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Lale Akgün über die Türkei „Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir den Mund aufmachen?“

Von vvg - 02.11.2026 - 16:00 Uhr
Dr. Lale Akgün im pinkfarbenen Oberteil – Porträt zum SCHWULISSIMO-Interview
Foto: © vvg-koeln
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Dr. Lale Akgün wurde am 17. September 1953 in Istanbul geboren und kam kurz vorm 9. Geburtstag mit ihren Eltern 1962 nach Deutschland. Sie ist Diplom-Psychologin, arbeitete von 2002 bis 2009 als Bundestagsabgeordnete in Berlin, wo sie sich im Innenausschuss vorwiegend um Fragen der Migration und Integration und im Europaausschuss um die Europafrage kümmerte. Sie schrieb einen biografischen Roman, stand für politische Fragen und Antworten auf CSD-Bühnen, bekam von der queeren Community die Auszeichnung „Frau des Jahres“ und ist heute die „Fachfrau für türkische und islamische Probleme“. Sie wird zu diesen Themen immer wieder von den Medien um Stellungnahme gebeten.

Frau Akgün, seit wann waren Sie nicht mehr in der Türkei?

Seit circa 10 Jahren, seit dem Putschversuch gegen Erdogan; ich erlebe aus der Ferne, wie die Türkei jeden Tag ein Stück undemokratischer wird. Übrigens kenne ich sehr viele türkische Demokratinnen und Demokraten, die nicht mehr in die Türkei fahren.

Ihr Biografie-Roman „Leberkäseland“ wurde sogar verfilmt. Sind Sie froh, dass Sie damals nach Deutschland kamen und nicht heute – sozusagen als Asylbewerber?

Jeder Mensch muss dankbar sein, wenn er nicht als Asylbewerber nach Deutschland kommen muss. Um als Asylbewerber auf abenteuerlichstem Wege seine Heimat Richtung Europa zu verlassen, muss einiges zusammenkommen. Deutschland hat früher wie heute einen großen Bedarf an Fachkräften. Es macht einen großen Unterschied, ob man als angeworbene Fachkraft kommt oder als Asylbewerber. Aber natürlich sollte der Weg des Asyls für alle Menschen, die politisch verfolgt werden, möglich sein. Dafür sind wir ein demokratisches und weltoffenes Land.

Sind Sie heute froh, nicht mehr in diesem Politikzirkus dabei zu sein?

Das würde ich so nicht sehen. Gerade in dieser schwierigen Zeit braucht es laute demokratische Stimmen in der Politik. Ich empfinde im Moment viele Abgeordnete als zu still und zu sehr an der Fraktionsdisziplin orientiert, statt offen und wohlmeinend die Meinung zu sagen. Ich glaube, die Bevölkerung lechzt danach, dass Menschen ihre Stimme erheben.

So wie Boris Pistorius das derzeit tut.

Ich, ich fand’s großartig. Genauso wie ich inzwischen ein großer Fan von Jürgen Klopp bin.

Was ist von Ihrer politischen Arbeit geblieben?

Ich bin noch immer politisch aktiv, auch innerhalb meiner Partei. Ich wende die Kenntnisse und Erfahrungen als Psychotherapeutin bei vielem an, was ich mache. Und ich bin natürlich gefragt, als jemand mit Lebenserfahrung, so dass ich zu vielen Dingen meine Meinung äußern kann. Und ich schreibe Artikel für die Medien, werde für Vorträge eingeladen, um meine Meinung zu äußern. Es hört nie auf.

Könnte Ihnen ein Interview mit Ihrer politischen Meinung über die Türkei in Deutschland schaden?

In Deutschland sicherlich nicht; es zählen gerade mal 7 % aller Länder zu liberalen Demokratien und wir sind eines dieser Länder. Und in unserem Land darf man – trotz vieler Unkenrufe – immer noch seine Meinung äußern. Aber in die Türkei möchte ich wegen vieler meiner Äußerungen nicht mehr reisen.

Was stört Sie an Ihrem Heimatland?

