Knapp die Hälfte der LGBTIQ+-Menschen in Großbritannien nimmt eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz wahr. Gleichzeitig blickt eine Mehrheit mit Sorge auf die weitere Entwicklung ihrer Rechte. Das geht aus dem neuen Bericht „LGBTQ+ Life in the UK: 2026“ der britischen Organisation Stonewall hervor.
Das Wichtigste im Überblick
- Akzeptanz: 48 Prozent der Befragten sehen Fortschritte in den vergangenen zehn Jahren, 32 Prozent eine Verschlechterung.
- Zukunftssorgen: Nur 24 Prozent sind optimistisch. Unter trans* Menschen blicken 80 Prozent pessimistisch in die Zukunft.
- Diskriminierung: Besonders queere Personen berichten von Benachteiligungen im Alltag und bei der medizinischen Versorgung.
- Arbeitswelt: Für 69 Prozent spielen sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität bei der Arbeitgeberwahl eine Rolle.
- Altersvorsorge: 55 Prozent zweifeln an ihrer finanziellen Sicherheit im Ruhestand.
Angst vor der Zukunft
Die über das Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführte Befragung untersuchte die Lebensbedingungen lesbischer, schwuler, bisexueller, trans* und queerer Menschen. Im Mittelpunkt stehen Gleichberechtigung, gesellschaftliche Zugehörigkeit, Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Arbeitswelt und Zukunftsperspektiven. Der Bericht knüpft an die zwischen 2018 und 2020 veröffentlichten Untersuchungen „LGBT in Britain“ an und berücksichtigt Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten.
Nach den Ergebnissen glauben 48 Prozent, dass die Akzeptanz von LGBTIQ+-Menschen in den vergangenen zehn Jahren gestiegen ist. Dagegen nehmen 32 Prozent eine Verschlechterung wahr. Unter trans* Personen liegt dieser Anteil bei 58 Prozent. Die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe betrachten 20 Prozent als bedeutenden Fortschritt für die Gleichberechtigung. Dennoch erwarten nur 24 Prozent eine positive Entwicklung der LGBTIQ+-Rechte. Die Hälfte der Befragten ist pessimistisch. Unter trans* Menschen erreicht dieser Anteil 80 Prozent. Besonders skeptisch zeigen sich die 18- bis 24-Jährigen. Menschen ab 65 Jahren beurteilen die Zukunft dagegen vergleichsweise optimistisch.
Familie bleibt wichtiger Rückhalt
Die Untersuchung zeigt deutliche Unterschiede beim offenen Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Von den befragten lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen sprechen 67 Prozent innerhalb ihrer Familie vollständig oder teilweise offen darüber. In Wales liegt dieser Anteil mit 75 Prozent höher als in anderen Landesteilen. Unter bisexuellen Menschen beträgt der Wert 56 Prozent. Von den trans* Befragten gehen 52 Prozent innerhalb ihrer Familie offen mit ihrer Geschlechtsidentität um. Gegenüber Freunden sind es 85 Prozent. Bei nicht-binären Menschen liegt der Anteil derjenigen, die gegenüber ihrer Familie offen sind, bei 40 Prozent. Unter den lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen, die offen mit ihrer Familie umgehen, fühlen sich 93 Prozent akzeptiert. Laut Stonewall besteht ein enger Zusammenhang zwischen Offenheit, erlebter Akzeptanz und persönlichem Wohlbefinden.
