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Kuss-Foto löst Hasswelle aus Zwei schwule junge Männer aus Italien wehren sich

Von ms - 14.10.2026 - 10:30 Uhr
Kuss-Foto löst Hasswelle aus
Foto: Threads / Cristian Valdinoci
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Ein Kuss vor einer Geburtstagstorte, aufgenommen von der Großmutter: Was für zwei junge Männer aus Italien eine schöne Erinnerung an eine Familienfeier sein sollte, hat im Internet eine gigantische Welle homophober Anfeindungen ausgelöst. Cristian Valdinoci (23) und Luca Leonardi (22) wurden nach der Veröffentlichung ihrer Fotos auf der Plattform Threads mit Beleidigungen, abwertenden Kommentaren und sogar einer Forderung nach ihrer Tötung konfrontiert. Der Fall sorgt landesweit in Italien für Schlagzeilen und große Besorgnis in der Community. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Familienfoto als Auslöser: Cristian Valdinoci (23) und Luca Leonardi (22) veröffentlichen Bilder einer Geburtstagsfeier, darunter ein Foto, auf dem sie sich küssen.
  • Massive Anfeindungen: Der Beitrag erreicht mehr als 262.000 Aufrufe und 1.600 Kommentare. Neben Glückwünschen erschienen zahlreiche homophobe Beleidigungen.
  • Aufruf zur Tötung: Ein Nutzer fordert unter Berufung auf religiöse Schriften die Todesstrafe für homosexuelle Männer.
  • Kritik an Meta: Das Paar bemängelt, dass die Plattform Threads nur einen Teil der Hasskommentare entfernt hat.
  • Keine Angst vor Anfeindungen: Beide wollen ihre Beziehung weiterhin öffentlich zeigen. Cristian hatte sich bereits als Jugendlicher juristisch gegen Mobbing gewehrt.

Kuss bei Geburtstagsfeier

Die beiden Männer leben in der Nähe der italienischen Küstenstadt Rimini und sind seit sieben Monaten ein Paar. An einem Sonntag feierten sie gemeinsam Cristians Geburtstag – den ersten seit Beginn ihrer Beziehung. Auf der Torte stand „Auguri Cri“ („Alles Gute, Cri“). Während die Geburtstagskerze brannte, hielt Lucas Großmutter die Feier mit ihrer Kamera fest. In seiner Familie sei es seit jeher üblich, besondere Momente zu fotografieren, erzählten die beiden jungen Schwulen der italienischen Presse. Auf einem der Bilder küssen sich Cristian und Luca vor der Torte. Am Abend veröffentlichte Cristian insgesamt vier Aufnahmen auf Threads, dem sozialen Netzwerk des Facebook-Mutterkonzerns Meta. Dazu schrieb er: „Und trotzdem glaube ich, dass das Schicksal wusste, dass ich dich brauchte.“

Zahlreiche Beleidigungen

Innerhalb weniger Stunden verbreiteten sich die Bilder weit über den Freundeskreis des Paares hinaus. Bereits am Morgen danach verzeichnete der Beitrag rund 4.100 Likes und mehr als 300 Kommentare. In den folgenden Tagen stiegen die Zahlen auf über 9.000 Likes, 1.600 Kommentare und 262.000 Aufrufe. Zunächst reagierten zahlreiche Nutzer mit Glückwünschen und Herzsymbolen. Doch zunehmend erschienen auch homophobe Äußerungen. „Wie ekelhaft! Mir kommt das Kotzen“, schrieb ein Nutzer. Andere kommentierten die Bilder mit „Versteckt euch doch … widerlich“ oder veröffentlichten Reihen von Kotz-Emojis.