Ich lebe seit Jahrzehnten in Deutschland, habe aber tiefere Einblicke in die Geschehnisse der Türkei, weil ich mich politisch damit beschäftige und alle Entwicklungen mitbekomme. Es gab 1970 einen Putsch, 1980 einen Militärputsch. Mal ging es demokratisch vorwärts, mal rückwärts. Aber eins kann ich sagen: Die Türkei war noch nie so undemokratisch und so unterdrückend wie heute.

In der Türkei leben circa 87 Millionen Menschen und in Deutschland um die 83 Millionen. In der Türkei sitzen 430.000 Menschen im Gefängnis, in Deutschland knapp 60.000 rechtskräftig Verurteilte. Nicht alle sind politisch Andersdenkende, aber nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen Zehntausende. Dazu kommt die schlechte wirtschaftliche Lage. Wenn dann in der Türkei behauptet wird, in Deutschland herrsche Sodom und Gomorrha und es gäbe zu viel Kriminalität, sehe ich das als Propaganda gegen den sogenannten Westen, den man als Feindbild aufbauen möchte. In der Türkei ist ein liberal denkender Mensch nie seines Lebens sicher.

Archivporträt von Dr. Lale Akgün im schwarzen Anzug auf einem weißen Sitzwürfel
Foto: © vvg-koeln

Jüngst ist wieder ein Anschlag gegen die Grundrechte der Menschen verübt worden: Zum „Schutz der Familien“ werden queere Menschen in Misskredit gebracht.

Das ist ein ganz altes Spiel, man erklärt Minderheiten zu Feinden und macht Politik auf ihrem Rücken. Gerade bei queeren Menschen kann man viele Emotionen bei der Bevölkerung mobilisieren, vor allem bei denen, die noch in patriarchalen Systemen leben. Es ist einfach, über queere Menschen zu schimpfen und sie als Feindbild darzustellen, viel einfacher als die Probleme der Arbeitslosigkeit, der Teuerungsrate, der steigenden Mieten, der fehlenden Lebensqualität darzustellen. In der Türkei sind schon viele Minderheiten als Feinde der Demokratie angeklagt.

Gibt es im Koran überhaupt etwas zur gleichgeschlechtlichen Liebe?

Ich habe in Istanbul bei einem CSD vor fast 20 Jahren einen ägyptischen Imam erlebt, der mir die Homosexualität aus dem Koran erklären konnte: Er erklärte in einem Workshop, wie oft die Homosexualität im Koran vorkommt und selbstverständlich erlaubt ist.

Warum reagieren weder die Presse noch die Politik noch die weltweite Community auf dieses Geschehen?

Das System Erdogan wird geschont. Es gibt mehrere Gründe: wirtschaftliche Zusammenarbeit, NATO-Partnerschaft oder das Flüchtlingsabkommen. Keiner will es sich mit Erdogan verderben, aus Angst, er könnte die Grenzen öffnen. Also versucht man, diesen Diktator bei Laune zu halten. Jüngstes Beispiel: NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst sitzt bei Erdogan und ist sichtlich glücklich, dass er empfangen worden ist. Ich frage Hendrik Wüst ganz offen: Was hat er davon, außer alle demokratischen Kräfte aus und in der Türkei vor den Kopf geschlagen zu haben?

Wenn die Großen schon nicht reagieren, wie können die Kleinen helfen?

Ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam versuchen, die queere Community in der Türkei zu unterstützen. Der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ gilt doch für alle Menschen. Was ist mit der Menschenwürde der Schwulen in der Türkei? Die wird doch mit den Füßen getreten.

Jeder, der meint, zwei Wochen all inclusive an der türkischen Riviera wären das Nonplusultra, sollte mal darüber nachdenken, dass Billigurlaub nicht zu den Menschenrechten gehört. Aber als Zeichen der Solidarität fände ich es wunderbar, wenn schwule deutsche Männer in die Türkei, z. B. nach Antalya, Alanya oder Istanbul, fahren würden, um sich mit türkischen Schwulen zu treffen. Denn jeder schwule Deutsche, der einem türkischen Schwulen die Hand reicht, setzt ein Zeichen.

Aber eigentlich erwarte ich von den Institutionen mehr als von den Einzelnen.

Sie sind selber keine queere Person, haben aber ungeheuer viele queere Freunde.

