Russland gerät wegen seiner Politik international zunehmend unter Druck. Neben dem seit Jahren kritisierten Vorgehen gegen LGBTIQ+-Menschen steht insbesondere auch der anhaltende Angriffskrieg gegen die Ukraine im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen. Nun verschärft sich auch im internationalen Eishockey der Widerstand gegen eine Rückkehr russischer Nationalmannschaften. Kanadas Premierminister Mark Carney hat eine Teilnahme Russlands an der kommenden Junioren-Weltmeisterschaft ausgeschlossen. Gleichzeitig droht der Automobilhersteller Škoda mit dem Rückzug als Hauptsponsor der Männer-Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland.
Das Wichtigste im Überblick
- Russland international in der Kritik: Neben dem Vorgehen gegen LGBTIQ+-Menschen sorgt auch der anhaltende Angriffskrieg gegen die Ukraine für wachsenden Widerstand gegen eine Rückkehr russischer Sportteams.
- Kanada schließt Teilnahme aus: Premierminister Mark Carney will russische und belarussische Nationalmannschaften nicht bei internationalen Sportveranstaltungen in Kanada antreten lassen.
- Škoda droht mit Konsequenzen: Der tschechische Automobilhersteller stellt sein Hauptsponsoring der Eishockey-Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland infrage, sollte Russland teilnehmen.
- Sportgerichtshof gegen Weltverband: Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat einer Wiederzulassung russischer Eishockeyteams zugestimmt. Der Weltverband IIHF lehnt eine sofortige Rückkehr weiterhin ab.
- Boykottdrohungen aus Europa: Mehrere europäische Eishockeyverbände wollen nicht gegen Russland spielen. Auch der Deutsche Eishockey-Bund prüft Konsequenzen für die WM 2027.
Menschenrechtspolitik und Ukraine-Krieg
Auslöser der aktuellen Kontroverse ist eine Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs CAS. Dieser hatte einer Berufung des russischen Eishockey-Verbandes gegen den Ausschluss durch den Weltverband IIHF stattgegeben und damit den Weg für eine Wiederzulassung russischer Mannschaften geöffnet. Die Entscheidung stößt jedoch bei Regierungen, nationalen Sportverbänden und Sponsoren auf erheblichen Widerstand. Mehrere Länder haben bereits angekündigt, nicht gegen russische Teams antreten zu wollen.
Russlands internationale Isolation reicht über den Sport hinaus. Das Land steht seit Jahren wegen seines repressiven Vorgehens gegen LGBTIQ+-Menschen in der Kritik. Die russischen Behörden haben gesetzliche Einschränkungen gegen die öffentliche Sichtbarkeit von LGBTIQ+-Menschen verschärft. Zudem wurde die sogenannte internationale LGBTIQ+-Bewegung in Russland als extremistisch eingestuft. Auch die Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte und die Verfolgung von Menschenrechtsaktivisten sorgen international für Kritik. Für den Ausschluss russischer Mannschaften aus dem internationalen Eishockey ist insbesondere der Angriffskrieg gegen die Ukraine entscheidend. Seit Ende Februar 2022 dürfen russische Nationalmannschaften nicht mehr an internationalen Turnieren und Weltmeisterschaften des Eishockey-Weltverbands teilnehmen. Der CAS-Beschluss zur Wiederzulassung hat nun eine Debatte darüber ausgelöst, unter welchen politischen und sportlichen Bedingungen Russland wieder an internationalen Wettbewerben teilnehmen darf.
Kanada schließt Russland aus
Kanadas Regierungschef Mark Carney stellte klar, dass russische Eishockeyspieler bei der kommenden U20-Weltmeisterschaft in seinem Land nicht antreten werden. Am Rande eines Gipfeltreffens der Commonwealth-Staaten erklärte Carney, solange Russland und sein Verbündeter Belarus den „illegalen und ungerechtfertigten schrecklichen Krieg“ gegen die Ukraine unterstützten, dürften Sportler aus beiden Ländern nicht unter ihren Nationalflaggen an Wettbewerben in Kanada teilnehmen. Mit Blick auf die bevorstehende Junioren-Weltmeisterschaft wurde Carney besonders deutlich. „Wenn Sie also insbesondere nach der Junioren-WM fragen – dort werden die Russen nicht sein“, sagte der Premierminister.
Damit positionierte sich die kanadische Regierung ausdrücklich gegen eine mögliche Umsetzung der CAS-Entscheidung. Eine Teilnahme russischer Spieler könnte Kanada auch über seine Einreisebestimmungen verhindern. Die Regierung hätte die Möglichkeit, den Mitgliedern einer russischen Delegation die erforderlichen Visa zu verweigern. Ein vergleichbares Vorgehen hatte es zuletzt in den Niederlanden gegeben. Dort wurde russischen Turnerinnen die Einreise zu den Weltmeisterschaften in Rotterdam verweigert. Der kanadische Eishockey-Verband begrüßte die Haltung der Regierung. In einer Mitteilung bedankte er sich für deren klare Position, die verhindere, dass Sportler und Funktionäre aus Russland und Belarus unter ihren nationalen Symbolen an internationalen Sportveranstaltungen in Kanada teilnehmen.