Ein russischer Nutzer reagierte mit einem Standbild aus einem alten sowjetischen Film und dem Wort „Schande!“. Ein anderer Beitrag zeigte eine Figur, die einen Sprengzünder betätigt. Mehrere Kommentatoren stellten Homosexualität als Krankheit dar. Unter den Beiträgen fanden sich Aussagen wie „Die sind doch schon in jungen Jahren krank!“, „Du hättest einen Psychologen gebraucht“ und „Jungs, was stimmt mit euch nicht?“. Ein besonders ausführlicher Kommentar kritisierte die gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Menschen mit den Worten: „Klar, sagen wir doch alle, dass uns das gefällt und wir überhaupt kein Problem damit haben. Und wer es nicht gut findet, soll wissen, dass er krank ist, in Therapie muss und, wenn er nicht geheilt wird, mit einer Zwangsjacke in eine Anstalt gesperrt gehört! Wehe, jemand äußert Widerspruch! Wie schön das Jahr 2026 doch ist! Gehen wir alle zur Behandlung, Leute, wir sind ja psychisch krank, wenn wir etwas akzeptieren, ohne es gutzuheißen. Wir müssen es gutheißen, und unsere Kinder müssen alle homosexuell werden! Weil das richtig ist! Das ist die Zukunft! Wie viel Angst mir diese Zukunft macht …“

Nutzer fordert Tötung 

Besonders schwer wiegt ein Kommentar, in dem ein Nutzer unter Berufung auf religiöse Vorschriften die Tötung homosexueller Männer fordert. „Was soll dieser Dreck? Ein Mann, der mit einem Mann das tut, was man mit einer Frau tut, muss getötet werden. Das sage nicht ich, das sagt ein Prophet. Alles andere zählt nicht.“ Später ergänzte derselbe Nutzer: „Die beiden interessieren mich überhaupt nicht. Ich sage das, weil das kein Glück ist, sondern ein Scheußlichkeit.“ Der Kommentar könnte nach italienischem Recht strafrechtlich relevant sein. Ob die Äußerung tatsächlich einen Straftatbestand erfüllt, müsste allerdings juristisch geprüft werden.

Religion als Argument

Zahlreiche weitere Nutzer begründeten ihre Ablehnung der Beziehung allerdings ebenso mit religiösen Überzeugungen oder dem vermeintlichen Schutz von Kindern. „Ich bleibe dabei. Es waren Adam und Eva!“, hieß es in einem Kommentar. Ein anderer Nutzer schrieb: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ In einem weiteren Beitrag wurde Cristian und Luca geraten, ihre Sünden zu bereuen und Jesus Christus als Erlöser anzuerkennen. Auch das Unverständnis gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe wurde offen formuliert: „Ich kann einfach nicht verstehen, wie sich ein Mann oder eine Frau in jemanden desselben Geschlechts verlieben kann. Was löst dieses Gefühl aus, das seit jeher zwischen Mann und Frau existiert? Ich werde es niemals verstehen.“

Andere Kommentatoren warfen dem Paar vor, seine Beziehung öffentlich zur Schau zu stellen. „Eine Beziehung ist ja in Ordnung, aber stellt sie nicht so zur Schau. Wenigstens ein bisschen Anstand. Tut es zumindest für die Kinder, die das sehen. Ihr verwirrt sie.“ Ein weiterer Nutzer verlangte, den Kindern solche Verhaltensweisen zu erklären. Andere stellten die Frage, wie Kinder entstehen. Auch das Thema Elternschaft wurde aufgegriffen. Ein Kommentator schrieb: „Kauft keine Kinder. Kinder kauft man nicht, man macht sie!“ Daneben fanden sich spöttische Bemerkungen wie „Was für eine Freude für Mama und Papa“ oder „Wer von euch beiden ist schwanger?“.

