Wie ist es, als schwuler Junge in einer kleinen, eher konservativen Gemeinde aufzuwachsen? Und welche Bedeutung haben solche Erfahrungen später für die eigene politische Arbeit? Mit diesen Fragen hat sich Baden-Württembergs Sozialminister Oliver Hildenbrand (Grüne) in einem persönlichen Gespräch mit dem Südwestrundfunk beschäftigt.
Das Wichtigste im Überblick
- Persönliche Einblicke: Sozialminister Oliver Hildenbrand (Grüne) spricht über seine Kindheit in einer kleinen, konservativ geprägten Gemeinde und seine Erfahrungen als schwuler Jugendlicher.
- Der 38-Jährige lebt offen schwul und möchte andere ermutigen, ihre Identität nicht zu verstecken.
- Im SWR-Gespräch geht es um Regenbogenfamilien, unterschiedliche Familienmodelle, Kinderwunsch und die umstrittene Leihmutterschaft.
- Mehr Gleichberechtigung: Hildenbrand befürwortet eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern.
- Warnung vor Rechtsruck: Der Grünen-Politiker sieht Minderheiten zunehmend unter Druck und fordert ein AfD-Verbotsverfahren.
Offen schwul in Stuttgart
In der gestern veröffentlichten Ausgabe des SWR-Videopodcasts „Zur Sache! intensiv“ sprach der 38-Jährige über seine Kindheit, sein Coming-Out und die Frage, wie sich gesellschaftliche Akzeptanz auf das Leben homosexueller und queerer Menschen auswirkt. Hildenbrand wuchs in Freudenberg im Main-Tauber-Kreis auf. Im Gespräch erinnerte er sich an seine Jugend in einer kleinen Gemeinde mit rund 160 Einwohnern und an die Erfahrungen, die ihn als schwulen Jungen geprägt haben. Dabei ging es auch um das Gefühl, anders zu sein und möglicherweise nicht richtig dazuzugehören. Heute lebt Hildenbrand offen schwul. Nach Angaben seines Ministeriums wohnt er mit seinem Freund in Stuttgart. Seit Mai 2026 ist der frühere Landesvorsitzende der Grünen Minister für Soziales, Arbeit und Gesundheit in der Landesregierung von Ministerpräsident Cem Özdemir. Seine persönlichen Erfahrungen spielen auch für sein politisches Selbstverständnis eine Rolle.
Menschen Mut machen
Hildenbrand möchte seine öffentliche Position nutzen, um insbesondere jungen LGBTIQ+-Menschen Orientierung und Rückhalt zu geben. „Es geht darum, Menschen einfach auch Mut zu machen, dazu zu stehen, so zu sein, wie sie eben sind, so zu leben, wie sie leben wollen“, sagte der Minister im SWR-Gespräch. Dabei sieht er sich nicht nur als Regierungsmitglied, sondern ausdrücklich auch als Interessenvertreter homosexueller und queerer Menschen. „Es ist mir schon auch wichtig, ein Anwalt für die queere Community in Baden-Württemberg zu sein.“ Die gesellschaftliche Sichtbarkeit von lesbischen, schwulen, bisexuellen und queeren Menschen betrachtet Hildenbrand als wichtiges politisches Anliegen. Er warnt davor, dass Menschen aus Minderheiten zunehmend unter Druck geraten und sich deshalb aus dem öffentlichen Leben zurückziehen könnten. Es gebe den Versuch, „Menschen wieder in die Unsichtbarkeit zu drängen, Menschen auch mundtot zu machen, dass sie sich eben nicht trauen, sich zu äußern, sich nicht trauen, sich zu zeigen“. Aus Sicht des Ministers hat der Staat die Aufgabe, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken und Minderheiten zu schützen.
Regenbogenfamilien im Fokus
Neben seinen persönlichen Erfahrungen beschäftigte sich Hildenbrand im SWR-Gespräch mit der Frage, wie Familienpolitik den unterschiedlichen Lebensentwürfen in Deutschland gerecht werden kann. Zur Sprache kamen Regenbogenfamilien, verschiedene Formen des Zusammenlebens und der Kinderwunsch von Menschen, die nicht dem klassischen Familienmodell aus Mutter, Vater und gemeinsamen Kindern entsprechen. Ein Schwerpunkt war dabei die sinkende Geburtenrate und die Frage, weshalb sich Menschen gegen Kinder entscheiden oder einen bestehenden Kinderwunsch nicht verwirklichen. Dabei ging es auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hildenbrand sprach sich für eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen aus. Auch unterschiedliche Familienkonstellationen spielen in dieser Diskussion eine Rolle. Die gesellschaftliche Anerkennung von Regenbogenfamilien ist dabei ebenso relevant wie die rechtlichen und praktischen Voraussetzungen für Elternschaft.
