Die schwule Dating-App Grindr kann bestimmte personenbezogene Daten ihrer Nutzer ohne vorherige ausdrückliche Zustimmung für das Training künstlicher Intelligenz (KI) verwenden. Darauf macht der US-amerikanische Investigativjournalist und Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow jetzt aufmerksam. In einem auf Instagram veröffentlichten Video untersucht er die Datenschutzbestimmungen der vor allem von schwulen und bisexuellen Männern genutzten Plattform und kritisiert deren Voreinstellungen.
Das Wichtigste im Überblick
- KI-Training mit Nutzerdaten: Grindr kann Profilfotos, Alter, Nutzernamen und sogenannte Taps standardmäßig zum Training seiner künstlichen Intelligenz verwenden. Nutzer müssen dieser Verwendung aktiv widersprechen.
- Ronan Farrow erhebt Vorwürfe: Der Pulitzer-Preisträger kritisiert die Voreinstellungen der Dating-App und warnt vor möglichen Datenschutzrisiken.
- Millionenstrafen und Datenschutzskandale: In Norwegen wurden wegen der Weitergabe sensibler Grindr-Daten hohe Geldstrafen verhängt. In Großbritannien stimmte das Unternehmen einem Vergleich über 30 Millionen Euro zu.
- Nutzer können widersprechen: In den Datenschutzeinstellungen lässt sich die Verwendung bestimmter Daten für das KI-Training deaktivieren. Bereits erhobene Informationen werden dadurch nicht automatisch gelöscht.
Fotos für die KI
Im Mittelpunkt stehen zwei Kategorien personenbezogener Informationen, die Grindr unterschiedlich behandelt. Besonders sensible Daten wie Geschlecht, Präferenzen hinsichtlich der sexuellen Rolle, Chat-Inhalte und genaue Standortinformationen dürfen nach Angaben des Unternehmens nur mit ausdrücklicher Einwilligung für das KI-Training verwendet werden. Anders verhält es sich bei den sogenannten „Limited Data“. Dazu gehören Profilfotos, das Alter, der angezeigte Nutzername und Taps, mit denen Nutzer anderen Personen ihr Interesse signalisieren können. Für diese Daten ist die Verwendung zum KI-Training standardmäßig aktiviert.
Wer dies verhindern möchte, muss die entsprechende Einstellung selbst deaktivieren. „Für diese Daten fragt Grindr überhaupt nicht nach deiner Erlaubnis. Sie werden einfach automatisch gesammelt und verwendet, um seine große schwule künstliche Intelligenz zu füttern“, kritisiert Farrow. Die Möglichkeit, der Verwendung dieser Informationen zu widersprechen, ist in der offiziellen Datenschutzdokumentation von Grindr beschrieben. Das Unternehmen erklärt zudem, bestimmte Gesundheitsinformationen vom KI-Training auszunehmen. Dazu zählen der HIV-Status, Angaben zu HIV-Tests und Impfungen.
Testphase für EDGE
Die von Grindr entwickelte künstliche Intelligenz kommt auch bei einem neuen Premium-Angebot zum Einsatz. Unter dem Namen EDGE testet das Unternehmen ein Abonnement, das Nutzern personalisierte Funktionen auf Grundlage ihrer bisherigen Interaktionen bieten soll. „Diese KI treibt jetzt EDGE an, ein Premium-Abonnement, von dem Nutzer eine experimentelle Version ausprobieren können und dafür bis zu 350 Dollar im Monat bezahlen“, erklärt Farrow. Laut der Produkt-Roadmap des Unternehmens für 2026 gehören dazu Vorschläge für potenziell passende Profile, Funktionen zum Entdecken neuer Kontakte und automatische Zusammenfassungen früherer Unterhaltungen. Die Testphase läuft derzeit in Australien, Neuseeland, Kanada und ausgewählten Städten der Vereinigten Staaten. Grindr-Chef George Arison erklärte gegenüber dem Technologieportal TechCrunch, dass die während der Erprobung bekannt gewordenen Preise von mehreren Hundert Dollar monatlich lediglich mögliche Preismodelle darstellten. Der endgültige Abonnementpreis stehe damit noch nicht fest.
