari

Der historische Wortschatz von Polari umfasst mehrere Hundert Begriffe, die aus unterschiedlichen Sprachen und gesellschaftlichen Milieus stammen. Die Bedeutung und Schreibweise einzelner Ausdrücke konnte sich je nach Sprecher unterscheiden. Viele Wörter dienten dazu, alltägliche Situationen zu beschreiben, andere ermöglichten eine diskrete Verständigung über Personen, Beziehungen und Sexualität. Besonders häufig wurden einfache Bewertungen verwendet. So bedeutete „bona“ so viel wie „gut“, während „cod“ oder „naff“ etwas als schrecklich, geschmacklos oder minderwertig bezeichneten. Wer etwas als hübsch oder angenehm beschreiben wollte, konnte das Wort „dolly“ verwenden. Für etwas besonders Großartiges gab es den Ausdruck „fantabulosa“, der sich mit „fantastisch“ oder „wunderbar“ übersetzen lässt. „Bijou“ stand dagegen für „klein“, während „feely“ einen jungen Menschen oder etwas Junges beschrieb.

Auch für Personen gab es eigene Bezeichnungen. Ein Mann wurde „omi“ oder „omee“ genannt, eine Frau „palone“. Aus der Verbindung beider Wörter entstand „omi-palone“, eine Bezeichnung für einen schwulen Mann. Der Ausdruck „trade“ konnte einen Sexualpartner meinen. Die Polizei wurde dagegen als „lily law“ bezeichnet – ein Begriff, der in Zeiten strafrechtlicher Verfolgung besondere Bedeutung hatte. Zahlreiche Wörter bezogen sich auf das äußere Erscheinungsbild. „Eek“ bezeichnete das Gesicht, „riah“ die Haare und „lally“ ein Bein. Für Schuhe verwendeten Sprecher den Ausdruck „batts“, während Kleidung allgemein als „drag“ bezeichnet werden konnte. Eine Hose hieß „strides“. Wer sein Aussehen verbessern oder etwas besonders wirkungsvoll gestalten wollte, konnte dafür das Verb „zhoosh“ verwenden, das etwa „aufhübschen“ oder „verschönern“ bedeutet.

Daneben existierten Begriffe für alltägliche Orte und Handlungen. „Lattie“ konnte ein Haus, eine Wohnung oder ein Zimmer bezeichnen. Mit „ajax“ wurde ausgedrückt, dass sich etwas oder jemand in unmittelbarer Nähe befand. „Vada“ bedeutete „sehen“ oder „schauen“, während „troll“ für „spazieren gehen“ oder „umherstreifen“ stand. Wer etwas verneinen wollte, konnte „nanti“ verwenden, das je nach Zusammenhang „nein“, „nichts“ oder „nicht“ bedeutete. Die Wörter ließen sich mit gewöhnlichem Englisch kombinieren. Dadurch konnten Sprecher Gespräche führen, die für Außenstehende zunächst wie unverständliche Wortspiele wirkten. Wer den Grundwortschatz kannte, konnte jedoch schnell erkennen, worüber gesprochen wurde. Einzelne Wörter aus dem Polari-Wortschatz sind inzwischen auch außerhalb der ursprünglichen Sprachgemeinschaft verbreitet. Auch moderne Ausdrücke wie „camp“, „butch“, „drag“ und „trade“ wurden in Polari verwendet. 

Erkennungszeichen unter Schwulen 

Polari war nur eine von mehreren Möglichkeiten, mit denen homosexuelle Menschen ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft signalisieren konnten. Ein weiteres Beispiel ist der sogenannte „Hanky Code“, der insbesondere in der amerikanischen Lederszene verbreitet war. Dabei wurden farbige Taschentücher verwendet, um bestimmte sexuelle Vorlieben oder Rollen kenntlich zu machen. Auch die grüne Nelke, die mit dem Schriftsteller Oscar Wilde in Verbindung gebracht wird, zählt zu den historischen Erkennungszeichen homosexueller Menschen. Im Unterschied zu sichtbaren Symbolen konnte Polari jedoch unauffällig in ein gewöhnliches Gespräch eingebaut werden. Ein einzelnes Wort genügte mitunter, um Vertrautheit herzustellen, ohne dass andere Anwesende den Hinweis bemerkten.

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