Männlichkeit und Sexualität

Weitere Reaktionen zielten auf die sexuelle Orientierung und das Rollenverständnis der beiden Männer. Ein Nutzer schrieb, er liebe und küsse seine Ehefrau und fragte, ob er nun ebenfalls Fotos veröffentlichen müsse, um seine Heterosexualität zu demonstrieren. Andere behaupteten, die beiden wüssten nicht, was sie durch ihre Homosexualität verpassten. Ein Kommentator forderte Frauen sogar dazu auf, Cristian und Luca durch sexuelle Erfahrungen wieder auf den vermeintlich richtigen Weg zu bringen. Auch das Vorurteil, homosexuelle Männer führten grundsätzlich wechselnde sexuelle Beziehungen, wurde verbreitet. „Behauptet nicht, es sei Liebe, wenn ihr dann doch eine offene Beziehung führt und jeden Tag mit einem anderen herumvögelt“, lautete ein Kommentar.

Hinzu kamen Aussagen wie „Wie zum Teufel sind wir nur so weit gekommen?“. Ein Nutzer verbreitete ein Bild mit der Aufschrift: „Als ich geboren wurde, war es verboten, schwul zu sein. Später wurde es toleriert, aber nur heimlich. Dann wurde es in der Öffentlichkeit akzeptiert. Heute ist es ein Grund zum Stolz. Ich hoffe, ich sterbe, bevor es verpflichtend wird!“ Andere reagierten mit beleidigenden Memes. Aus dem Ausland kamen weitere Kommentare.  Aufmerksamkeit erregte auch der Beitrag einer Mutter, die erklärte, sie könne Homosexualität nicht akzeptieren.

Zustimmung aus Community 

Neben den Anfeindungen gab es allerdings auch viel Unterstützung für Cristian und Luca. Unter zahlreichen beleidigenden Beiträgen erschienen Gegenreaktionen, die teilweise deutlich mehr Zustimmung erhielten als die Angriffe selbst. Auf die Behauptung, die beiden seien krank, antwortete eine Nutzerin: „Krank sind diejenigen, die Kriege führen, du Heuchler!!“ Eine andere reagierte auf die Forderung nach mehr Zurückhaltung vor Kindern mit Humor: „Das Einzige, was hier falsch ist, ist, eine so kleine Torte zur Schau zu stellen. Ansonsten: Es lebe die Liebe, so wie sie ist.“ Ein junger Mann aus Russland markierte einen Freund und schrieb unter die Bilder lediglich: „Das könnten wir beide sein.“

Cristian antwortet mit Ironie

Cristian selbst reagierte auf nahezu alle Kommentare. Nach eigenen Angaben versuchte er dabei, trotz der Beleidigungen nicht selbst ausfallend zu werden. Auf die Frage, wer von beiden schwanger sei, antwortete er: „Wir beide, damit wir dir ein Kind schenken können.“ Einem Nutzer, dem beim Anblick der Bilder angeblich übel wurde, schrieb er: „Dann kotz bitte leise.“ Auf den Ratschlag, seine Pickel auszudrücken, erwiderte er: „Lieber Pickel in jungen Jahren als Neid im Alter!“ Auch religiösen Belehrungen begegnete er deutlich: „Tu mir bitte den Gefallen und sei still.“ Einem Nutzer, der lediglich „vor Ekel“ kommentiert hatte, entgegnete er: „Akzeptier es einfach, fertig.“ Besonders ausführlich reagierte Cristian auf die Aufforderung, Frauen sollten die beiden Männer von ihrer Homosexualität abbringen. Seine Antwort begann mit den Worten: „Denk mal darüber nach, wie es um dich steht: Du siehst zwei glückliche Menschen …“

Den Richtigen gefunden 

Gegenüber der Presse schilderten Cristian und Luca auch ihre Beziehung. Kennengelernt hatten sie sich zunächst durch den Austausch einiger Nachrichten. Danach folgte ein ungezwungenes Treffen, „fast ohne irgendetwas zu planen“. Luca habe anfangs versucht, seine Gefühle und die Entwicklung der Beziehung rational zu verstehen. Mit der Zeit habe er jedoch erkannt, dass sich nicht alles logisch erklären lasse, wenn man dem richtigen Menschen begegne. Die Geburtstagsfotos seien für die beiden deshalb von besonderer Bedeutung gewesen. Sie zeigten nicht nur einen gemeinsamen Abend, sondern erinnerten sie auch an die Entwicklung ihrer Beziehung. Genau deshalb hätten sie die Aufnahmen öffentlich teilen wollen.