Millionenstrafen in Norwegen
Farrow verweist bei seiner Kritik auch auf frühere Datenschutzkontroversen des Unternehmens. „Aber unabhängig davon, wie Grindr deine Daten einstuft, ist die bisherige Bilanz des Unternehmens im Umgang damit … alles andere als beruhigend“, sagt der Journalist. Im Jahr 2021 verhängte die norwegische Datenschutzbehörde gegen Grindr eine Geldstrafe von 65 Millionen norwegischen Kronen, umgerechnet rund 5,5 Millionen Euro. Das Unternehmen hatte personenbezogene Nutzerdaten ohne ausreichende Rechtsgrundlage an Werbepartner weitergegeben und damit gegen die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verstoßen.
„Die Behörde stellte fest, dass allein die Nutzung der App an sich bereits eine Information über die sexuelle Orientierung einer Person darstellt“, erinnert Farrow. Damit können selbst vermeintlich allgemeine Nutzungsinformationen Rückschlüsse auf besonders sensible persönliche Merkmale ermöglichen. Grindr ging gegen die Sanktion gerichtlich vor. Im Oktober 2025 bestätigte jedoch das norwegische Berufungsgericht die Geldstrafe. Die Richter bewerteten zudem die Behauptung des Unternehmens, keine personenbezogenen Daten zu Werbezwecken an Dritte zu verkaufen, als irreführend. Eine weitere Entscheidung folgte Mitte Oktober dieses Jahres. Die norwegische Datenschutzbehörde verhängte gegen das zu Microsoft gehörende Werbetechnologieunternehmen Xandr eine Geldstrafe von 92 Millionen Kronen. Xandr hatte zwischen 2018 und 2020 sensible Informationen von Grindr-Nutzern verarbeitet und an Tausende Werbetreibende weitergegeben. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, ermöglichten diese Daten Rückschlüsse auf die sexuelle Orientierung der Betroffenen.
Katholischer Geistlicher identifiziert
Welche persönlichen Folgen die Auswertung kommerziell verfügbarer Nutzerdaten haben kann, zeigte sich im Fall des katholischen Geistlichen Jeffrey Burrill. Burrill war im Juli 2021 als Generalsekretär der US-amerikanischen Bischofskonferenz zurückgetreten, nachdem das katholische Nachrichtenportal The Pillar über seine mutmaßliche Nutzung von Grindr berichtet hatte. Die Journalisten hatten kommerziell verfügbare Daten über Zeitpunkte und Orte ausgewertet, an denen bestimmte Mobilgeräte aktiv gewesen waren, und die Nutzung der Dating-App mit dem Geistlichen in Verbindung gebracht. Im Juli 2024 reichte Burrill Klage gegen Grindr ein. Er warf der Plattform vor, seine persönlichen Informationen nicht ausreichend geschützt zu haben. Das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück und bestritt, die Quelle der Daten gewesen zu sein, mit denen der Geistliche identifiziert worden war. Nach Recherchen der Washington Post geht es in dem Rechtsstreit auch um die Frage, ob Grindr seine Nutzer ausreichend darüber informiert hatte, dass ihre personenbezogenen Informationen möglicherweise externen Stellen zugänglich sein könnten.
Grindr zahlt 30 Millionen Euro
Bereits 2018 war bekannt geworden, dass Grindr Informationen über den HIV-Status seiner Nutzer zusammen mit weiteren personenbezogenen Daten an externe Unternehmen weitergegeben hatte. Die Enthüllungen führten in Großbritannien zu einer Sammelklage von rund 12.000 Nutzern. Sie warfen der Plattform vor, besonders sensible Gesundheitsinformationen ohne entsprechende Zustimmung weitergegeben zu haben. Im September 2026 erklärte sich Grindr bereit, zur Beilegung des Rechtsstreits insgesamt 26 Millionen britische Pfund zu zahlen, umgerechnet rund 30,3 Millionen Euro. Wie die britische Zeitung The Guardian berichtete, betrifft die Einigung Vorgänge aus der Zeit vor 2020. Das Unternehmen räumte im Rahmen des Vergleichs keine rechtliche Verantwortung ein. Grindr erklärte, seine Datenschutzpraktiken seit dem betreffenden Zeitraum verändert zu haben. Nach eigenen Angaben werden Informationen über den HIV-Status inzwischen nicht mehr für das Training der hauseigenen künstlichen Intelligenz verwendet.
