Im US-Bundesstaat Virginia steht eine richtungsweisende Abstimmung über die Rechte gleichgeschlechtlicher Paare bevor. Am Dienstag entscheiden die Wähler darüber, ob ein seit 20 Jahren bestehendes Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen aus der Landesverfassung gestrichen und durch ein ausdrückliches Recht auf Eheschließung ersetzt wird.
Das Wichtigste im Überblick
- Volksabstimmung am Dienstag: Im US-Bundesstaat Virginia entscheiden die Wähler darüber, ob das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen aus der Landesverfassung gestrichen wird.
- Gouverneurin wirbt für Zustimmung: Abigail Spanberger fordert, die Ehe unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsidentität oder ethnischer Zugehörigkeit verfassungsrechtlich abzusichern.
- Verbot seit 2006: Damals stimmten rund 57 Prozent der Wähler für ein Verfassungsverbot gleichgeschlechtlicher Ehen. Seit einem Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2015 ist es nicht mehr anwendbar.
- Sorge vor Rückschritten: LGBTIQ+-Organisationen befürchten, dass der Supreme Court seine frühere Entscheidung zur Ehe für alle aufheben könnte.
- Signalwirkung erwartet: Bei einer Zustimmung könnte Virginia nach Einschätzung der Human Rights Campaign zum Vorbild für weitere US-Bundesstaaten werden.
Änderung der Verfassung
Gouverneurin Abigail Spanberger rief jetzt bei einer Wahlkampfveranstaltung in Richmond zur Zustimmung auf. Gemeinsam mit Vertretern der LGBTIQ+-Organisationen Human Rights Campaign und Equality Virginia warb sie in der traditionsreichen Lesbenbar Babes of Carytown für die Verfassungsänderung. „Die Tatsache, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch immer ein Verbot in unserer Landesverfassung haben, wirft einen gewissen Schatten“, sagte Spanberger. Die erste Gouverneurin in der Geschichte betonte außerdem: „Dass unsere Verfassung noch immer ein Verbot der Ehe für alle enthält, ist für mich ein Unrecht, das korrigiert werden muss“, sagte sie vor freiwilligen Wahlkampfhelfern. Virginia hatte 2006 mit rund 57 Prozent Zustimmung ein Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen in seine Verfassung aufgenommen.
Seit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Obergefell v. Hodges von 2015 dürfen gleichgeschlechtliche Paare landesweit heiraten. Das Urteil machte auch das Verfassungsverbot in Virginia unanwendbar. Gestrichen wurde es allerdings nie.Mit der nun vorgesehenen Änderung soll das Verbot durch ein verfassungsrechtlich garantiertes Recht auf Eheschließung ersetzt werden. Zwar schützt auch das geltende Landesrecht gleichgeschlechtliche Ehen. Sollte der Supreme Court seine Entscheidung von 2015 allerdings aufheben, könnte das bisherige Verfassungsverbot erneut wirksam werden, sofern es nicht zuvor gestrichen wird.
Bedenken vor Supreme Court
Diese Befürchtung verstärkte sich 2022, als der Oberste Gerichtshof das landesweite verfassungsrechtliche Recht auf Schwangerschaftsabbruch aufhob. Richter Clarence Thomas sprach sich damals in einer gesonderten Stellungnahme dafür aus, weitere Grundsatzentscheidungen zu überprüfen, darunter auch das Urteil zur Ehe für alle. Spanberger betonte jedoch, die Streichung des Verbots sei unabhängig von möglichen künftigen Gerichtsentscheidungen notwendig. Eine Zustimmung könne Menschen Sicherheit geben, die befürchteten, ihre Rechte wieder zu verlieren, oder die sich noch immer daran erinnerten, dass ihre Mitbürger vor 20 Jahren gegen ihre Eheschließung gestimmt hätten. „Es bedeutet mir persönlich sehr viel. Es bedeutet mir sehr viel, weil ich viele Freunde habe, die im Schatten dieses Verbots verheiratet sind“, sagte Spanberger.
Hoffnung auf Signalwirkung
Bei der Veranstaltung in Richmond unterstützten Kelley Robinson, Präsidentin der Human Rights Campaign, und Narissa Rahaman, Geschäftsführerin von Equality Virginia, die Kampagne. Robinson erinnerte daran, wie sie 2020 während der Corona-Pandemie ihre Ehefrau geheiratet hatte. Sorgen über Krankenhausbesuche, Krankenversicherung und Elternrechte hätten damals deutlich gemacht, welche Bedeutung eine rechtlich abgesicherte Ehe habe. „Bei der Ehe sollte es niemals um Angst gehen. Es sollte immer um Liebe gehen“, sagte sie. Sie hofft, dass eine erfolgreiche Abstimmung in Virginia weitere Verfassungsänderungen in den USA anstoßen könnte. „Wenn wir hier in Virginia gewinnen können, bringt uns das auf den Weg, die übrigen 30 Verbote der Ehe für alle aufzuheben, die noch immer in den Verfassungen von Bundesstaaten im ganzen Land stehen“, erklärte sie. „Ich denke, das ist der Anfang von etwas Wichtigem.“
Rahaman, die vor drei Jahren ihre Ehefrau heiratete und die Kampagne „Virginians for Marriage Equality“ leitet, verwies auf den langen Einsatz für die rechtliche Gleichstellung. „Unsere Arbeit zum Schutz der Freiheit zu heiraten in Virginia beschränkt sich nicht auf die vergangenen sechs Monate dieser Kampagne. Sie hat eine Vorgeschichte von 20 Jahren“, sagte sie. Die Ehe für alle sei allerdings nur ein Teil des umfassenderen Einsatzes für LGBTIQ+-Rechte. „Die Ehe für alle war niemals das endgültige Ziel unserer Gemeinschaft. Sie war eine Station auf dem Weg.“
Gesellschaftliche Zustimmung
Seit dem Verfassungsreferendum von 2006 hat sich die öffentliche Meinung zur gleichgeschlechtlichen Ehe in den Vereinigten Staaten erheblich verändert. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Gallup unterstützten 2006 lediglich 42 Prozent der Amerikaner die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen. Im Mai 2026 lag die Zustimmung bei 65 Prozent. Allerdings war sie zwischenzeitlich noch höher gewesen: 2022 und 2023 befürworteten jeweils 71 Prozent die Ehe für alle.
Virginia hat in der amerikanischen Geschichte bereits einmal eine zentrale Rolle bei der rechtlichen Gleichstellung von Ehepaaren gespielt. Im Fall Loving v. Virginia erklärte der Oberste Gerichtshof 1967 Verbote von Ehen zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft für verfassungswidrig. Auch politisch hat sich der Bundesstaat zuletzt verändert. Spanberger gewann die Gouverneurswahl im November 2025 mit 57,6 Prozent der Stimmen gegen die Republikanerin Winsome Earle-Sears.