Es beginnt meistens ganz harmlos. Man kauft sich eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Vielleicht sogar eine, die mehr kostet als die eigene Krankenversicherung. Man nimmt sich vor, regelmäßig hinzugehen, gesünder zu essen und endlich diesen einen Muskel sichtbar zu machen, von dem man bisher nur aus anatomischen Zeichnungen weiß. Der November ist dafür der perfekte Monat, um richtig durchzustarten, oder? Drei Monate später kennt man die Proteinshake-Karte besser als die Speisekarte des Lieblingsrestaurants. Und irgendwann steht man vor dem Spiegel und denkt: Eigentlich könnte die Schulter noch etwas breiter sein. Willkommen im schwulen Körperoptimierungsprogramm.
Dating-Apps und der digitale Vergleich
Für schwule Männer ist der eigene Körper häufig mehr als nur ein Körper. Er ist Identität, Ausdruck, sexuelles Kapital – und manchmal eine Art Bewerbungsschreiben. Das ist natürlich überspitzt. Aber wer schon einmal eine Dating-App geöffnet hat, weiß, dass Fotos eine ziemlich zentrale Rolle spielen. Gesicht, Oberkörper, Bauch, Arme, Bart, Haare: Innerhalb weniger Sekunden entsteht ein Eindruck davon, ob jemand als attraktiv gilt. Die Regeln sind dabei erstaunlich eindeutig. Ein bisschen muskulös? Gut. Sehr muskulös? Auch gut. Bart? Kann nicht schaden. Jung aussehen? Noch besser. Gepflegt? Selbstverständlich. Und wenn man gleichzeitig so wirkt, als hätte man gerade spontan einen Berg bestiegen, einen Roman gelesen und drei Stunden Yoga gemacht, dürfte das Datingprofil endgültig konkurrenzfähig sein. Natürlich entsprechen diese Vorstellungen nicht der Realität aller schwulen Männer. Aber sie sind sichtbar. Und Sichtbarkeit erzeugt Vergleich.
Das Problem mit sozialen Medien ist nicht unbedingt, dass dort schöne Männer zu sehen sind. Das Problem ist, dass dort fast ausschließlich schöne Momente schöner Männer zu sehen sind. Der perfekte Strand. Das perfekte Licht. Der perfekte Oberkörper. Die perfekte Unterhose, die zufällig aussieht, als wäre sie gerade aus dem Trockner gekommen.
Was man nicht sieht: den schlechten Tag, die Pizza vom Vorabend, die fünf erfolglosen Versuche für das Foto und die zehn Minuten, in denen jemand vor dem Spiegel überlegt hat, aus welchem Winkel der Bauch am wenigsten Bauch ist.
Der digitale Körper ist deshalb oft eine optimierte Version des echten Körpers. Und mit dieser optimierten Version vergleichen wir uns. Das ist ungefähr so, als würde man seinen eigenen Urlaub mit den besten 25 Fotos aus dem Urlaub von 40 anderen Menschen vergleichen. Natürlich verliert man.

Vielfalt und das Gefühl, nicht gut genug zu sein
Besonders interessant ist, dass sich die Schönheitsideale innerhalb der schwulen Community durchaus verändert haben. Der klassische muskulöse Körper ist längst nicht mehr das einzige Ideal. Bart, Körperbehaarung, unterschiedliche Körperformen und verschiedene Altersbilder sind sichtbarer geworden. Es gibt Bären, Twinks, Daddys, Muskeltypen, schlanke Männer, kräftige Männer und Männer, die mit all diesen Kategorien ungefähr so viel anfangen können wie mit einem Bedienungsanleitungsheft für eine Waschmaschine.
Das ist eigentlich eine gute Entwicklung. Denn je mehr unterschiedliche Körper sichtbar sind, desto schwieriger wird es, von dem einen schwulen Körper zu sprechen. Trotzdem bleibt der Druck. Denn auch Vielfalt kann zur neuen Leistung werden. Jetzt soll man nicht nur gut aussehen. Man soll selbstbewusst mit seinem Körper umgehen. Am besten authentisch. Aber bitte fotogen. Und möglichst so, dass es aussieht, als würde man überhaupt keine Mühe darauf verwenden.
Für viele Männer ist Sport etwas Schönes. Bewegung tut gut, Krafttraining macht Spaß und ein trainierter Körper kann durchaus das Selbstbewusstsein stärken. Problematisch wird es erst, wenn aus „Ich möchte mich wohlfühlen“ ein permanentes „Ich bin noch nicht gut genug“ wird. Dann wird aus dem Fitnessstudio schnell eine zweite Dating-App. Man kommt herein und scannt automatisch die Umgebung. Wer trainiert was? Wer trägt was? Wer sieht besser aus? Und warum kann der Typ neben mir 120 Kilogramm Bankdrücken, während ich gerade Schwierigkeiten habe, eine Wasserflasche aufzudrehen?
Der Körper wird zum Projekt. Brust größer. Bauch kleiner. Arme definierter. Haare dichter. Haut glatter. Jünger aussehen. Irgendwann ist man so beschäftigt damit, den perfekten Körper herzustellen, dass man vergisst, dass man bereits einen besitzt. Und dann ist da noch das Alter. Für schwule Männer kann das Älterwerden eine besondere Herausforderung sein.