Sponsoring der Weltmeisterschaft
Neben dem politischen Widerstand wächst auch der wirtschaftliche Druck auf den Internationalen Eishockey-Verband. Der tschechische Automobilhersteller Škoda hat angekündigt, sein Engagement als Hauptsponsor der Männer-Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland möglicherweise zu beenden, sollte Russland wieder zugelassen werden. Eine Sprecherin des Unternehmens erklärte gegenüber der tschechischen Nachrichtenagentur CTK, eine Rückkehr der russischen Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft sei angesichts der anhaltenden russischen Aggression nicht mit den Werten vereinbar, für die Škoda langfristig stehe.
Die Ankündigung könnte erhebliche Auswirkungen auf die Finanzierung und Vermarktung des Turniers haben. Škoda gehört seit Langem zu den bekannten Sponsoren internationaler Eishockey-Weltmeisterschaften. Die Logos des Unternehmens sind bei den Wettbewerben regelmäßig auf Werbeflächen und rund um die Spielfelder zu sehen. Mit der möglichen Beendigung des Hauptsponsorings würde der Konflikt um die russische Teilnahme damit auch wirtschaftliche Konsequenzen für den Weltverband und die Organisatoren nach sich ziehen.
Einstellung des Weltverbands
Der Internationale Eishockey-Verband IIHF hält trotz des CAS-Urteils zunächst an seiner ablehnenden Haltung fest. Nach mehrtägigen Beratungen teilte der Verband mit, die Stellungnahmen wichtiger Beteiligter zur Entscheidung zur Kenntnis genommen zu haben. Derzeit würden die verschiedenen möglichen Folgen des Schiedsspruchs sorgfältig geprüft. „Die IIHF hat die jüngsten Äußerungen wichtiger Akteure zu dieser Entscheidung zur Kenntnis genommen und analysiert derzeit sorgfältig die verschiedenen Szenarien, die sich aus dem CAS-Urteil ergeben“, erklärte der Verband.
Eine endgültige Entscheidung über das weitere Vorgehen wurde zunächst nicht bekannt gegeben. Stattdessen will die IIHF die „weiteren Entwicklungen sowie deren Auswirkungen auf die betroffenen IIHF-Weltmeisterschaften weiterhin genau beobachten“. Gleichzeitig betonte der Verband, dass er „an ihrer Ablehnung der Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs fest“ halte. Aus Sicht der IIHF sind die praktischen Konsequenzen einer kurzfristigen Wiederzulassung erheblich.
EU-Länder verweigern Spiele
Der Widerstand beschränkt sich nicht auf Kanada. Auch mehrere europäische Eishockeynationen haben angekündigt, Begegnungen mit russischen Mannschaften abzulehnen. Nach Finnland, das zuletzt Eishockey-Weltmeister wurde, erklärten auch Schweden, Dänemark, Norwegen und Lettland, nicht gegen Russland antreten zu wollen. Der Präsident des tschechischen Eishockey-Verbandes sprach sich ebenfalls für einen Boykott aus. Die Ankündigungen stellen den Weltverband vor zusätzliche organisatorische Probleme. Sollten mehrere Nationalmannschaften tatsächlich Begegnungen verweigern, könnte dies erhebliche Folgen für die Austragung internationaler Turniere haben. Auch die finnische Stadt Turku hat Konsequenzen angekündigt. Sie will nicht mehr als Mitausrichter der U20-Weltmeisterschaft zum Jahreswechsel 2027/2028 zur Verfügung stehen, falls Russland an dem Wettbewerb teilnehmen darf.
Ein Regierungssprecher teilte auf Anfrage des Sport-Informations-Dienstes SID mit, die deutsche Bundesregierung sehe die CAS-Entscheidung „sehr kritisch“. Zudem werde sie sich mit dem Deutschen Eishockey-Bund „zeitnah austauschen“. Der Sprecher verwies zugleich auf die „restriktive Visumpolitik gegenüber Russland“. „In Einklang mit den EU-Leitlinien werden russischen Antragstellern Visa für kurzfristige Aufenthalte nur unter sehr engen Voraussetzungen erteilt“, erklärte er. Damit bleibt offen, ob eine russische Nationalmannschaft bei einer möglichen Wiederzulassung tatsächlich nach Deutschland einreisen könnte. Die nächste U20-Weltmeisterschaft soll vom 26. Dezember 2026 bis zum 5. Januar 2027 in den kanadischen Städten Edmonton und Red Deer stattfinden. Beide Austragungsorte liegen in der Provinz Alberta. Bislang sind zehn Nationalmannschaften für das Turnier vorgesehen. Dazu gehört auch die deutsche U20-Auswahl. Russland steht dagegen nicht auf der Teilnehmerliste.