Ich suche meine Freunde nach Sympathie, Gleichklang des Denkens und der Seelen aus. Und in Köln, wo viele schwule Männer leben, ist das nicht verwunderlich. Ob schwul oder hetero: Es sind meine Freunde und darum geht es eigentlich. Ich habe noch nie Vorurteile gegen queere Menschen gespürt und ich habe auch gute Kontakte zu Transmenschen.

Es gibt den Film „Zennet Dancer“, nach wahren Begebenheiten über einen jungen schwulen Türken, der von seiner Familie ehrengemordet wurde.

Ich kenne den Film sowie auch seinen in Deutschland lebenden Freund. Das ist ja genau diese patriarchale, archaische Denke: Die Ehre eines Mannes erträgt es nicht, wenn eine Frau ihn verlässt. Die Ehre eines Vaters erträgt weder einen schwulen Sohn noch eine freizügige Tochter. Vor ein paar Tagen erst erzählte mir eine Freundin, dass allein im Mai 273 Frauen in der Türkei von ihren Männern oder Ex-Männern umgebracht wurden!

Das Patriarchat ist älter als der Islam, älter als das Christen- oder das Judentum. Das sind archaische Traditionen, wo Männer die Macht über die Frauen haben – und über schwule Männer. Und ich bin der festen Überzeugung: Je stärker das Männlichkeitsbild, desto größer die Angst vor schwulen Männern.

In Deutschland überreagieren ja auch schon Eltern gegenüber SCHLAU, die eigentlich nur Aufklärungsarbeit an Schulen leisten will.

Wir haben im Moment in Deutschland das Problem, dass vieles, was liberal und weltoffen ist, inzwischen als woke denunziert wird. Ob in Russland, in der Türkei, im Iran oder auch in Teilen der USA: Die Toleranz gegenüber Minderheiten nimmt ab. Und Schwule stehen besonders im Fokus, weil sie nicht nur anders sind, sondern auch das Männlichkeitskonzept des Patriarchats infrage stellen. Das ist für die Patriarchen sehr gefährlich, weil damit ihre Macht infrage gestellt wird. Ich wünschte, Feministinnen und Schwule würden sich gegen patriarchal denkende Männer zusammentun.

Glauben Sie, dass uns in Deutschland demnächst auch unsere Rechte aberkannt werden?

Wir sehen eine neue Rechte im Aufschwung. Rechts und Andersartigkeit haben sich noch nie vertragen. Die Rechten wollen eine nach ihrer Ideologie geformte Gesellschaft und locken die jungen Männer mit dem Bild vom richtigen Mann. Diese neue rechte Denkart hat der AfD eigentlich auch im Osten zur Macht verholfen. Wie sagte der AfD-Politiker Maximilian Krah im Europawahlkampf 2024? „Echte Männer sind rechts!“ Wir sehen, dass die Verknüpfung von rechter Politik und patriarchalen Parolen wirkt. Der Anteil der AfD-Wähler ist bei jungen Männern unter 30 fast doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Frauen. So sollen Pluralität und Diversität in der Gesellschaft verschwinden. Natürlich verschwinden sie nicht – sie sind nur nicht mehr sichtbar.

Dadurch, dass in der Türkei Schwulenvereine verfolgt werden, mit dem Ziel, sie zu verbieten und ihre Mitglieder in Angst und Schrecken zu versetzen, gibt es ja keinen Schwulen weniger. Sie müssen in den Untergrund, sich verstecken und sich anders geben, als sie sind. Ganz ehrlich, mir blutet das Herz, wenn ich die Schwulen sehe, die sich zusammen mit Menschenrechtlern verzweifelt gegen diese Ungerechtigkeiten zu wehren versuchen und dabei von der Polizei niedergeknüppelt werden.

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in diese Richtung marschieren; noch ist es in Deutschland nicht so weit. Ab und zu sieht man da die Versuche, Vielfalt einzuschränken, weil Vielfalt Menschen oft Angst macht. Die AfD kommt immer dort am schwersten zum Zuge, wo Vielfalt selbstverständlich ist.

Wer heute in Deutschland in unserer (noch) liberalen Atmosphäre aus Angst vor irgendwelchen Repressionen schweigt, der macht sich mitschuldig, wenn wir diese Repressionen bekommen. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir den Mund aufmachen?

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