Ein Stier und ein Eselhengst haben auf einer Weide in Äthiopien das Interesse italienischer Verhaltensforscher geweckt. Die beiden männlichen Tiere zeigen nicht nur wiederholt sexuelles Verhalten miteinander, sondern pflegen offenbar auch eine besonders enge soziale Beziehung. Wissenschaftler dokumentierten innerhalb von nur zwei Wochen 51 sexuelle Interaktionen.
Das Wichtigste im Überblick
- Ungewöhnliches Tierpaar: Auf dem äthiopischen Hochplateau beobachteten italienische Wissenschaftler eine enge soziale und sexuelle Beziehung zwischen einem Stier und einem männlichen Esel.
- 51 sexuelle Kontakte: Innerhalb von zwei Wochen dokumentierte das Forschungsteam 51 sexuelle Interaktionen zwischen den Tieren.
- Freiwillige Annäherung: Beide Tiere suchten wiederholt die Nähe des anderen. Der Esel zeigte bei den sexuellen Kontakten kein Abwehrverhalten.
- Bevorzugter Partner: Obwohl andere Artgenossen verfügbar waren, konzentrierte sich die Beziehung auf die beiden Tiere.
- Wissenschaftliches Rätsel: Die Forscher untersuchen, ob die sexuellen Kontakte der sozialen Bindung, dem Zusammenhalt oder dem Abbau von Spannungen dienen könnten.
Tierische Zweisamkeit
Der schwarz-weiß gefleckte Stier Achille und der Eselhengst Patroclo leben auf dem äthiopischen Hochplateau in der Nähe des Klosters Debre Libanos in der Region Oromia. Dort begegnen sie sich während des Weidegangs. Die Beobachtungen wurden in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht. Bemerkenswert ist nach Einschätzung der Forscher nicht allein, dass zwei männliche Tiere unterschiedlicher Arten sexuelle Kontakte haben. Vor allem die Beständigkeit ihrer Beziehung und ihr gegenseitiges Interesse machen den Fall ungewöhnlich.
Die Wissenschaftler beobachteten, wie Achille immer wieder die Nähe des Eselhengstes suchte. Der Stier näherte sich Patroclo, während dieser graste, stupste ihn an, rieb sich an seinem Körper, beschnupperte ihn und leckte sein Fell. Patroclo reagierte auf diese Annäherungen nicht ablehnend. Stattdessen erwiderte er die körperlichen Kontakte und suchte ebenfalls die Nähe des Stiers. Bei mehreren Begegnungen folgten auf das gegenseitige Beschnuppern und die Berührungen sexuelle Handlungen. Die Tiere gehören unterschiedlichen Besitzern und verbringen lediglich während des Weidegangs Zeit miteinander. Dennoch fanden sie nach Angaben des Forschungsteams immer wieder zueinander. Dabei waren auf der Weide auch andere männliche und weibliche Artgenossen verfügbar.
Viel Sex in 14 Tagen
Im März 2026 untersuchten die Wissenschaftler das Verhalten der beiden Tiere systematisch über einen Zeitraum von knapp zwei Wochen. Während diesen Tagen registrierten sie insgesamt 51 sexuelle Interaktionen, bei denen der Stier Achille den Eselhengst Patroclo bestieg. Die Häufigkeit der Kontakte war allerdings nur ein Teil der Beobachtungen. „Die sexuellen Interaktionen zwischen Achille, dem Stier, und Patroclo, dem männlichen Esel, waren keine Einzelfälle“, erklärte Elisabetta Palagi von der Universität Pisa, die an der Untersuchung beteiligt war. Entscheidend sei vielmehr gewesen, dass die Tiere auch außerhalb der sexuellen Begegnungen auffällig häufig miteinander interagierten. „Was unsere Aufmerksamkeit wirklich geweckt hat, war, dass diese Interaktionen in eine sehr selektive und beständige soziale Beziehung zwischen den beiden Individuen eingebettet waren.“ Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass es sich nicht lediglich um zufällige sexuelle Kontakte handelt.
