Der britische Radiomoderator und frühere konservative Politiker Iain Dale hat in einem ausführlichen Interview über sein Leben als schwuler Mann, seine politischen Ambitionen und seine sexuellen Erfahrungen gesprochen. Der 64-Jährige schildert dabei, wie Homophobie seine Karriere beeinflusste, weshalb er sich erst mit 40 Jahren gegenüber seinen Eltern outete und warum er das Verschwinden schwuler Treffpunkte bedauert.
Das Wichtigste im Überblick
- Coming-Out mit 40: Der britische Radiomoderator Iain Dale erzählte seinen Eltern erst 2002, dass er schwul ist. Freunde hatte er bereits mit 28 Jahren eingeweiht.
- Homophobie in der Politik: Dale ist überzeugt, dass er ohne seine Homosexualität Parlamentsabgeordneter geworden wäre.
- Der 64-Jährige berichtet von regelmäßigen Besuchen schwuler Saunen, anonymen sexuellen Begegnungen und einem versuchten sexuellen Übergriff.
- Dale räumt ein, die Auswirkungen des britischen Paragrafen 28, der die sogenannte Förderung von Homosexualität durch öffentliche Einrichtungen untersagte, lange unterschätzt zu haben.
- Mit seinem Partner John ging Dale 2008 eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein. 2015 heirateten beide.
Coming-Out mit 40 Jahren
Dale engagierte sich zunächst für die Konservative Partei, arbeitete später in der Öffentlichkeitsarbeit und machte sich als politischer Journalist, Blogger und Buchhändler einen Namen. Heute moderiert er vier Talkshows pro Woche beim Radiosender LBC. An einen Rückzug aus dem Berufsleben denkt er nicht. „Ich möchte damit überhaupt nicht aufhören. Ich liebe es, und je länger ich es machen kann, desto besser“, sagte Dale. Der Brite wusste bereits lange vor seinem 40. Geburtstag, dass er schwul ist. Seinen Freunden erzählte er mit 28 Jahren von seiner Homosexualität, gegenüber seinen Eltern schwieg er jedoch weitere zwölf Jahre. „Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Mutter im Auto saß und wir ein tiefgründiges Gespräch führten. Ich war kurz davor, es ihr zu sagen, aber ich konnte einfach nicht den Mut aufbringen“, berichtete er. Erst 2002 sprach er offen mit seinen Eltern darüber.
Die Familie habe das Thema anschließend weitgehend vermieden. „Das wurde in einen praktischen Schrank gepackt, der niemals geöffnet werden sollte, und es hat mich nicht besonders gestört“, sagte Dale. Er selbst habe sich nie ausschließlich über seine sexuelle Orientierung definiert. Noch nie habe er an einer Pride-Veranstaltung teilgenommen. Er habe sich „immer als einen Mann betrachtet, der zufällig schwul ist, und nicht als einen Schwulen, der zufällig ein Mann ist“. Seine Mutter sei stark von ihrem ländlichen Umfeld und den Vorstellungen ihrer Generation geprägt gewesen. Mit gesellschaftlichen Veränderungen außerhalb ihres unmittelbaren Lebensbereichs habe sie sich kaum beschäftigt.
Einmal habe sie seine Schwester gefragt: „Was ist ein Wichser?“ „Wir haben oft darüber gelacht, wie lieb und unschuldig sie war“, erinnerte sich Dale. Nach seinem Coming-Out hätten Mutter und Sohn nicht mehr über seine Homosexualität gesprochen. Seinen Partner John habe sie allerdings ausgesprochen herzlich aufgenommen. „Sie verstand sich mit John auf Anhieb hervorragend. Selbst nachdem sie die schreckliche Wahrheit erfahren hatte, behandelte sie ihn immer wunderbar und vertraute ihm Dinge an, die sie nicht einmal meinen Schwestern erzählte.“
„Offenkundig schwul“
Während Dale im privaten und beruflichen Alltag nach eigenen Angaben nur selten Nachteile wegen seiner Homosexualität erlebte, sieht er seine politische Karriere dadurch erheblich beeinträchtigt. Vor seiner Kandidatur für das britische Unterhaus im Wahlkreis North Norfolk im Jahr 2005 hatte seine Teilnahme an einer Veranstaltung der Tory Campaign for Homosexual Equality für Gerüchte gesorgt. Bei einer örtlichen Wahlveranstaltung reagierte Dale darauf mit Humor. „Ja, ich bin schwul, aber ich bin auch Anhänger von West Ham United – was in Norfolk vermutlich weitaus schlimmer ist.“ Auch während seiner Bewerbung um eine Kandidatur im Wahlkreis Bracknell wurde seine Homosexualität öffentlich thematisiert. „Die Daily Mail veröffentlichte damals eine Kolumne, in der sie mich als ‚offenkundig schwul‘ bezeichnete. Ich beschwerte mich bei der Press Complaints Commission und verlor.“
Dale glaubt, dass er ohne diese Vorbehalte eine parlamentarische Laufbahn eingeschlagen hätte. „Wenn ich nicht schwul gewesen wäre, wäre ich Parlamentsabgeordneter geworden. Aber ich sitze hier nicht und denke: ‚Ach, wenn doch nur ...‘“ Außerhalb der Politik habe er keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht. „In meinem nichtpolitischen Berufsleben fällt mir nichts ein, worauf sich mein Schwulsein negativ ausgewirkt hätte.“ Trotz seiner Erfahrungen sieht Dale die Bedeutung schwuler Männer innerhalb der konservativen Partei mit einem gewissen Humor. „Die Konservative Partei würde ohne die Schwulen nicht existieren.“
Späte Kritik an Paragraf 28
