
Unsere Interviewpartnerin: Prof. Dr. Denisa Bojkova, Studienleiterin am Institut für Medizinische Virologie Frankfurt.
Seit 2022 haben sich Tausende Menschen in Deutschland mit Mpox infiziert. Obwohl das Virus grundsätzlich alle Menschen befallen kann, verbreitete sich die Infektion beinahe ausschließlich unter schwulen und bisexuellen Männern. Warum das so ist, ist eine der vielen offenen Fragen – der Klärung ist nun ein Forschungsteam des Instituts für Medizinische Virologie Frankfurt auf der Spur. SCHWULISSIMO fragte nach bei Studienleiterin Prof. Dr. Denisa Bojkova.
Was ist die wichtigste Erkenntnis Ihrer aktuellen Studie?
Mpox ist eine Erkrankung, die durch das Affenpockenvirus verursacht wird. Während der jüngsten Ausbrüche kam es häufig im Zusammenhang mit sexuellen Kontakten zu Übertragungen, und das Virus wurde wiederholt in der Samenflüssigkeit nachgewiesen – teilweise über mehrere Wochen hinweg. Bislang war jedoch unklar, ob die Samenflüssigkeit das Virus lediglich transportiert oder ob sie selbst beeinflusst, wie effizient das Virus Zellen infizieren kann. Unsere Studie zeigt, dass Samenflüssigkeit eine Infektion tatsächlich verstärken kann. Wir fanden heraus, dass natürlich vorkommende Eiweißbruchstücke in der Samenflüssigkeit winzige faserartige Strukturen bilden können, sogenannte Amyloidfibrillen. Diese helfen den Viruspartikeln, sich besser an die Oberfläche von Zellen anzuheften und in sie einzudringen. Das deutet darauf hin, dass Samenflüssigkeit möglicherweise mehr tut, als das Virus nur zu transportieren: Bestimmte Bestandteile können eine Infektion erleichtern und damit möglicherweise zur sexuellen Übertragung von Mpox beitragen.
Die Samenflüssigkeit selbst ist deswegen aber nicht infektiöser oder doch?
Unsere Ergebnisse zeigen nicht, dass Samenflüssigkeit selbst infektiös ist, auch wenn andere Studien nachgewiesen haben, dass infektiöses Affenpockenvirus in der Samenflüssigkeit vorhanden sein kann. Unsere Daten erklären vielmehr, wie Bestandteile der Samenflüssigkeit dem Virus helfen können, sich leichter an menschliche Zellen anzuheften und in sie einzudringen. Das könnte bedeuten, dass bereits eine kleinere Virusmenge ausreicht, um eine Infektion auszulösen. Grundsätzlich zeigen unsere Ergebnisse auch, dass eine Infektion nicht allein vom Virus abhängt. Entscheidend ist auch die Umgebung, in der das Virus auf den Körper trifft. Der Übertragungsweg, die Eintrittsstelle und die dort vorhandenen Substanzen können beeinflussen, wie effizient eine Infektion beginnt.
Welche Bedeutung hat dieser Mechanismus konkret für sexuelle Kontakte zwischen Männern?
Die Übertragung von Mpox hängt von vielen Faktoren ab. Neuere Studien sprechen dafür, dass sexuelle Kontakte besonders günstige Bedingungen für das Virus schaffen können. Untersuchungen zu Klade Ib in Afrika zeigten beispielsweise, dass die Übertragung in vermutlich sexuellen Infektionsketten schneller erfolgte als bei nicht-sexueller Übertragung. Beim Sex kann das Virus aus genitalen oder analen Läsionen außerdem sehr direkt mit empfindlichen Schleimhäuten in Kontakt kommen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Samenflüssigkeit zusätzlich dazu beitragen kann, indem sie dem Virus hilft, sich besser an Zellen anzuheften und in sie einzudringen. Das könnte mit erklären, warum sich Mpox in bestimmten sexuellen Netzwerken besonders effizient verbreiten konnte. Es ist aber nur ein Teil des Gesamtbildes. Auch enge Hautkontakte, die Struktur sexueller Netzwerke und die abnehmende Immunität in der Bevölkerung nach dem Ende der routinemäßigen Pockenimpfung haben wahrscheinlich eine Rolle gespielt.
Welche Erfahrungen aus den vergangenen Jahren sind für Sie besonders wichtig?
Mpox kann eine sehr schmerzhafte Erkrankung sein, und die vollständige Genesung kann mehrere Wochen dauern. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre ist, dass es weiterhin erhebliche Wissens- und Versorgungslücken gibt – besonders bei Menschen mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe. Dazu gehören vor allem immungeschwächte Patienten, insbesondere Menschen mit fortgeschrittener HIV-Infektion. Bei ihnen kann Mpox deutlich schwerer und in manchen Fällen lebensbedrohlich verlaufen. Auch über mögliche Langzeitfolgen wissen wir noch zu wenig, etwa über anhaltende Entzündungsreaktionen oder neuropsychiatrische Beschwerden. Weitere offene Fragen sind, wann eine infizierte Person tatsächlich nicht mehr ansteckend ist, wie lange ein infektiöses Virus möglicherweise in Samenflüssigkeit oder Vaginalsekret verbleibt und wie gut eine frühere Infektion mit einer Klade vor einer anderen schützt.
