Mehr rechtliche Anerkennung, verlässliche Unterstützung und ein stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein für unterschiedliche Familienformen: Diese Forderungen haben im Mittelpunkt der Regenbogenfamilienkonferenz gestanden, die Mitte Oktober in Mannheim stattfand. Mehr als 300 Erwachsene, Jugendliche und Kinder kamen in der Jugendherberge der Stadt zusammen, um sich auszutauschen, neue Kontakte zu knüpfen und gemeinsame Aktivitäten zu erleben.
Das Wichtigste im Überblick
- Großes Treffen in Mannheim: Mehr als 300 Erwachsene, Jugendliche und Kinder nahmen Mitte Oktober an der Regenbogenfamilienkonferenz in der Mannheimer Jugendherberge teil.
- Familienvielfalt im Mittelpunkt: Unter dem Motto „Starke Familien – Familien stärken“ standen Workshops, gemeinschaftliche Aktivitäten, Vernetzung und gegenseitige Unterstützung auf dem Programm.
- Reform des Abstammungsrechts gefordert: Der LSVD+ kritisiert die weiterhin unzureichende rechtliche Anerkennung zahlreicher Regenbogenfamilien und verlangt politische Veränderungen.
- Unterstützung aus der Politik: Baden-Württembergs schwuler Sozialminister Oliver Hildenbrand übernahm die Schirmherrschaft. Auch Mannheims Bürgermeister Thorsten Riehle betonte die Bedeutung des Schutzes queerer Familien.
- Wünsche an die Politik: Die Teilnehmer forderten mehr Beratungsangebote, regelmäßige Familientreffen und eine verlässliche finanzielle Förderung.
Konferenz mit Minister
Die dreitägige Veranstaltung stand unter dem Motto „Starke Familien – Familien stärken“. Neben Informations- und Bildungsangeboten bot sie Raum für persönliche Begegnungen und gegenseitige Unterstützung. Ziel war es, homosexuellen und queeren Familien einen geschützten Rahmen zu ermöglichen, in dem sie ihre Erfahrungen teilen und sich mit anderen Familien vernetzen konnten. Die Schirmherrschaft übernahm in diesem Jahr Baden-Württembergs schwuler Minister für Soziales, Arbeit und Gesundheit, Oliver Hildenbrand. Organisiert wurde die Konferenz vom LSVD+ Baden-Württemberg gemeinsam mit weiteren Initiativen und ehrenamtlich Engagierten.
Die Veranstaltung richtete sich an Familien, in denen mindestens ein Elternteil lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, intergeschlechtlich, nicht-binär oder sich auf andere Weise der queeren Gemeinschaft zugehörig fühlt. In Deutschland wachsen Tausende Kinder in solchen Regenbogenfamilien auf. Die familiären Lebensmodelle sind dabei unterschiedlich. Dazu gehören Familien mit zwei Müttern oder zwei Vätern ebenso wie Mehrelternfamilien, Familien mit trans* oder intergeschlechtlichen Eltern sowie Patchworkfamilien mit queeren und heterosexuellen Elternteilen. Diese Vielfalt spiegelte sich auch unter den Teilnehmern der Mannheimer Konferenz wider.
Landesweite Bedeutung
Die Veranstaltung hat inzwischen eine überregionale Bedeutung. Bereits 2023 waren Familien aus ganz Deutschland nach Mannheim gekommen. In diesem Jahr reisten die Teilnehmer vor allem aus Süddeutschland an. Darüber hinaus waren Familien aus Berlin, Leipzig und Nordrhein-Westfalen vertreten. Neben den fachlichen Angeboten spielte das Gemeinschaftserlebnis eine wichtige Rolle. Die Familien sollten die Möglichkeit erhalten, Kontakte über ihren eigenen Wohnort hinaus zu knüpfen und sich in einem unterstützenden Umfeld auszutauschen. Mit der Konferenz wollten die Veranstalter zugleich ein öffentliches Zeichen setzen: „Wir sind hier, wir sind Teil dieser Gesellschaft!“
Fehlende rechtliche Absicherung
Neben dem gemeinsamen Erleben standen politische und rechtliche Fragen im Mittelpunkt der Veranstaltung. Brigitte Aichele-Frölich aus dem Vorstand des LSVD+ Baden-Württemberg erklärte: „Regenbogenfamilien sind in Öffentlichkeit und Gesellschaft zwar sichtbarer geworden, ihre Belange und Nöte aber leider nicht. Wir waren Ende 2024 so knapp vor einer Reform des Abstammungsrechts und sind jetzt wieder um Jahre zurückgefallen. Regenbogenfamilien müssen endlich rechtlich abgesichert werden.“ Die Forderung nach einer Reform des Abstammungsrechts gehört seit langem zu den zentralen politischen Anliegen queerer Familienverbände. Dabei geht es insbesondere um die rechtliche Anerkennung familiärer Beziehungen und die Absicherung von Eltern und Kindern in unterschiedlichen Familienkonstellationen. Nach Einschätzung des Verbandes besteht weiterhin eine erhebliche Lücke zwischen den tatsächlich gelebten Familienmodellen und ihrer rechtlichen Behandlung.