Der Fall Jens Spahn
Auch die gesellschaftlich und rechtlich umstrittene Leihmutterschaft wurde thematisiert. In Deutschland ist die Vermittlung von Leihmutterschaften ebenso wie die Durchführung entsprechender reproduktionsmedizinischer Verfahren grundsätzlich verboten. In anderen Ländern gelten teilweise abweichende Regelungen. Die Diskussion berührt Fragen der reproduktiven Selbstbestimmung, des Schutzes von Frauen und Kindern sowie der rechtlichen Anerkennung unterschiedlicher Familienkonstellationen. Befürworter einer gesetzlichen Öffnung verweisen unter anderem auf die Möglichkeiten, die Leihmutterschaft Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch bieten könnte. Kritiker warnen insbesondere vor wirtschaftlichem Druck auf austragende Frauen und möglichen Formen der Ausbeutung.
Welche konkrete gesetzliche Position Hildenbrand zur Leihmutterschaft vertritt, erklärte der Politiker nicht, ging aber auf den Fall Jens Spahn ein, der in diesem Jahr Schlagzeilen gemacht hatte: „Wer sich da alles berufen sah, über das Familienmodell von Jens Spahn zu urteilen, und in welcher Tonlage teilweise – also weiß ich nicht, ob das angemessen war.“ Zudem betonte er: „Das Private ist ja immer auch politisch. Und ich glaube, die Debatte wäre vielleicht anders gelaufen, wenn sich Jens Spahn dafür eingesetzt hätte, die Programmatik der CDU dahingehend zu verändern – dieses sehr ablehnende Votum gegenüber Leihmutterschaften zu verändern.“ Am Ende erklärte er außerdem: „Das sind ganz schwierige Abwägungen und da kann ich heute gar keine Aussage drüber treffen, weil ich mich damit auch nicht genug beschäftigt habe."
Einsamkeit als Problem
Über die Familienpolitik hinaus beschäftigte sich Hildenbrand mit einer Entwicklung, die Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung betrifft: zunehmender Einsamkeit. Im SWR-Gespräch ging es insbesondere um junge Erwachsene und die Frage, weshalb sich Menschen trotz digitaler Vernetzung häufig isoliert fühlen. Diskutiert wurden der Einfluss sozialer Medien, fehlende Begegnungsorte und ein nachlassender gesellschaftlicher Zusammenhalt. Hildenbrand betrachtet Einsamkeit nicht allein als individuelles Problem. Er sieht darin vielmehr eine gesellschaftliche Herausforderung, auf die auch die Politik reagieren müsse. Mit einer Landesstrategie möchte er dem Problem entgegenwirken.
Konsequenzen aus AfD-Erfolgen
Zum Ende des Gesprächs äußerte sich Hildenbrand auch zur politischen Entwicklung in Deutschland. Die jüngsten Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland und ihre steigende Bedeutung sieht er mit Sorge. Der Grünen-Politiker wirft der Partei vor, sich zunehmend zu radikalisieren und Menschen anzugreifen, die nicht ihrem Weltbild entsprechen. „Das sind offene Angriffe auf die Werte unseres Grundgesetzes und unserer Verfassung. Und es sind auch ganz erkennbar Angriffe auf Menschen, die nicht in das Weltbild dieser Partei passen. Und das macht auch was mit diesen Menschen“, sagte Hildenbrand. Er beklagte außerdem eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung.
„Es gibt offensichtlich immer mehr Menschen, die sich den lieben langen Tag mit der Frage beschäftigen, wie sie Menschen gegeneinander aufbringen, wie sie Menschen gegeneinander ausspielen, wie sie Menschen klein machen.“ Die Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt bezeichnete Hildenbrand als „krasse Zäsur“. Er zeigte sich überrascht, dass die öffentliche Reaktion darauf nicht stärker ausgefallen sei. Der Minister fordert ein Verbotsverfahren gegen die AfD vor dem Bundesverfassungsgericht. „Für 'Wehret den Anfängen' ist es schon längst zu spät und wir sollten handeln. Der Schutz unserer Demokratie in unserer offenen Gesellschaft, der ist uns wichtig und wir greifen auch zu den Instrumenten, die unsere Verfassung dafür vorsieht.“
Kürzungen bei „Demokratie leben“
Hildenbrand kritisierte zudem die Pläne der schwarz-roten Bundesregierung, die Förderung zahlreicher Projekte im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ zu beenden. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) will etwa 200 Projekten die Gelder streichen, auch zahlreichen LGBTIQ+-Projekten. Kritiker des Programms werfen ihm eine politisch einseitige Förderung vor. Hildenbrand hält die Kürzungen für den falschen Weg. „Das ist aus meiner Sicht keine Strategie, die Gegnerinnen und Gegner der Demokratie schwächer zu machen, sondern das ist geeignet, die Verteidigerinnen und Verteidiger unserer Demokratie schwächer zu machen.“ Zugleich forderte er von den etablierten Parteien mehr Selbstkritik und eine Politik, die stärker auf konkrete Ergebnisse setzt. „Weniger Polittheater, weniger sinnloser Streit, mehr gemeinsame Ergebnisse, mehr klare Umsetzung, das sind natürlich schon Dinge, die wir wahrnehmen müssen.“ Politiker müssten häufiger das Gespräch mit Bürgern suchen und ihnen das Gefühl vermitteln, mit ihren Anliegen gehört zu werden.