Mpox wird häufig mit schwulen und bisexuellen Männern in Verbindung gebracht. Wie wichtig ist es, diese Gruppe gezielt anzusprechen, ohne gleichzeitig den Eindruck zu vermitteln, Mpox sei eine „Schwulenkrankheit“?
Beides ist sehr wichtig. Während des Ausbruchs 2022 traten die meisten Fälle außerhalb Afrikas bei schwulen, bisexuellen und anderen Männern auf, die Sex mit Männern haben. Deshalb waren gezielte Informationen und Impfangebote für diese Gruppen entscheidend und bleiben dort wichtig, wo die Übertragung weiterhin in sexuellen Netzwerken stattfindet. Gleichzeitig ist das globale Bild deutlich breiter. Mpox kann grundsätzlich jeden Menschen durch engen Kontakt betreffen. Bei Ausbrüchen in Afrika erkrankten Männer, Frauen und Kinder, und die Übertragung erfolgte sowohl durch sexuelle Kontakte als auch durch andere Formen engen Kontakts sowie teilweise vom Tier auf den Menschen. Mpox weiterhin vor allem als Krankheit schwuler Männer darzustellen, wäre daher wissenschaftlich irreführend und kann Stigmatisierung verstärken. Das wiederum kann dazu führen, dass Menschen Tests oder medizinische Hilfe später in Anspruch nehmen.
Was bedeutet Ihre Studie ganz praktisch für Männer, die Sex mit Männern haben?
Unsere Studie liefert weitere Hinweise darauf, dass sexuelle Kontakte besonders günstige Bedingungen für die Übertragung von Mpox schaffen können. Es wäre allerdings zu früh, aus unseren Ergebnissen allein völlig neue Präventionsempfehlungen abzuleiten. Kondome können bestimmte Übertragungswege reduzieren, etwa den Kontakt mit Samenflüssigkeit, bieten aber keinen vollständigen Schutz vor Mpox. Das Virus wird vor allem durch engen Kontakt mit infektiösen Haut- oder Schleimhautläsionen übertragen, und diese können sich an Körperstellen befinden, die durch ein Kondom nicht geschützt werden. Für Menschen mit erhöhtem Expositionsrisiko bleibt die Impfung daher eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen. Dazu gehören insbesondere Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern, darunter Männer, die Sex mit Männern haben, sowie Sexarbeitende und andere Personen mit erhöhtem Expositionsrisiko.
Mpox kann an Stellen auftreten, an denen Hautveränderungen zunächst unbemerkt bleiben und dadurch Übertragungen begünstigt werden. Ein wichtiges Problem?
Das ist ein relevantes Problem. Studien aus dem Ausbruch 2022 haben gezeigt, dass Mpox nicht immer mit dem klassischen, großflächigen Hautausschlag einhergeht. Manche Patienten hatten nur wenige Läsionen, oft ausschließlich im Genital- oder Analbereich. Bei Patienten mit einer Proktitis, also einer Entzündung des Enddarms, fehlte zu Beginn häufig sogar der typische Hautausschlag. Vollständig symptomlose Infektionen scheinen eher selten zu sein. Das größere Problem ist, dass Läsionen klein, unauffällig, verborgen oder im Körperinneren liegen können und deshalb nicht bemerkt werden. Es ist zudem denkbar, dass diese eher lokal begrenzte Form der Erkrankung die Übertragung begünstigt: Menschen, die sich nicht allgemein krank fühlen und nur wenige unauffällige Läsionen haben, vermeiden enge oder sexuelle Kontakte möglicherweise seltener. Dadurch entstehen mehr Möglichkeiten für eine Weiterübertragung.
Bei Mpox werden derzeit vor allem die Kladen I und II unterschieden. Was wissen wir inzwischen über die Unterschiede?
Historisch wurden Viren der Klade I mit schwereren Krankheitsverläufen und einer höheren Sterblichkeit in Verbindung gebracht als Klade II. Allerdings unterscheiden sich die betroffenen Bevölkerungsgruppen, der Zugang zur medizinischen Versorgung und die Übertragungswege zwischen den verschiedenen Ausbrüchen erheblich. Direkte Vergleiche sind deshalb schwierig. Die Virusklade allein entscheidet also nicht darüber, wie schwer jemand erkrankt. Auch Alter, Immunstatus, Impfstatus und die Art der Exposition spielen eine wichtige Rolle.
Wie bewerten Sie, dass Klade Ib mittlerweile auch in Deutschland in sexuellen Netzwerken auftritt?