Auch die frühere Gesetzgebung seiner Partei bewertet Dale inzwischen differenzierter. Besonders gilt das für den sogenannten Paragrafen 28, der ab 1988 öffentlichen Einrichtungen in Großbritannien untersagte, Homosexualität zu „fördern“. Die Regelung wurde in Schottland 2000 und in England und Wales 2003 abgeschafft. Dale habe das Gesetz zunächst mit einer einfachen Überlegung betrachtet. „Ich hatte einfach die ziemlich vereinfachte Ansicht, dass meiner Meinung nach eigentlich nichts, was irgendwie mit Sex zu tun hat, in Schulen gehört.“ Heute erkennt er jedoch die abschreckende Wirkung, die das Gesetz auf Lehrkräfte und homosexuelle Jugendliche haben konnte. „Wenn das zehn Jahre früher gewesen wäre und ich als 15-Jähriger mit einem Lehrer hätte sprechen wollen, hätte der vielleicht gedacht, dass er das Thema nicht einmal ansprechen dürfte.“
Auch die Haltung der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher kann er rückblickend nicht nachvollziehen. „Ich kann Margaret Thatchers Logik dahinter noch immer nicht verstehen. Sie war nie besonders zensurfreudig, und viele ihrer Berater waren schwul.“ Dass der Paragraf bis heute als Argument gegen die Konservative Partei angeführt wird, findet Dale allerdings „ein bisschen seltsam“ und meint: „Da denke ich mir: Schaut doch, was seitdem alles passiert ist.“
Leben als „Saunaschlampe“
Ungewöhnlich offen spricht Dale auch über sein früheres Liebes- und Sexleben. Ende der 1980er-Jahre hatte er Beziehungen mit Frauen, obwohl er sich nicht als bisexuell bezeichnet. „Ich hatte keine Freundin, um zu verbergen, dass ich schwul war, und ich hatte wirklich Gefühle für diese Frauen. Aber sobald es einen bestimmten Punkt erreichte, ging ich einfach nicht weiter.“ Später entdeckte er die Londoner Schwulensaunen für sich. „Ich war eine Saunaschlampe“, sagt Dale rückblickend. „Ich würde nicht sagen, dass ich jemals nach Sex an sich süchtig war, aber ich war süchtig nach diesem ganzen Saunaerlebnis.“
In den 1990er-Jahren habe es zahlreiche solcher Einrichtungen gegeben. Sie seien nicht nur Orte für sexuelle Begegnungen, sondern auch wichtige Treffpunkte schwuler Männer gewesen. Dale lernte dort zwei Männer kennen, mit denen er später längerfristige Beziehungen führte. Auch mehrere Freundschaften entstanden bei seinen Saunabesuchen. „Es war wie in einer Bar, in der man einfach ein Gespräch anfangen konnte, das nicht zwangsläufig zu irgendetwas anderem führen musste.“ Dass viele dieser Einrichtungen inzwischen verschwunden sind, bedauert er. „Sie waren überall. Ich bedaure irgendwie, dass sie verschwunden sind. Die Apps haben sie verdrängt, und dort ist alles so viel anonymer als im Kontakt mit echten Menschen.“
In einer Sauna habe man sich auch mit Männern unterhalten können, zu denen keine sexuelle Anziehung bestand. „Natürlich kann es sein, dass man jemanden furchtbar findet und derjenige einen selbst ebenfalls furchtbar findet. Aber man kann sich trotzdem mit ihm unterhalten.“ Heute sieht Dale besonders für ältere schwule Männer weniger Möglichkeiten, neue Bekanntschaften zu schließen. „Wenn man nicht in einer Beziehung ist und inzwischen ungefähr in meinem Alter, wie soll man dann außer über Grindr noch jemanden kennenlernen?“
Leben in der Aidskrise
Auch über seine sexuellen Erfahrungen während der Aidskrise spricht Dale im Interview. Auf die Frage, ob er sich während seiner anonymen sexuellen Begegnungen in Londoner Saunen vor einer HIV-Infektion gefürchtet habe, erklärte er: „Ich habe eigentlich keinen Analsex, habe ich auch nie wirklich gehabt. Ich könnte wahrscheinlich an den Fingern beider Hände abzählen, wie oft ich das gemacht habe.“ Seine damalige Einschätzung der Gefahr sei entsprechend gewesen. „Ich erinnere mich nicht, dass ich wegen HIV/Aids besorgt gewesen wäre, weil ich dachte: ‚Das mache ich nicht.‘“ In seiner Autobiografie schildert Dale außerdem einen sexuellen Übergriff aus seiner Jugend. Ein betrunkener Mann habe wiederholt versucht, ihn zu vergewaltigen. Dale beschreibt einen heftigen körperlichen Kampf, bei dem er versuchte, sich gegen den Angreifer zu wehren. Schließlich gelang ihm die Flucht.
Veränderungen in kurzer Zeit
Besonders deutlich wird Dales veränderte Lebenssituation beim Blick auf die rechtliche Gleichstellung homosexueller Menschen. Als er 1962 geboren wurde, waren sexuelle Handlungen zwischen Männern in Großbritannien noch strafbar. 2008 ging er mit seinem Partner John eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein. 2015 heirateten die beiden. „Ich glaube nicht, dass den Menschen bewusst ist, dass all diese Gesetze innerhalb von nur einem Vierteljahrhundert eingeführt wurden.“ Die gesellschaftlichen und rechtlichen Veränderungen hätten seine früheren Erwartungen weit übertroffen. „Ich hätte nie vorhersehen können, dass Schwule Kinder adoptieren dürfen, heiraten können und genau dieselben Rechte haben wie alle anderen. Dass so etwas in so kurzer Zeit passiert, ist phänomenal.“