Keine Abwehrreaktion
Auf die beiden Tiere aufmerksam wurde das Forschungsteam ursprünglich während der Arbeit an einem anderen wissenschaftlichen Projekt. Dabei fiel den Wissenschaftlern auf, dass Patroclo die sexuellen Annäherungen des Stiers offenbar zuließ. Anstatt auszuweichen oder sich gegen Achille zu wehren, blieb der Eselhengst in dessen Nähe. Dieses Verhalten veranlasste die Forscher, die Interaktionen der beiden Tiere genauer zu dokumentieren. Sie zeichneten sämtliche beobachteten Begegnungen auf, an denen mindestens eines der beiden Tiere beteiligt war. Dabei untersuchten sie sowohl sexuelle Handlungen als auch andere Formen sozialer Kontaktaufnahme. Die Ergebnisse zeigten, dass die Tiere eine auffällige Vorliebe füreinander entwickelten.
Besonders deutlich wurde diese Bevorzugung beim Vergleich mit anderen Tieren. Patroclo präsentierte dem Stier wiederholt sein Hinterteil und knabberte an dessen Körper. Auch wenn Achille ihn bestieg, zeigte der Eselhengst keine erkennbaren Versuche, den Kontakt zu verhindern. Er wich nicht aus, trat nicht nach dem Stier und versuchte auch auf andere Weise nicht, ihn auf Abstand zu halten. Dass dieses Verhalten keineswegs selbstverständlich war, zeigte sich bei zwei weiteren Begegnungen. Während des Untersuchungszeitraums bestieg Achille zweimal einen anderen männlichen Esel. Dieser reagierte deutlich anders als Patroclo. Er zeigte Abwehrverhalten und drohende Gesten, darunter angelegte Ohren. Für die Wissenschaftler ist dieser Unterschied ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Beziehung zwischen Achille und Patroclo eine besondere soziale Komponente besitzt.
Mehr als nur Sex
Martina Francesconi, Erstautorin der Studie, betont, dass die wissenschaftliche Bedeutung der Beobachtungen über die sexuellen Handlungen hinausgeht. „Die entscheidende Erkenntnis ist nicht bloß, dass ein Stier einen männlichen Esel bestiegen hat“, erklärte die Wissenschaftlerin. Vielmehr seien die sexuellen Kontakte Bestandteil einer umfassenderen, selektiven sozialen Beziehung gewesen. Die beiden Tiere suchten einander wiederholt auf und zeigten neben sexuellem Verhalten auch andere Formen körperlicher Nähe. Nach Einschätzung des Forschungsteams spricht dies dafür, dass die Kontakte nicht isoliert betrachtet werden sollten.
Homosexualität bei Tieren
Sexuelle Kontakte zwischen Tieren desselben Geschlechts sind in der Verhaltensforschung seit Langem bekannt. Entsprechendes Verhalten wurde bereits bei zahlreichen Säugetieren, Vögeln und anderen Tiergruppen dokumentiert. Eine neuere Übersichtsstudie stellte fest, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei allen fünf großen Primatenfamilien und mindestens 59 Primatenarten nachgewiesen wurde. Dazu gehören unter anderem Schimpansen, Berberaffen und Berggorillas. Auch bei Giraffen, Löwen, Delfinen, Pinguinen und weiteren Vogelarten sowie verschiedenen Huftieren haben Wissenschaftler gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte beobachtet. Insgesamt wurde Homosexualität bei über 1.500 Tierarten dokumentiert. Der Fall von Achille und Patroclo unterscheidet sich von vielen dieser Beobachtungen jedoch durch die Kombination zweier Merkmale: Die Tiere gehören unterschiedlichen Arten an und zeigen gleichzeitig eine auffallend beständige soziale Beziehung. Welche Funktion diese Interaktion hat, können die Forscher bis jetzt nicht erklären – vielleicht ist es aber auch einfach Liebe.