Dass sich Klade Ib inzwischen auch in Deutschland lokal innerhalb sexueller Netzwerke verbreitet, müssen wir aufmerksam beobachten. In Berlin hat sich Klade Ib etabliert, und seit Ende Juni 2026 gehörten dort fast alle diagnostizierten Mpox-Fälle zu dieser Klade. Ein ähnliches Muster sehen wir auch hier in Frankfurt. Gleichzeitig bewertet das Robert Koch-Institut das Risiko für die Allgemeinbevölkerung in Deutschland weiterhin als niedrig, und die bisher gemeldeten Krankheitsverläufe waren überwiegend mild. Entscheidend ist, dass Klade Ib inzwischen nicht mehr hauptsächlich mit Reisen in betroffene Regionen Afrikas verbunden ist. Das Virus wird nun auch lokal übertragen, unter anderem durch sexuelle Kontakte zwischen Männern. Deshalb bleiben eine gute Überwachung, eine schnelle Diagnostik und die Impfung von Menschen mit erhöhtem Risiko besonders wichtig.
Ist Klade Ib tatsächlich leichter von Mensch zu Mensch übertragbar?
Klade Ib kann sich eindeutig effizient von Mensch zu Mensch verbreiten, auch durch sexuelle Kontakte. Derzeit gibt es jedoch keine überzeugenden Hinweise darauf, dass sie grundsätzlich leichter übertragbar ist als Klade IIb. Warum sehen wir dann momentan mehr Klade-Ib-Infektionen in Deutschland? Eine mögliche Erklärung ist die bestehende Immunität. Viele Menschen in den betroffenen sexuellen Netzwerken haben während des Ausbruchs 2022 durch eine Infektion Immunität gegen Klade IIb entwickelt. Dieser Schutz könnte gegenüber Klade Ib jedoch unvollständig sein. Reinfektionen sind möglich, und es ist denkbar, dass Klade Ib vorhandene Immunität etwas besser umgehen kann. Das wird derzeit noch untersucht.
Was würde es für Europa bedeuten, wenn sich eine Mpox-Klade mit höherer Übertragbarkeit dauerhaft in sexuellen Netzwerken etablieren würde?
In gewisser Weise haben wir bereits gesehen, was das bedeuten kann. Mpox zirkulierte jahrzehntelang in Teilen Afrikas. Größere Sorge würde mir bereiten, wenn sich das Virus zunehmend über diese sexuellen Netzwerke hinaus auch in der Allgemeinbevölkerung verbreiten würde. Denn über den Krankheitsverlauf in vielen anderen Bevölkerungsgruppen wissen wir bislang deutlich weniger. Deshalb ist es so wichtig, die besonders betroffenen Communitys aktiv einzubeziehen, frühe Diagnosen zu fördern und eine hohe Impfbereitschaft zu erreichen – nicht nur zum Schutz einzelner Personen, sondern auch, um eine weitere Ausbreitung zu begrenzen.
Sie haben auch die Wirksamkeit antiviraler Medikamente untersucht – mit welchem Ergebnis?
Unsere Studie zeigt, dass die verfügbaren antiviralen Wirkstoffe wie zum Beispiel Tecovirimat auch im Zellkulturmodell wirksam bleiben, wenn Samenflüssigkeit die Infektion verstärkt. Das ist zunächst beruhigend, denn der von uns identifizierte Mechanismus scheint das Virus nicht resistent gegen diese Medikamente zu machen. Allerdings haben neuere klinische Studien gezeigt, dass Tecovirimat bei Patienten mit Klade-I- oder Klade-II-Mpox die Krankheitsdauer, Schmerzen oder die Viruselimination nicht deutlich verbessern konnte. Das unterstreicht den dringenden Bedarf an weiteren Behandlungsmöglichkeiten. Ein wichtiger Schwerpunkt unserer aktuellen Forschung ist deshalb, genauer zu verstehen, wie das Affenpockenvirus mit menschlichen Zellen interagiert.
Was ist aus Ihrer Sicht jetzt der wichtigste nächste Forschungsschritt?
Die Samenflüssigkeit ist nur ein Teil eines viel größeren Puzzles. Wir wissen noch erstaunlich wenig darüber, wie das Affenpockenvirus genau in menschliche Zellen gelangt, welche Rezeptoren es dafür nutzt und warum es bestimmte Gewebe bevorzugt. Uns interessiert deshalb besonders, ob unterschiedliche Umgebungen im Körper – einschließlich verschiedener Körperflüssigkeiten – beeinflussen können, wie das Virus mit Zellen interagiert und in sie eindringt. Wenn wir diese Prozesse besser verstehen, könnten wir auch besser erklären, warum sexuell übertragene Infektionen häufig eher lokal begrenzt bleiben. Vor allem aber könnte uns dieses Wissen helfen, neue Angriffspunkte für antivirale Medikamente zu finden – denn bessere Behandlungsmöglichkeiten werden dringend benötigt.
Frau Prof. Dr. Bojkova, vielen Dank für das Gespräch.