Dringenden Handlungsbedarf
Auch Christian Gladel aus dem Bundesvorstand des LSVD+ betonte die Bedeutung der Konferenz. Aus seiner Sicht wurde bei dem Treffen deutlich, dass zahlreiche Familien im Alltag füreinander einstehen: „Bei der Regenbogenfamilienkonferenz ging es um die Familien, die jeden Tag leben, lieben, füreinander Verantwortung übernehmen und füreinander da sind - unabhängig davon, ob das Recht ihre Familienrealität bereits anerkennt. Die Konferenz hat gezeigt, wie groß der Bedarf in der rechtlichen Anerkennung von Regenbogenfamilien vor allem durch eine umfassende Reform des Abstammungsrechts ist. Trotz und gerade wegen der aktuellen politischen Lage ist diese Konferenz, organisiert von unserem Landesverband Baden-Württemberg, als sicherer Raum für Regenbogenfamilien und ihre Verbündeten wichtiger denn je.“
Sozialminister betont Schutz aller Familien
Unterstützung erhielten die Veranstalter von Baden-Württembergs Sozialminister Oliver Hildenbrand, der die Schirmherrschaft übernommen hatte. Der Minister zeigte sich von der Veranstaltung und dem Engagement der Familien beeindruckt. „Familie ist überall dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen. Und wenn wir von der gesellschaftlichen Realität ausgehen, ist klar: Familie ist vielfältig. Nach dem Anschlag beim Berliner CSD ist zudem klar: Queere Strukturen sind bedrohter denn je, in all ihren Bereichen, auch Familien. Wir werden alles dafür tun, damit queere Menschen, damit alle Familien sicher, friedlich und selbstbestimmt leben können.“
Auch die Stadt Mannheim stellte sich hinter die Anliegen der Konferenz. Thorsten Riehle, Bürgermeister für Wirtschaft, Arbeit, Soziales und Kultur, begrüßte die Teilnehmer und betonte in seinem Grußwort, dass queeres Leben angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Spannungen besonderen Schutz verdiene. Mannheim stehe für diesen Anspruch und wolle sich sowohl gesellschaftlich als auch politisch für die Rechte und die Sicherheit queerer Menschen einsetzen. Riehle verwies darauf, dass die Stadt bereits zum zweiten Mal Gastgeberin der Regenbogenfamilienkonferenz war. Darauf sei Mannheim stolz. Zugleich unterstrich er, dass die Stadtverwaltung ihre Verantwortung für Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt ernst nehme.
Mehr Beratung und Treffen
Neben den politischen Stellungnahmen erhielten auch die Teilnehmer Gelegenheit, ihre eigenen Wünsche und Erwartungen zu formulieren. Dabei wurde deutlich, dass viele Familien einen dauerhaften Ausbau von Unterstützungs- und Begegnungsangeboten für notwendig halten. Gewünscht werden insbesondere regelmäßige Veranstaltungen nach dem Vorbild der Regenbogenfamilienkonferenz. Solche Treffen sollten nach Vorstellungen der Teilnehmer möglichst auch in weiteren Bundesländern angeboten werden, damit mehr Familien daran teilnehmen können. Ein weiteres Anliegen ist der Ausbau bestehender Beratungsstrukturen. Die Familien wünschen sich zusätzliche Anlaufstellen und Treffpunkte, an denen sie Informationen erhalten, Kontakte knüpfen und sich über rechtliche oder alltägliche Fragen austauschen können. Damit solche Angebote langfristig bestehen können, fordern sie eine ausreichende und verlässliche finanzielle Förderung durch die Politik. Die Unterstützung dürfe nicht allein von kurzfristigen Projekten oder ehrenamtlichem Engagement abhängen.
Auch die jüngeren Teilnehmer beteiligten sich aktiv an der Gestaltung der Konferenz. Kinder und Jugendliche äußerten den Wunsch nach mehr gemeinsamen Erlebnissen und zusätzlichen Angeboten, die speziell auf ihre Interessen und Bedürfnisse zugeschnitten sind. Dazu gehören unter anderem Workshops bei Veranstaltungen sowie neue Möglichkeiten, andere Kinder und Jugendliche aus Regenbogenfamilien kennenzulernen. Ihre Vorstellungen, Erwartungen und Anregungen hielten die jungen Teilnehmer in einem gemeinsamen Buch fest. Dieses wurde am Ende der Konferenz an Sozialminister Oliver Hildenbrand übergeben. Nach drei Tagen mit Workshops, Gesprächen und gemeinsamen Aktivitäten endete die Regenbogenfamilienkonferenz mit einem großen Familienfest. Die Regenbogenfamilienkonferenz fand in diesem Jahr zum vierten Mal in Baden-Württemberg statt. Mannheim war nach 2023 zum zweiten Mal Gastgeber der Veranstaltung.