Gefahren in repressiven Staaten
Die Verarbeitung personenbezogener Informationen durch Dating-Apps kann insbesondere in Ländern erhebliche Risiken mit sich bringen, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen strafrechtlich verfolgt werden. Dort können entsprechende Daten genutzt werden, um LGBTIQ+-Menschen zu identifizieren, zu überwachen oder strafrechtlich zu verfolgen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentierte bereits 2023 Fälle digitaler Überwachung und Repression in Ägypten, Irak, Jordanien, Libanon und Tunesien. Die Organisation identifizierte 20 Fälle, in denen Sicherheitskräfte in Ägypten, Irak und Jordanien über Grindr und Facebook gezielt Personen online kontaktierten und in Fallen lockten. Insgesamt wurden 16 Menschen festgenommen und inhaftiert. In mehreren Fällen nutzten die Behörden Fotos, private Unterhaltungen und aus Mobiltelefonen ausgelesene Informationen gegen die Betroffenen.
Farrow sieht vor diesem Hintergrund auch mögliche Risiken beim Training künstlicher Intelligenz mit personenbezogenen Informationen. „Aber sobald deine Daten in ein System künstlicher Intelligenz gelangen, können sie auch wieder herauskommen“, warnt er. Der Journalist verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass unter bestimmten technischen Voraussetzungen personenbezogene Informationen aus KI-Modellen extrahiert werden können. Allerdings gibt es bislang keine Belege dafür, dass dies bei gAI, der von Grindr entwickelten KI-Technologie, tatsächlich geschehen ist.
KI-Training deaktivieren
In seinem Instagram-Video erläutert Farrow, wie Nutzer der Verwendung bestimmter personenbezogener Daten für das KI-Training widersprechen können. Nutzer müssen zunächst ihr persönliches Profil öffnen und anschließend über die Einstellungen zu den Datenschutzeinstellungen wechseln. Dort befindet sich der Menüpunkt „Kontrollen für KI-Technologie“. In dem Video sind drei Schalter zu sehen, die sich auf das Training der künstlichen Intelligenz und die Nutzung KI-basierter Funktionen beziehen. Nach Farrows Angaben sollten Nutzer alle drei Einstellungen einzeln überprüfen. „Bei unseren Tests haben wir festgestellt, dass die anderen aktiviert blieben, wenn wir einen davon deaktivierten“, berichtet er.
Eine weitere Einschränkung betrifft Informationen, die Grindr bereits vor einer Änderung der Einstellungen gesammelt hat. Das nachträgliche Deaktivieren der Datennutzung führt nicht automatisch dazu, dass diese Daten gelöscht werden. „Beachte, dass laut Grindr die Entscheidung, nicht an der Datensammlung teilzunehmen, erst ‚ab diesem Zeitpunkt‘ gilt“, erklärt Farrow. Bestimmte KI-Funktionen lassen sich nach Angaben des Unternehmens grundsätzlich nicht abschalten. Dazu gehören Systeme zur Erkennung von Betrugsversuchen, betrügerischen Aktivitäten und rechtswidrigen Inhalten. Grindr begründet deren Einsatz mit der Sicherheit der Plattform.
Voreinstellungen in der Kritik
Für Farrow liegt das grundlegende Problem nicht allein darin, welche Daten Grindr für das KI-Training verwendet. Entscheidend sei vielmehr, dass bestimmte Formen der Datennutzung bereits aktiviert sind, bevor sich Nutzer bewusst dafür entscheiden. „Seit fast zwanzig Jahren kommen Dutzende Studien zu demselben Ergebnis: Menschen neigen dazu, die voreingestellten Einstellungen beizubehalten“, erklärt der Journalist. Grindr ermöglicht zwar den Widerspruch gegen die Verwendung bestimmter persönlicher Informationen. Wer davon Gebrauch machen möchte, muss die entsprechenden Funktionen jedoch selbst finden und deaktivieren.