Als Mycroft Holmes konnte er mit einem Blick klarmachen, wer in der Familie wirklich das Sagen hat. Doch Mark Gatiss ist weit mehr als Sherlocks undurchsichtiger Bruder: Er hat den Welterfolg hinter der Kamera mit erfunden, britischen Humor ins Albtraumhafte getrieben und schwulen Figuren Platz in seinen Geschichten verschafft. Heute, am 17. Oktober, wird der Schauspieler, Autor und Regisseur 60 Jahre alt.
Das Wichtigste im Überblick
- Mark Gatiss wurde am 17. Oktober 1966 im englischen Sedgefield geboren und feiert heute seinen 60. Geburtstag.
- Gemeinsam mit Steven Moffat entwickelte er „Sherlock“; vor der Kamera spielte er Mycroft Holmes.
- In seiner Krimiserie „Bookish“ ermittelt er als schwuler Buchhändler im London der Nachkriegszeit.
- Gatiss lebt mit dem Schauspieler und Autor Ian Hallard zusammen.
- Für „Bookish“ sind ein Weihnachtsspecial und eine dritte Staffel angekündigt.
Mehr als Sherlocks Bruder
Viele kennen sein Gesicht, bevor sie seinen Namen kennen. Gatiss gibt gern Männern eine besondere Schärfe, die höflich sprechen und dabei ziemlich bedrohlich wirken. In „Sherlock“ wurde daraus Mycroft: elegant, überlegen und für seinen jüngeren Bruder eine verlässliche Quelle der Gereiztheit. Die Serie machte Benedict Cumberbatch und Martin Freeman zu einem der berühmtesten Ermittlerduos des Fernsehens. Mit Andrew Scott, der als Moriarty begeisterte, gehörte ein weiterer offen schwuler Schauspieler zum Ensemble.
Gatiss hatte da längst seine eigene Fangemeinde. Mit „The League of Gentlemen“ verband er Komik und Horror zu einer ziemlich ungemütlichen Vorstellung englischer Provinz. Für „Doctor Who“ schrieb er Abenteuer, mit Moffat entwickelte er später „Dracula“. Sein Vergnügen an Monstern, Geheimnissen und Menschen mit einer sorgsam gepflegten Fassade zieht sich durch diese Arbeiten.
Ein schwuler Mann ermittelt
Mit „Bookish“ hat er sich einen Ermittler auf den Leib geschrieben: Gabriel Book betreibt 1946 in London ein Antiquariat und hilft der Polizei bei Mordfällen. Zwischen seinen Bücherregalen findet er Zusammenhänge, die anderen entgehen. Privat lebt er in einer Zweckehe mit seiner besten Freundin Trottie, gespielt von Polly Walker. Book liebt Männer – in einer Zeit, in der gleichgeschlechtliche Beziehungen für ihn strafrechtliche Verfolgung bedeuten konnten.
Die Freundschaft der beiden ist dabei keine bloße Tarnkulisse. Sie gibt ihnen Rückhalt in einer Gesellschaft, die wenig Raum für ihr Leben lässt. Gatiss verbindet die Lust am Rätsel mit einer Erfahrung, die in klassischen Fernsehkrimis oft keinen Platz bekam: Ein Mann unterstützt die Polizei und muss zugleich darauf achten, dass sie ihm selbst nicht gefährlich wird.
Die Geschichte geht weiter. UKTV hat ein zweiteiliges Weihnachtsspecial unter dem Titel „The Crown of Destiny“ und eine dritte Staffel bestellt. Letztere soll 2027 beim britischen Sender U&alibi laufen.
Liebe abseits der Rollen
Mit Ian Hallard fand Gatiss seinen Partner online, lange bevor Dating-Apps alltäglich wurden. Die beiden standen auch gemeinsam auf der Bühne.
Dass schwules Leben in seinem Werk vorkommt, reicht über einzelne Rollen hinaus. 2017 betreute und inszenierte Gatiss die Monologreihe „Queers“, die ein Jahrhundert britischer schwuler Erfahrungen aufgriff. In „Bookish“ trägt nun ein schwuler Mann ganz selbstverständlich eine Krimiserie, ohne dass die Gefahren seiner Zeit verschwinden. Auch „Queer as Folk“-Schöpfer Russell T Davies, mit dem Gatiss die Arbeit an „Doctor Who“ verbindet, hat britisches Fernsehen um solche Perspektiven erweitert.
Zum 60. steht Gatiss damit für eine Karriere, die sich nie auf eine Rolle festlegen ließ. Der kühle Mycroft ist nur eine davon. Hinter ihm steckt ein Geschichtenerzähler mit einem Faible für dunkle Flure, trockene Pointen und Menschen, die mehr zu verbergen haben, als ihnen lieb ist.