Widder, die andere Männchen bevorzugen, sind kein zoologischer Mythos. Forschende haben bei einem Teil der männlichen Hausschafe eine dauerhafte gleichgeschlechtliche Partnerpräferenz beobachtet. Der oft genannte Anteil von rund acht Prozent entspricht ungefähr jedem zwölften Tier – ist aber keine exakte Quote für alle Schafherden. Der Befund gehört zu einer viel größeren Vielfalt sexuellen Verhaltens im Tierreich.
Das Wichtigste im Überblick
- Bei untersuchten Widderpopulationen wird ein Anteil von bis zu rund acht Prozent mit gleichgeschlechtlicher Partnerpräferenz beschrieben.
- Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten wurde bei mehr als 1.500 Tierarten berichtet.
- Verhalten, dauerhafte Präferenz und menschliche sexuelle Identität sind unterschiedliche Kategorien.
- Die Forschung untersucht auch soziale Funktionen wie Bindung und Konfliktminderung.
Was bei Schafen beobachtet wurde
Die Studie von Surajit Bhattacharya und Kollegen in PLOS One aus dem Jahr 2022 beschreibt Hausschafe als wichtiges Modell für die Erforschung sexueller Partnerpräferenzen. Manche Widder richten ihr sexuelles Verhalten auch bei verfügbaren Weibchen beständig auf andere Männchen. Das unterscheidet die Beobachtung von einem einzelnen gleichgeschlechtlichen Kontakt.
Das Team untersuchte außerdem Unterschiede in der DNA-Methylierung und Genaktivität im Hypothalamus, einem Bereich des Gehirns, zwischen männchen- und weibchenorientierten Widdern. Es fand Unterschiede, betonte aber, dass künftige Arbeiten die konkreten Mechanismen klären müssten. Aus diesen Ergebnissen lässt sich keine einfache Erklärung menschlicher Homosexualität ableiten.
Viel mehr als ein Verhalten in Gefangenschaft
Eine Untersuchung in Nature Communications aus dem Jahr 2023 sammelte Nachweise für gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei 261 Säugetierarten. Dazu zählten Balz, Aufreiten, Genitalkontakte und Paarbindungen. Die Autoren verweisen zudem auf Berichte zu mehr als 1.500 Arten über die verschiedenen Tiergruppen hinweg.
Bei vielen Säugetierarten der Auswertung gab es Beobachtungen in freier Wildbahn oder unter halbwilden Bedingungen. Das Verhalten ist also nicht allein eine Folge von Zoohaltung. Zugleich warnt das Forschungsteam vor unvollständigen Daten: Nicht alle Arten werden gleich intensiv beobachtet. Fehlende Berichte bedeuten deshalb nicht automatisch, dass ein Verhalten bei einer Art fehlt.
Was soziale Bindungen damit zu tun haben
Die vergleichende Analyse deutet darauf hin, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei manchen Säugetieren soziale Beziehungen stabilisieren und Konflikte mindern könnte. Das ist ein Erklärungsansatz für evolutionäre Zusammenhänge, keine einheitliche Antwort für sämtliche Arten und jede einzelne Begegnung.
Wie breit das Spektrum beobachteter Verhaltensweisen ist, zeigt auch unser Überblick zu gleichgeschlechtlicher Liebe im Tierreich. Zu Forschung über Primaten hat SCHWULISSIMO im Beitrag über neue Ergebnisse aus Großbritannien berichtet.
Ein Widder hat kein menschliches Identitätslabel
Wenn von „schwulen Schafen“ oder einer „queeren Tierwelt“ die Rede ist, sind das anschauliche menschliche Begriffe. Wissenschaftlich muss genauer unterschieden werden: Ein beobachteter Kontakt ist etwas anderes als eine über längere Zeit erkennbare Partnerpräferenz. Beides ist wiederum nicht mit einer selbst beschriebenen sexuellen Identität gleichzusetzen.
Der Blick auf Tiere widerlegt die Vorstellung, gleichgeschlechtliches Verhalten komme in der Natur nicht vor. Über die Rechte von Menschen entscheidet er jedoch nicht. Akzeptanz darf nicht davon abhängen, ob sich für jede menschliche Lebensweise ein tierisches Gegenstück findet. Die Tierwelt liefert vor allem einen Befund: Sexualverhalten ist vielfältiger, als eine ausschließlich auf Fortpflanzung verengte Betrachtung vermuten lässt.