Die Erfahrungen haben bei Luca grundsätzliche Fragen über den Umgang miteinander in sozialen Netzwerken aufgeworfen. Seiner Ansicht nach hat die gesellschaftliche Entwicklung mit dem rasanten technischen Fortschritt nicht Schritt gehalten. Ein einzelner Klick könne Menschen unterstützen, ihnen Trost spenden oder Nähe vermitteln. Derselbe Klick könne aber auch verletzen und Hass gegen Minderheiten verbreiten. Entscheidend sei deshalb nicht die Technik selbst, sondern die Menschlichkeit, mit der sie genutzt werde. Diese Haltung sei in der heutigen Gesellschaft keineswegs selbstverständlich.

Anzeige wegen Mobbing

Für Cristian sind die aktuellen Angriffe nicht die erste Erfahrung mit homophober Feindseligkeit. Bereits als Jugendlicher wurde er in der Schule von zahlreichen Mitschülern gemobbt. Auch im Internet erhielt er Drohungen. Damals entschied er sich, die Übergriffe nicht länger hinzunehmen, und erstattete Anzeige gegen die Verantwortlichen. Der Fall gelangte schließlich vor Gericht. Dort begegnete Cristian den früheren Mitschülern persönlich. Die Beschuldigten zeigten Reue und entschuldigten sich bei ihm. Daraufhin zog Cristian seine Anzeige zurück. Ihm sei es vor allem darum gegangen, dass seine Erfahrungen ernst genommen und die Übergriffe anerkannt wurden. Die Entschuldigung habe er deshalb als persönlichen Erfolg empfunden. Heute verspüre er keinen Groll mehr. Auch die aktuelle Hasswelle habe ihn nicht eingeschüchtert. Beide Männer fühlten sich von ihrem persönlichen Umfeld unterstützt.

Kritik an Meta 

Deutliche Kritik äußern Cristian und Luca am Betreiber der Plattform Threads. Meta habe zwar einige beleidigende Kommentare gelöscht, zahlreiche andere Beiträge seien jedoch weiterhin sichtbar geblieben. Dabei sei offenbar auf die Meinungsfreiheit verwiesen worden. Die beiden bezeichnen diesen Umgang als „äußerst besorgniserregend“. Sie fordern insbesondere, Kinder und Jugendliche frühzeitig zu einem respektvollen Umgang mit anderen Menschen zu erziehen. Vorurteile entstünden häufig bereits in jungen Jahren. Deshalb müsse auch die schulische Bildung einen Beitrag leisten, um Diskriminierung entgegenzuwirken. In Italien ist die Sexual- und Beziehungserziehung an Schulen politisch umstritten. Im Juni 2026 wurden unter Bildungsminister Giuseppe Valditara gesetzliche Einschränkungen beschlossen. Demnach sind entsprechende Unterrichtsinhalte in Kindergärten und Grundschulen untersagt. An Mittel- und Oberschulen ist die Zustimmung der Eltern erforderlich.

Auf die Frage, ob sie die Fotos angesichts der Reaktionen noch einmal veröffentlichen würden, antworteten beide ohne Zögern mit Ja. Ihre Haltung bringen sie mit einem einfachen Satz auf den Punkt: „Wenn dir der Beitrag nicht gefällt, zwingt dich niemand, ihn anzusehen. Ein einfaches Wischen nach oben reicht.“ Ob die beiden wegen einzelner Kommentare Anzeige erstatten werden, ist noch offen. Nach italienischem Recht können bestimmte Formen öffentlicher Beleidigung und Herabwürdigung sowie die Aufforderung zu Straftaten rechtliche Konsequenzen haben. Entscheidend sind dabei der konkrete Wortlaut und die jeweiligen Umstände. 

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