Mit einer neuen Initiative wollen LGBTIQ+-Organisationen in Griechenland gegen Hass, Diskriminierung und Gewalt vorgehen. Unter dem Namen „KAPOU OPA!“, sinngemäß „Jetzt reicht’s!“, haben mehrere Verbände eine Kampagne ins Leben gerufen, die insbesondere bislang nicht gemeldete Übergriffe auf LGBTIQ+-Menschen erfassen soll. Ziel ist es, Betroffenen eine sichere Anlaufstelle zu bieten und die tatsächliche Dimension homophober Gewalt sichtbar zu machen.
Das Wichtigste im Überblick
- Neue Initiative gegen Hass: In Griechenland ist die Kampagne „KAPOU OPA!“ gestartet. Der Name bedeutet sinngemäß „Jetzt reicht’s!“.
- Gewalt bleibt häufig unentdeckt: Im Jahr 2023 wurden in Griechenland offiziell 61 LGBTIQ+-feindliche Vorfälle registriert. Die Organisatoren vermuten eine erhebliche Dunkelziffer.
- Anonyme Meldungen möglich: Über eine neue Internetplattform können Betroffene Übergriffe melden. Die Informationen sollen in die Statistik des Racist Violence Recording Network einfließen.
- Warnung vor zunehmender Hetze: Nach der Einführung der Ehe für alle im Jahr 2024 befürchten die Initiatoren im Vorfeld der nächsten griechischen Wahlen weitere Anfeindungen.
- Vorbild für Europa: Die griechische Initiative soll ähnliche Projekte in anderen Ländern anregen.
Angriffe nehmen zu
An dem Projekt beteiligen sich mehrere Organisationen, darunter ein queeres griechisches Magazin, eine Beratungsstelle in Zusammenarbeit mit dem Athens Pride sowie die European LGBTQI+ Media Association (ELMA). Vorgestellt wurde die Initiative bei einer Pressekonferenz im bekannten Athener Club Sodade. Dabei warnten die Beteiligten vor einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung und einem politischen Klima, in dem queere und homosexuelle Menschen immer häufiger zur Zielscheibe von Anfeindungen werden. Die Organisatoren sehen die Situation in Griechenland als Teil einer internationalen Entwicklung. In zahlreichen Ländern nehmen nach ihrer Einschätzung politische Angriffe auf die Rechte von LGBTIQ+-Menschen zu. Die Entwicklung zeige, dass bereits erreichte Fortschritte bei der Gleichstellung nicht zwangsläufig dauerhaft gesichert seien.
Hasswelle nach Ehe für alle
Griechenland hatte im Jahr 2024 die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare legalisiert. Die Entscheidung galt als historischer Schritt für die Gleichberechtigung im Land. Die parlamentarische Debatte war allerdings von heftigen gesellschaftlichen Kontroversen begleitet. Insbesondere in sozialen Netzwerken und Teilen der Medien verbreiteten sich damals zahlreiche homophobe Äußerungen. Nach Einschätzung der Kampagnenverantwortlichen zeigte sich dabei, wie schnell politische Diskussionen über Minderheitenrechte in persönliche Anfeindungen umschlagen können. Mit Blick auf die bevorstehenden nationalen Wahlen befürchten die Organisatoren, dass sich die aggressive Rhetorik jetzt weiter verstärken könnte. Die Initiative richtet sich deshalb nicht nur gegen körperliche Gewalt. Sie will auch auf die Folgen von Hassrede aufmerksam machen. Ihre zentrale Botschaft lautet, dass Hassrede weder „lediglich eine Meinung“ noch eine legitime Ausübung der „Meinungsfreiheit“ sei.
Viele Übergriffe und Attacken
Ein Schwerpunkt von „KAPOU OPA!“ liegt allerdings trotzdem verstärkt auf der Erfassung queerfeindlicher und homophober Vorfälle. Nach dem Jahresbericht des Racist Violence Recording Network (RVRN), eines Netzwerks zur Dokumentation rassistisch und vorurteilsgeleiteter Gewalt, wurden in Griechenland im Jahr 2023 insgesamt offiziell gerade einmal 61 Angriffe gegen LGBTIQ+-Menschen registriert. Die Organisatoren gehen allerdings davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt. Bislang würden vor allem jene Fälle bekannt, in denen sich Betroffene an die Polizei oder an Nichtregierungsorganisationen wenden. Viele Menschen verzichteten dagegen darauf, Beleidigungen, Bedrohungen oder körperliche Angriffe zu melden. Als Gründe werden unter anderem Angst, Unsicherheit, mangelndes Vertrauen in staatliche Institutionen und der bürokratische Aufwand einer Anzeige genannt. Dadurch bleiben zahlreiche Übergriffe in offiziellen Statistiken unberücksichtigt. Bestätigt wird die Annahmen von Untersuchungen der EU Grundwerteagentur, die aufzeigte, dass nur zehn Prozent der Attacken gegen Homosexuelle und queere Personen auch tatsächlich angezeigt werden.
Anonyme Plattform soll helfen
Um diese Lücke zu verkleinern, haben die Initiatoren eine digitale Meldemöglichkeit eingerichtet. Über eine neue Plattform können Menschen in Griechenland LGBTIQ+-feindliche Vorfälle anonym und in einem geschützten Rahmen dokumentieren. Die eingehenden Meldungen sollen direkt in die offiziellen Statistiken des RVRN einfließen. Damit erhoffen sich die Verantwortlichen ein genaueres Bild der tatsächlichen Situation. Die gesammelten Informationen sollen zugleich eine Grundlage für politische Forderungen schaffen. Denn ohne belastbare Daten lasse sich nur schwer nachweisen, wie verbreitet Gewalt gegen LGBTIQ+-Menschen tatsächlich sei und welche staatlichen Schutzmaßnahmen erforderlich seien. Eine umfassendere Dokumentation könnte deshalb dazu beitragen, gesetzliche Veränderungen und gezielte Unterstützung für Betroffene voranzubringen.
Probleme in anderen EU-Ländern
Die Entwicklung in Griechenland weist dabei offenbar deutliche Parallelen zur Situation in Tschechien auf. Dort hatte die parlamentarische Debatte über die Ehe für alle ebenfalls eine Welle homophober Äußerungen ausgelöst. Nach Angaben der tschechischen Organisation In IUSTITIA, die sich seit Jahren mit vorurteilsgeleiteter Gewalt beschäftigt, gehören LGBTIQ+-Menschen zu den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen des Landes. Wie in Griechenland vermuten Fachstellen auch in Tschechien eine hohe Dunkelziffer. Die Folgen sind vergleichbar mit der Situation in Griechenland: Ein erheblicher Teil der Gewalt bleibt für staatliche Stellen unsichtbar. Die Initiatoren von „KAPOU OPA!“ wollen deshalb über Griechenland hinaus Impulse setzen. Die Kampagne versteht sich damit auch als mögliches Modell für andere europäische Länder.