Wer in den vergangenen Sommern in Wien nachts am Donaukanal, am Karlsplatz oder im Stadtpark unterwegs war und Belästigungen, Diskriminierung oder Gewalt erlebt hat, konnte sich direkt an die mobilen Einsatzkräfte des Vereins AwA* wenden. Dieses Unterstützungsangebot soll jedoch vor dem Aus stehen: Ab 2027 will die Stadt Wien die bisherige Finanzierung einstellen. Das Büro von Vizebürgermeisterin und Jugendstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) hat die Entscheidung inzwischen bestätigt. Der Verein befürchtet dadurch eine erhebliche Versorgungslücke für Menschen, die besonders häufig von Übergriffen betroffen sind, insbesondere LGBTIQ+-Personen.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Stadt Wien will ab 2027 keine finanziellen Mittel mehr für die mobilen Awareness-Teams des Vereins AwA* bereitstellen.
- Die Einsatzkräfte waren bislang an beliebten Wiener Treffpunkten wie dem Donaukanal, dem Karlsplatz und im Stadtpark unterwegs.
- Im Sommer 2026 führten die Teams nach Vereinsangaben mehr als 16.800 Gespräche und dokumentierten 50 Fälle sexualisierter Gewalt.
- Die Stadt begründet den Förderstopp mit der angespannten Haushaltslage und der Priorisierung der ganzjährigen Kinder- und Jugendarbeit.
- Durch den Wegfall von 246.000 Euro sind nach Angaben des Vereins drei ganzjährige und 21 saisonale Arbeitsplätze gefährdet.
- AwA* fordert eine Fortsetzung der Finanzierung und hat eine Petition gestartet.
Viel Lob im Frühjahr
Während der Sommermonate waren die Awareness-Teams an Wochenenden und vor Feiertagen jeweils zwischen 19 Uhr und 4 Uhr im Einsatz. Mit beleuchteten Lastenrädern bewegten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die öffentlichen Treffpunkte und waren für Hilfesuchende unmittelbar zu erkennen. Neben der Vermittlung bei Konflikten gehörten auch Krisenintervention und die Betreuung von Menschen nach Gewalterfahrungen zu ihren Aufgaben.
Noch Mitte Mai hatte die Stadt Wien in einer eigenen Mitteilung die Bedeutung des Angebots hervorgehoben. Besonders junge Frauen, Angehörige der LGBTIQ+-Community und Menschen, die Diskriminierung erfahren, würden von den Teams profitieren. Ihr Einsatz trage dazu bei, das Sicherheitsgefühl dieser Gruppen zu verbessern. Die Stadt verwies ausdrücklich darauf, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch nach sexualisierten, rassistischen und queerfeindlichen Übergriffen Unterstützung leisteten.
Gespräche und Gewaltfälle
Wie stark das Angebot genutzt wurde, verdeutlichen die Zahlen des Vereins für die Saison 2026. Zwischen Mai und September kamen nach Angaben von AwA* mehr als 16.800 Gespräche mit Menschen zustande. Darüber hinaus registrierte der Verein 50 Fälle sexualisierter Gewalt. Im Jahr zuvor waren es noch 18 gewesen. Passend dazu sind zuletzt auch die Fälle von homophoben Angriffen erneut gestiegen in Österreich. Die mobilen Anlaufstellen sollten daher insbesondere Menschen erreichen, die sich in akuten Belastungssituationen befinden und ohne große Hürden Hilfe benötigen. Dazu zählen neben Betroffenen sexualisierter Gewalt auch Menschen, die rassistischen oder queerfeindlichen Angriffen ausgesetzt sind, sowie Personen in psychosozialen Krisen. Aus Sicht von AwA* lässt sich diese Arbeit nicht ohne Weiteres durch andere Einrichtungen ersetzen. Mit dem Ende der Förderung würde ein niedrigschwelliges Hilfsangebot wegfallen, für das es bislang keine vergleichbare Alternative gebe.
Finanzielle Prioritäten
Als Grund für die Entscheidung nennt die Wiener Stadtverwaltung die schwierige Haushaltslage. Die vorhandenen finanziellen Ressourcen müssten künftig stärker auf die ganzjährige Kinder- und Jugendarbeit konzentriert werden. Das Büro von Emmerling erklärte gegenüber der Zeitung Mein-Bezirk, dass die Einstellung der Förderung keineswegs als Kritik an der bisherigen Arbeit des Vereins zu verstehen sei. Nach Darstellung von AwA* kam die endgültige Entscheidung daher sehr überraschend. Erst Mitte Oktober habe der Verein erfahren, dass die finanzielle Unterstützung vollständig gestrichen werden soll. Zu diesem Zeitpunkt stand die geplante Einreichung des Förderantrags für das kommende Jahr unmittelbar bevor.
Situation im Nachtleben
Die Konsequenzen könnten erheblich sein: Mit dem Wegfall der Förderung von 246.000 Euro seien nach Angaben des Vereins drei ganzjährige sowie 21 saisonale Stellen in Gefahr. Die geplante Streichung betrifft zwar ausschließlich die mobilen Teams, die im öffentlichen Raum unterwegs sind, während andere Formen der Awareness-Arbeit in Wien dadurch nicht grundsätzlich wegfallen sollen, beispielsweise bei Veranstaltungen. Ganz anders allerdings ist die Situation dann künftig an frei zugänglichen Orten wie dem Donaukanal. Dort gibt es keinen Veranstalter, der für entsprechende Unterstützungsangebote verantwortlich wäre. Genau hier sieht AwA* eine entscheidende Schwachstelle und stellt die zentrale Frage: Welche Einrichtung wird künftig nachts an denselben Orten für vergleichbare Zielgruppen erreichbar sein und in akuten Situationen helfen? Ob die Verantwortlichen ihre Entscheidung noch einmal überdenken oder eine alternative Finanzierung ermöglichen, ist derzeit offen. Mit einer Petition will die AwA* jetzt ein Umdenken erreichen, sodass die Angebote weiter bestehen bleiben können.