Älterwerden, Begehren und der Blick auf sich selbst
Eine Community, in der Jugend und körperliche Attraktivität teilweise sehr stark betont werden, kann das Gefühl vermitteln, dass der eigene Wert mit jedem Geburtstag ein kleines bisschen sinkt. Mit 25 ist man jung. Mit 30 „immer noch jung“. Mit 35 bekommt man Komplimente wie: „Du siehst wirklich gut aus für dein Alter.“ Ein Satz, der vermutlich nett gemeint ist, aber ungefähr dieselbe emotionale Wirkung hat wie ein höflich überreichter Strafzettel.
Dabei verändert sich der Körper nun einmal. Haut verändert sich. Muskeln verändern sich. Haare verändern sich. Der Stoffwechsel entwickelt irgendwann eine persönliche Feindschaft gegen Kohlenhydrate. Das ist keine schwule Niederlage. Das ist Biologie. Und vielleicht wäre es an der Zeit, Körper nicht ausschließlich danach zu bewerten, wie gut sie einen bestimmten Schönheitsstandard erfüllen.
Besonders deutlich wird der Körperdruck beim Thema Sexualität. Wer sich begehrt fühlen möchte, kann leicht den Eindruck bekommen, zunächst einen Körper liefern zu müssen, der begehrenswert ist. Das kann dazu führen, dass Männer ihren eigenen Körper während des Sex stärker beobachten als den Menschen, mit dem sie gerade Sex haben. Ist mein Bauch zu sehen? Wie sehe ich von hinten aus? Ist das Licht gut? Sieht er meine Problemzone?
Eine bemerkenswerte Leistung: Man liegt mit einem attraktiven Mann im Bett und beschäftigt sich gedanklich mit dem eigenen Bauch. Dabei sollte Sex eigentlich einer der Orte und Momente sein, an denen der Körper nicht bewertet werden muss. Er darf schwitzen, zittern, atmen, lachen, Geräusche machen und Dinge tun, die definitiv nicht für Instagram geeignet sind. Vielleicht ist genau das seine Stärke.

Wann ist es genug?
Natürlich wird niemand eines Morgens aufwachen und beschließen: „Ab heute bin ich vollständig immun gegen Schönheitsideale.“ So funktioniert das nicht. Wir dürfen attraktiv sein wollen. Wir dürfen trainieren. Wir dürfen uns schminken, rasieren, unsere Haare färben oder uns über einen neuen Bizeps freuen. Die Frage ist nur: Wer entscheidet, wann es genug ist?
Vielleicht muss der eigene Körper kein Projekt sein, das irgendwann abgeschlossen wird. Vielleicht reicht es, wenn er funktioniert. Wenn er uns durch den Alltag trägt. Wenn er Lust empfindet. Wenn er tanzt. Wenn er jemanden umarmt. Wenn er Sex hat. Wenn er krank ist und wieder gesund wird. Und wenn er irgendwann älter wird. Das klingt weniger spektakulär als ein perfekter Instagram-Körper. Ist aber vermutlich wesentlich nachhaltiger.
Denn am Ende suchen schwule Männer nicht nur nach dem richtigen Körper. Sie suchen nach Menschen, die sie attraktiv finden. Nach Menschen, die sie berühren wollen. Nach Menschen, bei denen sie sich sicher fühlen. Und manchmal – vielleicht sogar am wichtigsten – nach einem Spiegelbild, mit dem sie irgendwann Frieden schließen können.
Der perfekte Körper ist schließlich ein ziemlich schlechter Lebenspartner. Er verlangt ständig Aufmerksamkeit, wird niemals fertig und antwortet garantiert nicht auf Nachrichten. Der eigene Körper hingegen bleibt. Auch nach dem Fitnessstudio. Auch nach dem letzten Date. Und hoffentlich noch sehr lange nach dem letzten Instagram-Foto.