Wenn aus einem Like ein gemeinsames Leben wird
Manchmal beginnt eine große Liebesgeschichte erstaunlich unspektakulär. Kein zufälliger Zusammenstoß im Café, kein romantischer Moment im Regen, kein lange geplanter erster Schritt. Bei Pascal und Juliano waren es zunächst einfach Likes auf Instagram. Pascal klickte sich durch Julianos Bilder und ließ dabei kaum eines aus. Juliano bemerkte es, likte zurück, irgendwann schrieben sie sich. Erst locker, dann immer häufiger. Aus einzelnen Nachrichten wurden tägliche Gespräche. Aus Neugier wurde Interesse. Und irgendwann war da dieses Gefühl, dass der andere plötzlich ganz selbstverständlich zum eigenen Alltag gehörte.
Als sie sich schließlich zum ersten Mal persönlich trafen, machten beide daraus keine große Sache. Kein Druck, keine Erwartungen, kein Gedanke daran, jetzt unbedingt den Mann fürs Leben finden zu müssen. Sie wollten einfach sehen, ob die Chemie stimmte, ob sie miteinander lachen konnten und ob aus der digitalen Nähe auch im echten Leben etwas entstehen würde.
Es entstand etwas.
Nicht mit großem Knall, sondern leise. Das Treffen fühlte sich schnell vertraut an. Leicht, selbstverständlich und richtig. Heute sind sieben Jahre vergangen. Seit September 2025 sind Pascal und Juliano verheiratet.
Dabei könnten die beiden auf den ersten Blick durchaus unterschiedlich wirken. Juliano ist 33, wurde in Brasilien geboren und kam mit 15 Jahren nach Deutschland. Er beschreibt sich selbst als eher rational, beobachtend und strukturiert. Einer, der Dinge gern durchdenkt, bevor er handelt. Gleichzeitig steckt in ihm viel Leidenschaft und Emotionalität. Pascal ist 36, stammt aus Bonn und ist stärker der Gefühlsmensch. Feinfühlig, humorvoll und, wie Juliano sagt, mit einem großen Herzen.
Heute leben beide gemeinsam in Köln. Es ist längst mehr als nur die Stadt, in der sie wohnen. Köln ist ihr Zuhause geworden, ein Ort, an dem sie sich sicher und angekommen fühlen und an dem sie ihr gemeinsames Leben so führen können, wie es zu ihnen passt.
Auch beruflich gehen sie unterschiedliche Wege. Juliano arbeitet bei einer Bank und absolviert parallel seinen Master in Wirtschaftspsychologie. Zurzeit bestimmt deshalb vor allem seine Masterarbeit viele Stunden des Tages. Pascal arbeitet im öffentlichen Dienst und unterstützt Menschen, die sich häufig in schwierigen Lebenssituationen befinden. Zwei unterschiedliche Arbeitswelten, die am Abend wieder in einem gemeinsamen Alltag zusammenkommen.
Dass eine Beziehung nicht nur aus schönen Tagen besteht, mussten Pascal und Juliano sehr deutlich erfahren. Eine plötzliche schwere gesundheitliche Situation brachte Pascal für längere Zeit auf die Intensivstation. Für beide wurde diese Phase zu einer enormen emotionalen Belastung.
Es sind solche Momente, in denen vieles, was vorher wichtig erschien, plötzlich klein wird. Für Pascal und Juliano war diese Zeit eine Grenzerfahrung. Gleichzeitig wurde ihnen deutlich, wie stark ihre Verbindung tatsächlich ist. Sie lernten noch einmal auf eine andere Weise, füreinander da zu sein, auch dann, wenn sich der Alltag nicht mehr planen lässt und plötzlich ganz andere Dinge zählen.
Heute ist gesundheitlich wieder alles gut. Geblieben ist aber die Erfahrung, gemeinsam auch durch eine sehr schwere Zeit gegangen zu sein.
Auch die eigenen Familiengeschichten haben beide geprägt. Für Juliano war das Coming-out zunächst nicht einfach. Vor allem seine Mutter hatte anfangs Schwierigkeiten damit. Veränderung kam nicht über Nacht, sondern durch Zeit, Gespräche, Geduld und gegenseitiges Verständnis. Schritt für Schritt wurde das Verhältnis leichter.
Pascal wiederum wuchs mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit auf. Die Frau, die ihn großzog, war offiziell seine leibliche Tante, für ihn aber von Geburt an seine Mutter. Sie lebte selbst in einer homosexuellen Beziehung und ermöglichte Pascal eine offene und liebevolle Kindheit.
Heute genießen Pascal und Juliano vor allem die Dinge, die sie miteinander teilen können. Reisen, gutes Essen, lange Gespräche, Serienabende und Zeit mit Freunden gehören ebenso dazu wie das Interesse an Politik, Geschichte, Psychologie und persönlicher Weiterentwicklung. Juliano liebt außerdem das Tanzen, Latino-Musik und Sport als Ausgleich zum Alltag.
Vielleicht liegt genau darin eines ihrer Geheimnisse. Sie müssen nicht in allem gleich sein. Der eine denkt manchmal länger nach, während der andere stärker auf sein Gefühl hört. Wo der eine Struktur sucht, bringt der andere Emotionalität hinein.
Nach sieben gemeinsamen Jahren wissen Pascal und Juliano ohnehin, dass eine Beziehung nicht daraus besteht, jederzeit perfekt zu funktionieren. Für sie geht es vielmehr um Vertrauen, gemeinsames Wachstum und darum, sich gegenseitig Kraft zu geben.
Oder, wie sie es selbst ausdrücken: Liebe muss nicht perfekt sein. Sie muss ehrlich sein.
Und manchmal beginnt genau diese Liebe eben einfach mit ein paar Likes auf Instagram. (tb)




















