Am 15. Oktober 1926 wurde Michel Foucault in Poitiers geboren. Zu seinem 100. Geburtstag lohnt sich ein Blick nach Hamburg: Hier lebte der französische Philosoph 1959/60, arbeitete an „Wahnsinn und Gesellschaft“ und erkundete das schwule St. Pauli. Eine kurze Station, die zur Kulturgeschichte der Stadt gehört.
Das Wichtigste im Überblick
- Foucault leitete 1959/60 das Institut français Hamburg und lehrte an der Universität.
- In der Hansestadt überarbeitete er sein erstes großes Werk.
- Seine spätere Forschung fragte nach dem Verhältnis von Sexualität, Wissen und Macht.
- Am 5. und 6. November 2026 erinnert eine Hamburger Tagung an den Denker. Der Eintritt ist frei.
Ein Dozent mit offenen Fragen
Mit der Leitung des französischen Kulturinstituts war ein Lehrauftrag am Romanischen Seminar verbunden. Foucault behandelte dort unter anderem Rousseau und den Existenzialismus. Ein ehemaliger Student, der Romanist Jürgen Schmidt-Radefeldt, erinnerte sich später an frei gehaltene Vorträge auf Französisch und lebhafte Diskussionen. Der Austausch ging gelegentlich bei einem Glas Wein weiter.
Die Universität Hamburg beschreibt seinen Alltag als dichtes Nebeneinander von Institutsleitung, wissenschaftlicher Arbeit und nächtlichen Streifzügen. Auch die schwule Szene rund um die Reeperbahn zog ihn an. Das war eine Zeit, in der sexuelle Handlungen zwischen Männern in der Bundesrepublik noch strafrechtlich verfolgt wurden.
Hamburg hinterließ eine Spur
In der Heimhuder Straße 55 erinnert seit dem 12. Juni 2019 eine Gedenktafel an Foucault. Die Initiative dazu entstand nach der Veröffentlichung von Rainer Nicolaysens Forschungsaufsatz „Foucault in Hamburg“ im Jahr 2016. Der Historiker hat den Aufenthalt des später weltbekannten Philosophen genauer rekonstruiert.
Die Stadt würdigte bei der Enthüllung zwei Arbeiten aus dieser Phase: die abschließende Überarbeitung von „Wahnsinn und Gesellschaft“ und Foucaults Beschäftigung mit Kants Anthropologie, einschließlich einer französischen Übersetzung. Sein Hamburger Jahr war damit auch eine intensive Arbeitsphase.
Wer bestimmt, was normal ist?
Foucaults späteres Werk bietet bis heute Anknüpfungspunkte für queere Fragen. „Der Wille zum Wissen“, 1976 als erster Band von „Sexualität und Wahrheit“ erschienen, untersucht Sexualität im Zusammenhang mit Wissen und Macht. Es geht darum, wie über Begehren gesprochen wird und wie gesellschaftliche Institutionen diesen Bereich ordnen.
Die Geschichte der Sexualität führte Foucault später weit zurück in die Antike und das frühe Christentum. Er untersuchte, wie Menschen ihr eigenes Begehren zum Gegenstand moralischer Prüfung machten. Für heutige Leserinnen und Leser eröffnet das eine Perspektive auf Regeln, die häufig selbstverständlich wirken: Auch Vorstellungen von Sexualität haben eine Geschichte.
Wie unmittelbar solche Normen das Leben schwuler Männer bestimmten, zeigt die Geschichte der Verfolgung nach Paragraph 175.
Eine Tagung zum Jubiläum
Am 5. und 6. November 2026 findet die Tagung „100 Jahre Michel Foucault“ im Hamburger Institut für Sozialforschung, Mittelweg 36, statt. Zu den Kooperationspartnern gehören das Institut français Hamburg und die Deutsche Gesellschaft für französischsprachige Philosophie. Der Eintritt ist frei. Veranstaltungsinformationen zur Tagung sind beim Verlag abrufbar.
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