Diskriminierung im Alltag
Trotz rechtlicher Fortschritte bleibt Hasskriminalität ein Problem. Offizielle Polizeidaten zeigen, dass in Großbritannien weiterhin sehr viele Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität registriert werden. Ihre Zahl liegt über dem Niveau von vor fünf Jahren. Zugleich wird ein erheblicher Teil solcher Vorfälle nicht angezeigt. Besonders häufig berichten die Befragten von Diskriminierung in öffentlichen Verkehrsmitteln, gastronomischen Betrieben sowie Geschäften und Einkaufszentren. Trans* Menschen sind in allen untersuchten Bereichen besonders häufig betroffen. Dazu gehören auch die Wohnungssuche, Bildungseinrichtungen und religiöse Einrichtungen. 19 Prozent aller Befragten berichten außerdem von verbalen Belästigungen oder Einschüchterungen. Zwölf Prozent haben sexuelle Belästigung erlebt. Frauen sind häufiger von sexualisierten Übergriffen betroffen als Männer. 18 Prozent der befragten Frauen berichten von sexueller Belästigung, zehn Prozent von unerwünschten sexuellen Berührungen und drei Prozent von sexuellen Übergriffen.
Probleme bei Arztbesuchen
Unterschiede zeigen sich auch bei der medizinischen Versorgung. Für eine angemessene Behandlung kann es wichtig sein, dass Ärzte und medizinisches Personal über die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität ihrer Patienten informiert sind. Dennoch geben 20 Prozent der LGBTIQ+-Befragten an, gegenüber medizinischen Fachkräften kaum oder überhaupt nicht offen damit umzugehen. Bei schwulen Männern sprechen 85 Prozent offen über ihre sexuelle Orientierung, bei lesbischen Frauen 80 Prozent. Unter bisexuellen Männern sind es 68 Prozent, unter bisexuellen Frauen 64 Prozent. Insgesamt fühlen sich 89 Prozent der lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen hinsichtlich ihrer Identität von medizinischem Personal akzeptiert. Bei trans* Personen sind es 74 Prozent. Zehn Prozent aller LGBTIQ+-Befragten berichten von Schwierigkeiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts. Unter trans* Menschen liegt dieser Anteil bei 33 Prozent.
Akzeptanz und Jobwahl
Auch bei der Suche nach einem Arbeitsplatz spielt die eigene Identität für viele Befragte eine Rolle. 69 Prozent berücksichtigen dabei Aspekte ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. 49 Prozent möchten am Arbeitsplatz offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen können und legen Wert auf transparente Gleichstellungsrichtlinien. Für 35 Prozent ist eine sichtbare Einbindung von LGBTIQ+-Menschen auf der Unternehmenswebsite wichtig. Jeweils 30 Prozent achten auf LGBTIQ+-Personen in Führungspositionen oder auf die Beteiligung der Unternehmensleitung an Netzwerken für Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion.
Bei trans* Menschen stehen andere Anforderungen besonders im Vordergrund. 70 Prozent ist wichtig, mit ihrem richtigen Namen und den passenden Pronomen angesprochen zu werden. 68 Prozent möchten ihre Geschlechtsidentität am Arbeitsplatz offen leben können. Transparente Gleichstellungsrichtlinien nennen 67 Prozent als wichtiges Kriterium. Für 63 Prozent spielt die Möglichkeit eine Rolle, Kleidung entsprechend ihrer Geschlechtsidentität zu tragen. Weitere 60 Prozent möchten offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen können.
Kinderwunsch und Alter
Neben Diskriminierung und beruflichen Perspektiven untersuchte der Bericht die Familienplanung und finanzielle Absicherung. 57 Prozent der befragten LGBTIQ+-Menschen planen demnach keine Kinder. Unter denjenigen mit Kinderwunsch sehen jedoch viele erhebliche Hindernisse. 24 Prozent halten Angebote zur künstlichen Befruchtung, etwa durch In-vitro-Fertilisation (IVF), für zu teuer. Weitere 13 Prozent bewerten die Zugangsvoraussetzungen des britischen Gesundheitsdienstes NHS als zu streng. Besonders lesbische Frauenpaare müssen häufig zusätzliche Kosten tragen. Auch die Altersvorsorge bereitet Sorgen. 55 Prozent aller Befragten sind nicht zuversichtlich, im Ruhestand finanziell abgesichert zu sein.